Johannes Oeldemann zur katholisch-orthodoxen Ökumene

interview oeldemannMitte Februar fand in Wien ein ökumenisches Symposium aus Anlass des zweiten Jahrestags des Treffens zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kirill auf Kuba statt. Welche neuen Impulse hat die Begegnung auf Kuba für den Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche bewirkt?
Die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kirill in Havanna war ein wichtiges Signal, dass beide Seiten gewillt sind, die latenten Spannungen zwischen Rom und Moskau zu überwinden, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion spürbar waren. Die Probleme, die von Moskauer Seite zuvor immer wieder als Hinderungsgrund für eine solche Begegnung benannt worden waren (vor allem die Rolle der unierten Katholiken in der Ukraine), bestehen zwar weiterhin, aber andere Herausforderungen (in erster Linie die Situation der Christen im Nahen Osten) wurden als so dringlich erachtet, dass ein Treffen angebracht erschien. Zu den positiven Impulsen, die von dem Treffen auf Kuba ausgingen, zählen aus meiner Sicht: (1) Im Blick auf den Anlass des Treffens vor allem eine intensivere Kooperation zwischen der Orthodoxen Kirche in Russland und der katholischen Kirche zur Unterstützung der christlichen Minderheit in den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens, wie sie u.a. in gemeinsamen Solidaritätsbesuchen und Hilfslieferungen zum Ausdruck gekommen ist. (2) Im Blick auf die Breitenwirkung das „Ausleihen“ der Reliquien des hl. Nikolaus, die im Frühjahr 2017 für drei Monate von Bari in Italien, wo sie seit Jahrhunderten aufbewahrt und verehrt werden, nach Moskau und St. Petersburg gebracht wurden. Dort nutzten mehr als 2 Millionen Gläubige trotz langer Warteschlangen die Gelegenheit, die Reliquien des in Russland sehr beliebten Heiligen zu verehren. (3) Im Blick auf die Langzeitwirkung die deutlich zunehmenden Bemühungen des Moskauer Patriarchats, über Austauschprogramme (Entsendung russischer Studierender und Doktoranden an westliche Universitäten sowie Organisation von Studienreisen für katholische Priester nach Russland) Räume der persönlichen Begegnung zu schaffen, um überkommene Vorurteile zu überwinden.

Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass die Begegnung des Patriarchen mit dem Papst zumindest in Russland selbst auch negative Reaktionen hervorgerufen hat: Die Einwände gegen die Ökumene, die schon zuvor in fundamentalistischen Kreisen erhoben worden waren und vermutlich ein Grund dafür waren, dass das Treffen auf Kuba im Geheimen vorbereitet worden war, schwollen danach zu einem Proteststurm heran, den man in dieser Form im Patriarchat wohl nicht erwartet hatte. Die harsche Kritik am ökumenefreundlichen Kurs von Patriarch Kirill könnte auch einer der Gründe dafür gewesen sein, dass das Moskauer Patriarchat Anfang Juni 2016 seine Teilnahme an der Heiligen und Großen Synode auf Kreta abgesagt hat, wo das Dokument über die Beziehungen der Orthodoxen Kirche mit der übrigen christlichen Welt zu den umstrittensten Papieren zählte. Aber das ist nur eine Vermutung, die sich nicht verifizieren lässt. Nicht vergessen sollte man, dass die merkliche Entspannung in den Beziehungen zwischen Moskau und Rom mit dazu beigetragen haben dürfte, dass die Delegation des Moskauer Patriarchats bei der 14. Vollversammlung der Internationalen orthodox-katholischen Dialogkommission im September 2016 in Chieti dem sogenannten „Dokument von Chieti“ zugestimmt hat, dessen Thematik und Grundstruktur die wichtigsten Aussagen des von den Russen abgelehnten „Dokuments von Ravenna“ aufnehmen. Falls diese Einschätzung zutrifft, hat die Begegnung auf Kuba damit indirekt auch einen Beitrag für das Vorankommen im theologischen Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken geleistet.

