Redeverbot für Dozenten an der Theologischen Fakultät in Belgrad

interview kubat redeverbot milicevicVukašin Milićević, Priester und Dozent an der Orthodoxen Theologischen Fakultät in Belgrad, wurde vom Hl. Synod verboten, sich öffentlich zu äußern. Wie kam es zu diesem Schritt?
Zuerst möchte ich darauf hinweisen, dass das Verbot öffentlicher Äußerungen vom Patriarchen als dem zuständigen Bischof kam. Der Patriarch ist zugleich der Vorsitzende des Hl. Synods. Es ist bezeichnend, dass die Aufforderung zu diesem Verbot aus der Eparchie von Bačka kam, deren Bischof Irinej (Bulović) Mitglied des Hl. Synods ist. Zwischen der Orthodoxen Theologischen Fakultät und einem Teil des Episkopats, der jetzt die Mehrheit im Hl. Synod bildet, bestehen schon seit längerem Spannungen. Der Grund dafür ist die Unzufriedenheit dieser Bischöfe mit der Tatsache, dass an der Fakultät ein freies theologisches Denken entsteht. Dabei geht es eigentlich um nichts Spektakuläres, sondern um einen kritischeren Zugang zu Theologie, Gesellschaft und dem kirchlichen Leben. Dagegen scheinen die Kritiker der Fakultät dieses vor allem als höhere geistliche Schule anzusehen. Damit ist jedoch eine Reihe von Professoren der Fakultät, Bischöfen und Geistlichen nicht einverstanden, aber die jetzige politische und kirchenpolitische Situation ist so, dass die andere Gruppierung zurzeit die Oberhand in den kirchlichen Institutionen hat und sie benutzt, um ihr rückwärtsgerichtetes Verständnis der akademischen Ausbildung durchzusetzen.

Ein Problem ist insbesondere die Art, wie die Redefreiheit erstickt wird. So wurde Vukašin Milićević der Erlass über das Verbot, öffentlich aufzutreten und zu predigen, auf höchst fragwürdige Weise übergeben. Er wurde zu keinerlei klärendem Gespräch eingeladen. In der Begründung der Entscheidung des Patriarchen wurde auf ein Schreiben an die Fakultät von 2017 verwiesen, in dem von allen Professoren, Dozenten und Mitarbeitern verlangt wurde, dass sie sich nicht ohne das Einverständnis (Segen) des Patriarchen an die Medien wenden dürfen. Dies führt zu Spannungen mit der Universität Belgrad, und es wurde eine Petition gegen den Schritt des Patriarchen lanciert, woraufhin der Patriarch an eine Sitzung des Fakultätsrats für Lehre und Wissenschaft kam und mündlich mitteilte, dass der Entscheid nicht für Professoren der Fakultät gelte und einen ganz anderen Zweck diene. Es ist bezeichnend, dass dieser Entscheid (der an sich schon skandalös ist) jetzt wieder aktiviert wird, obwohl er vom Patriarchen selbst zurückgezogen worden war.

Gegen das Redeverbot von Vukašin Milićević gibt es Protest von Wissenschaftlern und Studierenden. Wie reagiert die Kirchenleitung darauf?
Studierende der Theologischen Fakultät und anderer Fakultäten der Universität Belgrad haben eine Petition gegen den Beschluss des Patriarchen zum Verbot öffentlicher Auftritte lanciert, um den Dozenten Milićević zu unterstützen. Die Petition wurde von einer großen Zahl Studierender unterschrieben (trotz der aktuellen Pandemiekrise und der Unterbrechung des normalen Lehrbetriebs) und an den Rektor und den Senat der Universität geschickt. An der Sitzung des Senats wurde der Kollege Milićević einstimmig unterstützt und große Sorge wegen der neu entstandenen Situation ausgedrückt. Zahlreiche Wissenschaftler von der Universität haben sich öffentlich geäußert, um Milićević zu unterstützen. Denn die Angelegenheit ist keineswegs harmlos: gegen Milićević wurde ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Es besteht die reale Gefahr, dass der Hl. Synod nach dem staatlichen Ausnahmezustand dem – im Übrigen illegal gewählten – Dekan der Fakultät anordnet, Milićević zu entlassen. Mit dem Verlust seiner Stelle an der Fakultät stünde Milićević ohne jegliches Einkommen da (weil ihm schon 2017 seine Gemeinde genommen wurde), was seine materielle Existenz und die seiner Familie gefährden würde. Milićević ist Vater dreier minderjähriger Kinder.

