Die Ukrainische Orthodoxe Kirche kommt zunehmend unter staatlichen Druck, zugleich wird sie im russischen Krieg gegen die Ukraine vom Moskauer Patriarchat instrumentalisiert. Thomas Bremer erläutert ihr aktuelles Verhältnis zum Staat sowie ihre Schwierigkeiten, ihren eigenen Status zu definieren und sich klar zu positionieren.

An seiner Sitzung im November hat der Hl. Synod der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) mehrere Entscheidungen getroffen, die als weitere  Distanzierung zum Moskauer Patriarchat interpretiert werden können. Zudem kam es in letzter Zeit zu Razzien und Untersuchungen gegen Vertreter der UOK. Sergii Bortnyk ordnet die aktuellen Entwicklungen im Interview ein.

Deutschland: Niederaltaicher Altabt Emmanuel Jungclaussen verstorben

Am 8. Dezember 2018 ist Altabt Emmanuel Jungclaussen im Alter von 91 Jahren im Kloster Niederaltaich verstorben. Jungclaussen war von 1989 bis 2001 der 84. Abt Niederaltaichs, das zu den ältesten Klöstern Bayerns und Deutschlands zählt. Er war geistlicher Schriftsteller und trat aus Interesse an der ökumenischen Arbeit des Klosters dort ein. Emmanuel Jungclaussen hat das ostkirchliche Jesus- und Herzensgebet in Westeuropa bekannt gemacht und war der erste, der es in einer großen Gruppe im Westen gelehrt hat.

In seiner Amtszeit als Abt wurden das Gäste- und Tagungshaus der Abtei eingerichtet und das ehemaligen Internat zu einem Bildungshaus umgebaut. Niederaltaich konnte dadurch seine Angebote in der Erwachsenenbildung, besonders die Kloster-auf-Zeit-Kurse, das Spiritualitätsangebot und die Herzensgebetsseminare erweitern. In der klösterlichen Arbeit war Altabt Emmanuel von 1956 bis 1993 Lehrer am St. Gotthard Gymnasium und unterrichtete die Fächer Deutsch und Religion. Von 1966 bis 1974 war er Pfarrer des Dorfes Niederalteich.

Weil Niederaltaich bereits lange vor dem II. Vatikanischen Konzil in der Ökumene engagiert war, ist Walter Jungclaussen, so der weltliche Name des Abtes, dort eingetreten. Damals war der charismatische Abt Emmanuel Heufelder (1898–1982) die herausragende Persönlichkeit des Klosters. Innerhalb der ökumenisch engagierten Gruppe der Mönche galt Jungclaussens Interesse vor allem der griechischen Kirche, er lernte Neugriechisch und reiste mehrfach auf den Heiligen Berg Athos und nach Griechenland. Die geistliche Literatur der orthodoxen und monastischen Traditionen war ihm somit zugänglich. Mit diesem Wissen wurde Jungclaussen zum Herausgeber von Standardliteratur zum Herzens- und Jesusgebet. Dabei ragen vor allem die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ heraus, ein Buch das bis heute neu aufgelegt wird. Mit dem griechischen orthodoxen Metropoliten Kallistos (Ware) gab er ein weiteres Standardwerk heraus: „Hinführung zum Herzensgebet“. Über die Thematik der geistlichen Versenkung und Meditation ist Jungclaussen auch zum Verbreiter des evangelischen Mystikers Gerhard Tersteegen (1697 – 1769) geworden.

Auch der Buddhismus gehörte zu den Interessengebieten des Altabts. Er suchte den Austausch mit Nonnen und Mönchen aus dem Fernen Osten, die immer wieder in Niederaltaich zu Gast waren. Ihn verband eine Freundschaft mit der buddhistische Nonne Ayya Khema (1923–1997), die ihre Retreats (vergleichbar mit christlichen Exerzitien) zusammen mit ihren Anhängerinnen in Niederaltaich durchführte. In den 1970er Jahren ist Emmanuel Jungclaussen in eine Einsiedelei nach Japan gegangen, um einige Monate in Abgeschiedenheit Zen-Meditation zu leben. In einem Interview 2012 sagte er: „Es war eine wichtige Zeit, aber ich habe danach gewusst, dass mein Weg das Herzensgebet ist.“

Viele Menschen, die geistlichen Rat suchten, besuchten Emmanuel Jungclaussens Vorträge. Oftmals waren die Vortragsräume, wie die Domschule in Würzburg oder in St. Bonifaz in München, zu klein, um alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu fassen. Viele kamen zu Einzelgesprächen in die Abtei, er wurde zum geistlichen Ratgeber und Beichtvater auch von Bischöfen.