Wie stellt sich das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den anderen orthodoxen Kirchen dar?
Ich würde das Verhältnis zu den anderen orthodoxen Kirchen insgesamt als sehr positiv bezeichnen. Natürlich muss man im Einzelnen differenzieren. Mit dem Ökumenischen Patriarchat gibt es seit Jahrzehnten sehr enge Beziehungen, die durch die gegenseitigen Besuche von hochrangigen Delegationen zum Fest der Apostel Petrus und Paulus in Rom und zum Andreasfest in Konstantinopel gepflegt werden. Patriarch Bartholomaios hat persönlich an der Amtseinführung von Papst Franziskus teilgenommen und seither haben sich die beiden bereits mehrfach getroffen (in Rom, Konstantinopel, Jerusalem und Kairo). Seinerseits unterstützt Papst Franziskus das Engagement des „grünen Patriarchen“ in Umweltfragen und hat nach der Veröffentlichung seiner Enzyklika „Laudato si“ (2015) auch in der katholischen Kirche den 1. September als Gebetstag für die Bewahrung der Schöpfung eingeführt, der als solcher auf eine Initiative des Ökumenischen Patriarchats zurückgeht. Auch die Beziehungen mit den anderen altkirchlichen Patriarchaten entwickeln sich positiv, wie die Besuche von Patriarch Johannes von Antiochien (2013) und Patriarch Theophilos von Jerusalem (2017) in Rom belegen. Insbesondere das Patriarchat von Jerusalem stand dem ökumenischen Dialog zuvor lange Zeit sehr kritisch gegenüber. Dass sich die Beziehungen deutlich verbessert haben, belegt auch die erfolgreiche Kooperation bei der Restaurierung der Kapelle über dem hl. Grab in der Jerusalemer Grabeskirche.

Ohne auf alle autokephalen orthodoxen Kirchen im Einzelnen eingehen zu können, seien zumindest die Beziehungen mit den orthodoxen Rumänen, Bulgaren und Serben noch kurz angesprochen. Mit der Rumänischen Orthodoxen Kirche haben sich die Beziehungen nach den anfänglich harten Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxen und Unierten in Rumänien über den Kirchenbesitz inzwischen zum Positiven entwickelt. In Bulgarien ist die Lage komplizierter, da ein großer Teil des orthodoxen Episkopats der Ökumene reserviert bis ablehnend gegenübersteht. Das macht es den wenigen Bischöfen und den Professoren an den Theologischen Fakultäten, die dem Dialog aufgeschlossen gegenüberstehen, schwer, ökumenische Kontakte zu pflegen oder zu vertiefen. Eine besondere Situation stellen die Beziehungen mit der Serbischen Orthodoxen Kirche dar. Hier gibt es gute persönliche Kontakte zwischen den orthodoxen und katholischen Bischöfen in Serbien, aber die Beziehungen mit den katholischen Kroaten sind nach wie vor sehr schwierig. Das ist weniger – wie man zunächst vermuten könnte – eine Nachwirkung der kriegerischen Konflikte beim Auseinanderbrechen Jugoslawiens in den 1990er Jahren als vielmehr eine Folge der nach wie vor völlig konträren Wahrnehmung der Beziehungen von Serben und Kroaten während des Zweiten Weltkriegs. Kristallisationspunkt dafür ist Kardinal Stepinac, der von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde und auf dessen Heiligsprechung die Kroaten hoffen. Von serbischer Seite wird er dagegen als Kollaborateur des Ustaša-Regimes betrachtet und dementsprechend verurteilt. Auf Initiative von Papst Franziskus hat sich eine bilaterale kroatisch-serbische Kommission mit dem Wirken von Kardinal Stepinac befasst. Der im Juli 2017 vorgelegte Abschlussbericht zeigt, dass die Differenzen in der Beurteilung des Kardinals nicht überwunden werden konnten. Das ist ein Indiz dafür, dass neben dem theologischen Dialog, dem sich die Internationale orthodox-katholische Kommission widmet, nach wie vor eine „Heilung der Erinnerungen“ im Blick auf die Wunden der Vergangenheit erforderlich ist. Der symbolische Akt der Tilgung der Bannsprüche von 1054 im Dezember 1965 ist ein Beispiel dafür, dass so etwas möglich ist. Weitere Schritte auf dem Weg der Versöhnung in Form solcher symbolischer Akte wären notwendig und wünschenswert – nicht nur mit dem Patriarchat von Konstantinopel, sondern auch mit anderen orthodoxen Patriarchaten.

