Luigji Mila zur gesellschaftlichen Situation in Albanien

interview luigji milaWas sind die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme, mit denen Sie bei Ihrer Arbeit bei Justitia et Pax in Albanien konfrontiert sind?
Dazu muss ich zunächst sagen, dass ich seit 1996 für Justitia et Pax in Albanien arbeite. Damals befand sich das Land mitten in einer chaotischen Transition nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur 1990. Die Rechtstaatlichkeit war schwach entwickelt, die Arbeit der staatlichen Institutionen war chaotisch und es gab viel Korruption. Nachdem sie im Kommunismus unter Armut und Isolation gelitten hatten, waren die Albaner begierig überzukompensieren. Die Menschen verstrickten sich in ein fieberhaftes Wettrennen, um so viel Wohlstand wie möglich zu akkumulieren, Unternehmen zu gründen, sich in einer urbanisierteren Region niederzulassen und Immobilien zu bauen. Bildung wurde kaum beachtet. Damals waren die größten Herausforderungen:
  • eine Kultur der Gewaltlosigkeit in der Lösung von Konflikten zu fördern;
  • zu vermitteln, dass jeder Anrecht auf eine Meinung hat, und diese respektiert werden muss, auch wenn sie von der eigenen abweicht;
  • Informationen über Menschenrechte zu verbreiten und ihre Anwendung zu stärken;
  • die Gleichberechtigung der Geschlechter einzuführen und zu fördern;
  • die Sorge um die Umwelt zu propagieren.
Aus praktischer Sicht gingen wie diese Fragen mit der Implementierung von konkreten Projekten an, die auf den Kern des Problems zielten. Unsere Organisation ist beispielsweise in Albanien bekannt für ihre Arbeit zum Phänomen der Blutrache, zu dem sie Studien und Bildungsaktivitäten durchführt.

So wie sich in den letzten Jahren die Dynamik der sozialen Fragen verändert hat, hat sich auch das Betätigungsfeld von Justitia et Pax in Albanien verändert. Mit Unterstützung von Renovabis und der Maximilian-Kolbe-Stiftung arbeiten wir seit 2012 zur Frage des Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit des Landes. Der Zweck ist, die Wahrheit über die kommunistische Verfolgung bekannt zu machen, sie der nächsten Generation korrekt zu vermitteln und die berüchtigtsten Orte des Leidens in Museen zu verwandeln. Die junge Generation über die Vergangenheit zu unterrichten, ist ein guter Weg, die Wiederholung historischer Fehler zu verhindern.

Die EU hat kürzlich noch einmal die „europäische Zukunft“ der Balkanstaaten hervorgehoben. Wie ist die Stimmung in der albanischen Gesellschaft hinsichtlich des Integrationsprozesses in die EU?
Um ehrlich zu sein: Die Menschen haben nie an der „europäischen Zukunft“ gezweifelt. Das ist die vielleicht am häufigsten ausgesprochene Phrase in der Rhetorik der Politiker in den letzten drei Jahrzehnten. Was die Leute jedoch verzweifeln lässt, ist das Timing der europäischen Integration. Laut Aussagen des EU-Erweiterungskommissars wird eine Mitgliedschaft Albaniens in der EU nicht vor 2025 zur Diskussion stehen.

Während das Land mit organisierter Kriminalität, einem hohen Grad an Korruption und einer stagnierenden Wirtschaft kämpft, haben die jungen Menschen inzwischen die Hoffnung verloren, dass sie je eine Zeit des Wohlstands in Albanien erleben werden. In den letzten fünf Jahren haben zahllose Menschen versucht, über jeden verfügbaren Weg nach Westeuropa zu migrieren. Nachrichtenagenturen berichteten von sehr hohen Zahlen von Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien in Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweden und den Niederlanden. Diese Welle ist abgeebbt, dafür hat der Brain Drain unter jungen Intellektuellen und Fachkräften begonnen, die ihren Blick auf der Suche nach ökonomischer Stabilität und höherer Lebensqualität nach Westeuropa richten. Das ist besonders beim medizinischen Fachpersonal und Elektroingenieuren verbreitet.

Wie man sieht, hat die Bevölkerung einen müden Geist und wenig Energie. Die Menschen hoffen weiterhin, dass die EU entweder den Druck auf die politische Klasse in Albanien erhöht, damit diese die Korruption verringert und bessere Leistungen erbringt, oder wenigstens einige Veränderungen in der Gesetzgebung vornimmt, die es albanischen Bürgern ermöglichen würden, in EU-Staaten zu arbeiten. Das ist das Szenario, das die meisten Menschen vor Augen haben, um dieser „Geiselsituation“ zu entkommen.

Wie gestaltet sich die Kooperation zwischen religiösen Gruppen im Norden von Albanien, wo Sie arbeiten?
Die interreligiösen Beziehungen sind in Albanien im Allgemeinen gut. Die Gläubigen respektieren die Bräuche und Gebetsorte der jeweils anderen, unterhalten Freundschaften und berufliche Beziehungen. Das Verhältnis ist nicht direkt idyllisch, da es manchmal Spannungen gibt, aber diese werden nie öffentlich ausgetragen. Die verbreitetste Art der Spannung zwischen Muslimen und Christen drückt sich in Nordalbanien durch eine Art von sportlichem Wettkampf um politischen Einfluss, akademische Leistungen sowie kulturelle und öffentliche Anerkennung aus. Entsprechend einer ungeschriebenen Regel ist beispielsweise der ernannte Präfekt von Shkodra Christ, wenn der Bürgermeister Muslim ist und umgekehrt. Ich weiß nicht, ob die Gründe für diese leichten Spannungen rein religiös sind. Ich denke, es ist einer der Fälle, bei denen Religion eher eine soziale und kulturelle Kategorie ist, als eine spirituelle Dimension in der Wahrnehmung der Menschen. Auf der institutionellen Ebene pflegen die religiösen Institutionen und ihre Anführer ebenfalls ziemlich gute interreligiöse Beziehungen. Das ist nicht nur um der politischen Korrektheit willen so, sondern weil Humanismus, Empathie und Güte von beiden Religionen gefördert werden. So betreibt die Caritas Albanien ein Projekt, um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten zu unterstützen, von denen 90 Prozent Muslime sind. Und als einige Dörfer mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung von Überschwemmungen getroffen wurden, leisteten muslimische Organisationen viel humanitäre Hilfe.

In Anbetracht dessen, dass die Muslime in Albanien die zahlenmäßige Mehrheit bilden, gebührt ihnen meiner Meinung nach die meiste Anerkennung für die friedliche religiöse Atmosphäre.

Luigji Mila, Generalsekretär von Justitia et Pax in Shkoder, Albanien.

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