Seine spirituelle Sicht hatte Wirkung auf seine ökumenische Arbeit: Er war der Meinung, dass sich über die Spiritualität eine Einheit erfassen lässt, und dass diese Einheit jetzt schon spürbar und erfahrbar ist. „Wenn es zur Einheit kommt, dann über eine tief gelebte Spiritualität“, war sein Credo. Altabt Emmanuel war mit zahlreichen Geistesgrößen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befreundet. Zu ihnen zählten Hugo Makibi Enomiya-Lassalle (1898–1990), ein in Japan lebender Jesuit und Zen-Meister; Karlfried Graf Dürckheim (1896–1988), japanischer Botschafter, Psychotherapeut und Zen-Lehrer; der oben erwähnte Metropolit Kallistos (Ware) und Cyrill v. Korvin-Krasiniski (1905–1992), der noch vor dem Zweiten Weltkrieg Tibetforscher war. Letzter gab dem jungen Mönch, Pater Emmanuel, den Hinweis, sich mit dem Jesusgebet zu befassen. Jungclaussen war von den Schriften des Arztes und „modernen Mystikers“ Carl Albrecht (1902–1965) geprägt, dessen Texte er intensiv studierte.

Über den Raum von Kirche und Religion hinaus wurde Jungclaussen über den Umweltschutz einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Als die bayrische Staatsregierung die Donau ausbauen, begradigen und künstlich fassen wollte, begann der damalige P. Emmanuel Jungclaussen 1994, nach orthodoxem Vorbild die Donau zu segnen. Die Segnungen entwickelten sich schnell zu einem Politikum des Widerstands und waren Anfang der 1990er Jahre selten. Jungclaussen wurde 1998 mit dem Hans Lechner Naturschutzpreis und 2008 mit dem Bayrischen Naturschutzpreis ausgezeichnet. Dem Bund Naturschutz blieb der Abt ein treuer Partner und Schirmherr.

Emmanuel Jungclaussen wurde am 15. Mai 1927 in Frankfurt an der Oder geboren und evangelisch getauft. Mit 19 Jahren konvertierte er zur katholischen Kirche. Dazu hatte ihn ein Erlebnis im Wiener Stephansdom geführt. Dort hatte er während des Kriegs eher zufällig einen Gottesdienst zum Fest Maria Empfängnis besucht. Dieses Erlebnis löste die Hinwendung zu einem geistlichen Weg und zum Priestertum aus. Ab 1949 studierte er katholische Theologie in Frankfurt St. Georgen. 1953 wurde er für das Bistum Osnabrück zum Priester geweiht und ging als Kaplan nach Fürstenau im Landkreis Osnabrück. 1955 trat er in die Abtei Niederaltaich ein. 1989 wählte der Konvent ihn zum Abt, dieses Amt hatte er bis 2001 inne. Beim Besuch des orthodoxen Metropoliten Porfirije (Perić) im Jahr 2016 sagte er „Niederaltaich war für mich ein Glücksfall, hier hatte ich meine Freiheit, mich mit ostkirchlicher Spiritualität und Buddhismus zu beschäftigen, das war in den 50er und 60er Jahren keineswegs selbstverständlich“. Fast alle Besucher der letzten Jahre begrüßte er damit: „Ich bin so dankbar für dieses Leben und für dieses Kloster, das ich gefunden habe.“

Carol Lupu, orthodoxer Theologe, der zusammen mit dem Niederaltaicher Konvent in einer Gemeinschaft lebt; Journalist beim Bayerischen Rundfunk und der ARD.

Hintergrund

Internationale Konferenz für orthodoxe Theologie diskutiert Herausforderungen der Zeit

iota volos iota longAn der zweiten Konferenz der International Orthodox Theological Association zum Thema „Mission und die Orthodoxe Kirche“ wurden aktuelle Herausforderungen der Orthodoxie diskutiert, darunter auch der Krieg in der Ukraine und Fragen der kulturellen und nationalen Identität.

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Ukraine’s largest Orthodox church accused of collaborating with Russia

hintergrund fert uok odTrotz der Erklärung ihrer Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat im Mai 2022 wird der Ukrainischen Orthodoxen Kirche weiterhin Kollaboration vorgeworfen. Andriy Fert zeigt auf, inwiefern ihr Vorgehen inkonsequent oder uneindeutig ist, und welche Vorwürfe berechtigt sind.

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Orthodoxe Kirchen in Russland und der Ukraine

zois roundtable orthodoxe kirchen in ukraine und russlandKurz vor Weihnachten blickte der ZOiS-Podcast zurück auf die aktuelle Situation der orthodoxen Kirchen in der Ukraine und in Russland sowie ihr Verhältnis zum Staat und erörterte Chancen des friedensethischen Denkens in der Orthodoxie.

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Kremlin Notes in the Patriarch’s Christmas Appeal

blog chapnin weihnachtsappell kirillZu Weihnachten hat der russische Patriarch Kirill zu einer Waffenruhe in der Ukraine aufgerufen. Eine Forderung, die vom Kreml propagandistisch initiiert wurde. Sergei Chapnin analysiert den Aufruf und die Motivation des Patriarchen.