Auf der letzten Sitzung des Koordinationskomitees der Internationalen orthodox-katholischen Dialogkommission auf Leros hat Metropolit Ilarion (Alfejev) vorgeschlagen, die Frage des „Uniatismus“ wieder auf die Tagesordnung der Dialogkommission zu setzen. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich die Kirchen in dieser Frage annähern?
Wenn sich die Dialogkommission, wie nach der Sitzung auf Leros angekündigt, mit dem Verhältnis von Primat und Synodalität im zweiten Jahrtausend befassen will, wird sie nicht umhinkommen, sich auch mit den unierten Ostkirchen zu befassen, die sich – vor allem in der zweiten Hälfte dieses Jahrtausends – aus unterschiedlichen Gründen der Autorität des römischen Papstes unterstellt haben. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, dabei nicht hinter das zurückzufallen, was im Dokument von Balamand (1993) festgehalten wurde: Der „Uniatismus“ war dem damaligen, exklusivistisch geprägten Kirchenverständnis geschuldet und ist als solcher heute „überholt“. Aber das eigentliche Anliegen derjenigen, die den Anschluss an Rom gesucht haben, nämlich die verloren gegangene Einheit wiederherzustellen, bleibt aktuell. Die historisch entstandenen unierten Kirchen können ein gutes Beispiel dafür sein, welche Vielfalt innerkatholisch möglich ist – allerdings nur, wenn Rom bereit ist, ihnen auch genügend Freiraum für eine eigenständige Entwicklung zu lassen. Aufgrund dessen und wegen der Anerkennung der Religionsfreiheit ist es inopportun, ihre Abschaffung oder Auflösung zu fordern, weil sie nicht mehr „zeitgemäß“ seien.

Chancen für eine Annäherung der nach wie vor sehr konträren Sichtweisen sehe ich, wenn die Gespräche über diesen Themenkomplex Folgendes berücksichtigen: (1) Der Dialog über den „Uniatismus“ kann nur mit den Unierten, nicht ohne sie geführt werden. (2) Sowohl Orthodoxe als auch Unierte müssen sich um einen hermeneutisch reflektierten Zugang zur Geschichte bemühen. Die „historische Wahrheit“ kann weder die eine noch die andere Seite für sich beanspruchen. Eine „objektive“ Geschichtsschreibung ist praktisch unmöglich, weil die jeweilige Vorprägung jeden historischen Rückblick beeinflusst. (3) Neben den historischen Ursprüngen muss auch die Gegenwart differenziert wahrgenommen werden. Konflikte zwischen Unierten und Orthodoxen gibt es vor allem in Ost- und Südosteuropa. Im Nahen Osten stellt sich die Situation ganz anders dar: Hier gibt es eine große Nähe, Kirchen werden gemeinsam genutzt, es gibt kirchliche Trauungen von Gläubigen aus orthodoxen und unierten Kirchen. In der Dialogkommission der römisch-katholischen Kirche mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen gehört die Mehrzahl der katholischen Mitglieder einer der mit Rom unierten Ostkirchen an, ohne dass dies je zu Problemen geführt hätte. Das zeigt: Es gibt Möglichkeiten für ein gedeihliches Miteinander von Orthodoxen und Unierten, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Daher sehe ich auch Chancen für eine Annäherung in dieser Frage in der orthodox-katholischen Dialogkommission – allerdings nicht, wenn eine Seite die Kommission als Forum missbraucht, um die andere an den Pranger zu stellen, sondern nur, wenn die Behandlung des Themas auf beiden Seiten vom Willen zur Versöhnung geprägt ist.

Dr. Johannes Oeldemann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn ist Mitglied der Gemeinsamen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Berater der Ökumenekommission und Leiter des Stipendienprogramms der Deutschen Bischofskonferenz für orthodoxe Theologen.

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