Soweit mir bekannt ist, hat eine Reihe angesehener internationaler Theologen aller christlicher Konfessionen eine Petition zur Unterstützung unseres Dozenten an den Patriarchen der Serbischen Orthodoxen Kirche gerichtet. Ziel ist, dass der Entscheid zurückgezogen wird und dass den Professoren der Theologischen Fakultät die gleiche Redefreiheit ermöglicht wird, wie sie die übrigen Professoren der Belgrader und anderer internationaler Universitäten haben. Diese Unterstützung hat besonderes Gewicht, da sie zeigt, dass die Redefreiheit eines der grundlegenden Menschenrechte ist. Es ist wichtig, dass die Menschen in Serbien – Theologen und Nicht-Theologen – begreifen, dass die internationale akademische Gemeinschaft die Ereignisse in Serbien wachsam verfolgt und für die Verteidigung akademischer Freiheiten einsteht, weil dies neben einer persönlichen auch eine wichtige prinzipielle Angelegenheit ist.

Vukašin Milićević ist nicht der erste Fall, dem es verboten wird, sich öffentlich zu äußern. Bereits vor einem Jahr wurde einem Professor und einem Dozenten der Theologischen Fakultät die Lehrerlaubnis entzogen. Wie ist die Stimmung in der Fakultät?
Ja, letztes Jahr hat der Hl. Synod zwei Kollegen, Professor Maksim Vasiljević und Dozent Marko Vilotić, den Segen entzogen, um an der Fakultät unterrichten zu können. Die Begründung für diesen Schritt war theologisch unklar und rechtlich unhaltbar. Nachdem Dekan Ignatije Midić in einem Schreiben an den Hl. Synod erklärt hatte, dass er solch einen synodalen Beschluss nicht umsetzen könne, weil er damit gegen Gesetze der Republik Serbien und der Universität Belgrad verstoße, verlangte der Hl. Synod in einem Schreiben an die Fakultät die Auswechslung des Dekans. Nach dem Rückzug des Dekans wurde an der Fakultät auf illegale Weise ein neue Leitung eingeführt, was eine Krise im Verhältnis zwischen der Fakultät und der Universität hervorrief. Das Rektorat wies die Fakultät mehrmals darauf hin, dass sie ihr Vorgehen und ihre rechtlichen Prozeduren mit den Gesetzen der Republik Serbien und dem Statut der Universität in Einklang bringen muss. Doch auch nach mehreren Monaten ist noch nichts passiert. Die gesamte Situation ist unangenehm und unklar. Die Orthodoxe Theologische Fakultät zählt zu den Gründern der Universität Belgrad und ist jetzt in einer Situation, dass sie ihr Ansehen und ihren Status an der Universität und in unserer Gesellschaft infrage stellt.

Was die Atmosphäre an der Fakultät betrifft, lässt sich sagen, dass eine kleinere Zahl von Kollegen Milićević vorbehaltlos unterstützt, während einige andere (darunter die unrechtmäßige Leitung) lediglich den Willen des Patriarchen und des Hl. Synods ausführen. Die übrigen Kollegen sind meiner Ansicht verwirrt und verängstigt. Denn die allgemeine Situation ist nicht einfach: Serbien steckt in einer ernsten Krise, die Demokratie wird auf Schritt und Tritt erstickt. Eine große Zahl von Kollegen, die an der Fakultät arbeiten, haben keine andere Alternative, also haben sie sich entschieden, sich nicht einzumischen. Ich hoffe, dass sich mit der Unterstützung der Universität, unserer intellektuellen Öffentlichkeit und der Hilfe von Kollegen aus dem Ausland die Situation irgendwie lösen lässt, und dass es der Fakultät gelingt, ihre wissenschaftliche und akademische Autonomie zu erhalten.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Petition im Fall Vukašin Milićević an den Patriarchen unterzeichnen möchten, finden diese hier.

Rodoljub Kubat, Professor für Altes Testament an der Orthodoxen Theologischen Fakultät der Universität Belgrad.

Übersetzung aus dem Serbischen: Natalija Zenger.

Bild: Vukašin Milićević, Priester und Dozent an der Orthodoxen Theologischen Fakultät in Belgrad, wurde mit einem Verbot öffentlicher Äußerungen belegt (© Medija centar Beograd)

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