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"Violence and power are their main values"

interview grigorij ohanovIm Interview mit dem Projekt "Augenzeugen" spricht Grigori Ohanov, der frühere Leiter einer orthodoxen Jugendorganisation in St. Petersburg, sehr kritisch über die Haltung der Russischen Orthodoxen Kirche zum Krieg, Satanisten und traditionelle Werte, obwohl er selbst noch in Russland ist.

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Six Months Later: The Ukrainian Orthodox Church Still at the Crossroads

Auch sechs Monate nach blog fert uok 6 monate nach dem konzildem Landeskonzil der Ukrainischen Orthodoxen Kirche bestehen bezüglich ihrer Unabhängigkeit noch immer Unklarheiten, und ihre Leitung trägt kaum zur Klärung bei. Andriy Fert zeigt Widersprüche und Herausforderungen auf.

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Kampf gegen die „Kirche des Aggressors“

hintergrund elsner ukraine kirche des aggressorsMit den Entscheidungen des nationalen Sicherheitsrats, die Ukrainische Orthdoxe Kirche gründlich zu untersuchen, ist es offensichtlich zu einer Wende in der Religionspolitik von Präsident Volodymyr Zelenskyj gekommen. Regina Elsner ordnet die Hintergründe und mögliche Folgen ein.

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Ukraine: A New Legal Framework for the UOC?

blog shishkov legal framework uocDas Dekret des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelenskyj, das Verhalten der Ukrainischen Orthodoxen Kirche im Krieg zu überprüfen, hat zahlreiche Gerüchte über ein Verbot dieser Kirche ausgelöst. Woher diese Ängste kommen und was das Dekret tatsächlich bedeutet, erklärt Andrey Shishkov.

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Dossier

RGOW-Dossier: Kirchen in der Ukraine

nök rgow dossier kirchen ukraine thumbnailDas Dossier versammelt Texte aus der Zeitschrift Religion & Gesellschaft in Ost und West aus den Jahren 2012 bis 2019, die den verschiedenen Kirchen in der Ukraine gewidmet sind.

pdfKirchen in der Ukraine

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Autokephalie in der Ukraine: Hintergründe

Sophienkathedrale 200Das Dossier sammelt Berichte und Interviews, die seit April 2018 in der Rubrik Hintergrund bei NÖK erschienen sind. (aktualisiert Januar 2020)

pdfAutokephalie in der Ukraine: Hintergründe

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Publikationen

RGOW 12/2022: Schockwellen. Der russische Angriffskrieg und seine Folgen

cover RGOW 2022 12Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in mehrfacher Hinsicht das bisherige sicherheitspolitische, energiepolitische und ökonomische Koordinatensystem in Europa erschüttert. In dieser Ausgabe gehen wir den Schockwellen nach, die der russische Angriffskrieg in Europa ausgelöst hat. Die militärische Eskalation des Kremls und die gezielte Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur zielen darauf, das Land im Winter einzufrieren und die Bevölkerung zu demoralisieren.

Mit der Teilmobilmachung in Russland ist der Krieg nun auch in jeder russischen Familie angekommen und hat eine beispiellose Fluchtbewegung vor allem junger Männer ausgelöst. Unmittelbar von Russlands Revisionismus bedroht sieht sich auch die Republik Moldau. Litauen drängt innerhalb der EU und NATO auf ein schärferes Vorgehen gegen Russland. Vor eigenen Herausforderungen steht Serbien, dessen bisheriger Mittelkurs zwischen Russland und der EU sich schwer aufrecht erhalten lässt. Auch Georgien macht durch eine widersprüchliche Politik von sich reden.

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Hinweise

Vortrag: Religion in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert

vortrag religion in ostmitteleuropa im 20. jh schulze wesselVehikel oder Hemmnis der Demokratie?

2. Februar 2023
18:00 Uhr
Institut für Zeitgeschichte, München
online via Zoom

Vortrag von Martin Schulze Wessel, Ludwig-Maximilians-Universität München

Anmeldefrist: 31. Januar 2023

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Online-Vortrag: Russlands Krieg gegen die Ukraine

online vortrag russlands krieg gegen die ukraine nemethOrthodoxie im Konflikt

2. Februar 2023
19:30 Uhr
online

Vortrag von Thomas Mark Németh, Professor für Theologie des christlichen Ostens an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche


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Online-Webinar: Is Religious Freedom Under Threat in Ukraine?

webinar religious freedom under threat berkleyBerkley Center for Religion, Peace and World Affairs

30. Januar 2023
10:00 Uhr
Online

Podium:
José Casanova, Borys Gudziak, Nadieszda Kizenko, Eric Patterson, Frank Sysyn, Catherine Wanner

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