Kirchen und Protest in Belarus: Aktivismus oder Theologie der Befreiung?

. : Hintergrund

zois spotlight elsner belarusZOiS Spotlight 2/2021
20. Januar 2021

von Regina Elsner

Die Kirchen in Belarus waren bislang bei politischen Protesten weitgehend unsichtbar. 2020 hat sich dies jedoch radikal verändert. Vor und nach der Präsidentschaftswahl im August haben sich mehrere Kirchenvertreter des Landes kritisch positioniert – ein Vorgang, der in verschiedener Hinsicht bemerkenswert ist. Belarus ist im Vergleich mit anderen postsowjetischen Ländern weniger religiös. Obwohl sich eine Mehrheit der Bevölkerung mit der Belarusischen Orthodoxen Kirche identifiziert, ist eine mit Russland oder der Ukraine vergleichbare kulturelle Bedeutung oder politische Lobbiierung nicht zu beobachten. Die römisch-katholische Kirche ist als zweitgrößte Gemeinschaft öffentlich präsent, allerdings ohne den nationalen identitätsstiftenden Anspruch, den etwa die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine vertritt. Protestantische Gemeinden und andere Religionen stellen kleinere Minderheiten dar. Das autokratische Regime Aljaksandr Lukaschenkas garantiert Religionsfreiheit unter den Bedingungen politischer Nichteinmischung bzw. Loyalität. Es wundert daher nicht, dass bei vergangenen politischen Protesten keine Religionsgemeinschaft durch eine aktive Teilnahme oder Positionierung aufgefallen war.

Neue Sichtbarkeit von christlichem Protest
Anders bei den Wahlen 2020: Bereits im Vorfeld hatten katholische Gläubige mit dem Slogan „Ein Katholik fälscht nicht“ Wahlhelfer*innen aufgefordert, mögliche Wahlfälschungen nicht zu unterstützen. Kurz vor der Wahl nahmen orthodoxe Gläubige die Initiative auf mit dem Slogan „Orthodoxe sind gegen Fälschung, Erniedrigung der Person und Unterdrückung“, der im Internet große Verbreitung fand. Angesichts der Repressionen gegen die Opposition vor den Wahlen fanden orthodoxe, katholische und protestantische Priester deutliche Worte in Predigten und in sozialen Medien. Konsequent wurden die im orthodoxen Umfeld üblichen Vorwürfe des unorthodoxen politischen Aktivismus mit dem Verweis auf die Achtung christlicher Grundwerte wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Freiheit und Gewaltlosigkeit abgewiesen.

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