Ende des Einsiedler-Daseins – Orthodoxe Theologie im deutschsprachigen Raum

. : Hintergrund

tagungsbericht quo vadis„Wagnis oder Zumutung“ – so umriss Athanasios Vletsis das Programm der ersten Fachtagung des im Februar 2020 in Wien gegründeten „Arbeitskreises orthodoxer Theologinnen und Theologen im deutschsprachigen Raum“. Sämtliche Themen, die momentan die Weltorthodoxie bewegen, kamen an der Tagung „Quo vadis, orthodoxe Theologie?“ vom 10. bis 12. Juni zur Sprache: die Auseinandersetzung der Orthodoxie mit der Moderne und der Postmoderne, das Verhältnis zwischen autokephalen orthodoxen Kirchen und Panorthodoxie, die Organisation des orthodoxen Religionsunterrichts sowie die Probleme und Herausforderungen der orthodoxen Theologie im akademischen Diskurs. Pandemiebedingt konnte die von der Akademie Stuttgart-Hohenheim und der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München organisierte Tagung nur online stattfinden, doch dies tat dem Interesse an der vielseitigen Thematik keinen Abbruch: mehr als 100 Teilnehmende nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern hatten sich angemeldet.

Orthodoxie und die Ambivalenzen der Moderne
Die Entscheidung, alle aktuell strittigen Themen in der Weltorthodoxie aufzugreifen und gleichzeitig nach der Verortung der Orthodoxie wie der orthodoxen Theologie im deutschsprachigen Kontext zu fragen, war von den Organisator*innen bewusst gefällt worden, um so eine erste Bestandsaufnahme an Arbeitsaufgaben für den Arbeitskreis zu erstellen. In diesem Sinne ging es im ersten Panel zeitdiagnostisch um das Verhältnis der Orthodoxie zu Moderne und Postmoderne. Assaad Elias Kattan vom Zentrum für religionsbezogene Studien der Universität Münster wies darauf hin, dass die Postmoderne ein Lieblingsbegriff von Konservativen in allen Kirchen und Religionsgemeinschaften sei, um sich so von der Moderne abzugrenzen. Zwar habe die Postmoderne die Aporien der Moderne aufgezeigt, doch Kattan betonte nachdrücklich, dass die orthodoxe Theologie schlecht beraten sei, wenn sie mit Verweis auf die Postmoderne meinte, sich somit der Anfragen der Moderne einfach entledigen zu können. Gleichzeitig grenzte sich Kattan gegen das Programm einer „neopatristischen Synthese“ ab, wie es Mitte des 20. Jahrhunderts von Georges Florovsky formuliert worden war. Das Beschäftigen mit einer – wie auch immer konkret auszuformulierenden – Synthese habe zu einer fehlenden Auseinandersetzung mit der Moderne beigetragen. Aus Sicht Kattans gibt es keinen Widerspruch zwischen den Vernunftansprüchen der Moderne und der Orthodoxie, vielmehr stünden beide in einem Spannungsverhältnis zueinander, und es sei Aufgabe der orthodoxen Theologie, sich damit auseinanderzusetzen, was in der Postmoderne von der Moderne übriggeblieben ist.

In ihrer Response wies Irena Zeltner-Pavlović von der Abteilung für Christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf die Ambivalenzen der Aufklärung hin, die mit ihrem vereinheitlichenden Blick zur Konstruktion von „Andersheit“, verstanden als defizitär gegenüber der westlichen Moderne, beigetragen habe. Um diese Konstruktionen und die damit verbundenen Machtmechanismen besser beschreiben zu können, plädierte Zeltner-Pavlović für einen stärkeren Einbezug von „postcolonial studies“ in die orthodoxe Theologie.

Synodalität und Autokephalie
Im zweiten Panel ging es um das Verhältnis zwischen autokephalen orthodoxen Kirchen und der panorthodoxen Ebene. Athanasios Vletsis von der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München warf dazu einen Blick zurück auf das Konzil von Kreta 2016, dessen „nicht ganz gelungene Zusammenkunft“ heute von vielen als Hauptgrund für die gegenwärtigen innerorthodoxen Konflikte, insbesondere mit Blick auf die Ukraine, gelte. Bei allen auch von ihm angesprochenen offenen Fragen und Kritikpunkten mochte Vletsis jedoch nicht von einem gescheiterten Konzil sprechen, sondern von einem „nicht vollendeten Weg“. Gleichzeitig unterstrich er, dass nicht die Autokephalie die „Ursünde“ der Orthodoxen Kirche sei: die enge Verbindung von nationalem Bewusstsein und Kirchenstruktur habe zwar das Miteinander unter den einzelnen orthodoxen Lokalkirchen oftmals erheblich erschwert, doch vielmehr sei die Unterdrückung der Autokephalie das zentrale Problem. Als große Aufgabe für die Orthodoxie im 21. Jahrhundert machte Vletsis daher vor allem die konkrete Gestaltung des Lebens von autokephalen Kirchen aus. Als weiteres Desiderat benannte er eine orthodoxe Theorie der Synodalität, da ad-hoc-Regelungen, wie vom Konzil von Kreta praktiziert, längerfristig nicht erfolgversprechend seien.

In seiner Response ging Ioan Moga von der Tenure-Track-Stelle „Orthodoxe Theologie“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien insbesondere auf Vletsis‘ Forderung nach einer vielfältigen Beteiligung des Kirchenvolks an der Entscheidungsfindung ein und unterstrich, dass synodale und autokephale Strukturen für die Menschen da seien und nicht umgekehrt. Moga plädierte daher für eine stärkere Reflexion über eine pastoral verantwortete Theologie der Synodalität. Mit Blick auf die innerorthodoxen Auseinandersetzungen um die Ukraine sprach Vladimir Khulap von der St. Petersburger Geistlichen Akademie von einer „kenotischen Schocktherapie“ und warnte davor, dass Autokephalismus auch zu einer Ideologie werden könnte.

Vielfältige Spannungsfelder
Mit dem ökumenisch besetzten Panel zum religiösen Leben in der Corona-Krise (Bischof Gerhard Feige, evangelische Theologin Miriam Rose, Erzpriester Stefanos Athanasiou) wechselte die Perspektive auf die hiesigen Kirchen. Bei allen gemeinsamen kirchlichen Herausforderungen durch die Pandemie wurde deutlich, wie angewiesen die orthodoxen Gemeinden in der sog. Diaspora auf die Spenden und Kollekten von Gläubigen sind, so dass sie von der Schließung der Kirchen finanziell besonders hart betroffen waren.

Im Zentrum des zweiten Tagungstags standen vor allem die spezifischen Herausforderungen für die orthodoxe Diaspora, die jedoch mittlerweile mit mehreren Millionen Gläubigen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine fest verankerte Größe in der kirchlichen Landschaft ist. Aus allen drei Ländern wurde zum orthodoxen Religionsunterricht berichtet, wobei Marina Kiroudi, orthodoxe Referentin in der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, darauf hinwies, dass ein flächendeckendes Angebot des orthodoxen Religionsunterrichts noch keineswegs verwirklicht sei, da lediglich ein Prozent der orthodoxen Schüler*innen erreicht werde.

Ein weiteres Panel widmete sich den Perspektiven der orthodoxen Theologie im akademischen Diskurs. Konstantin Nikolakopoulos von der Ausbildungseinrichtung in München plädierte dabei mit der Formel „Glaube und forsche“ für eine enge Bindung der akademischen Forschung an das kirchliche Leben. Demgegenüber fragte Anna Briskina-Müller von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg grundsätzlich nach den Kontexten orthodoxer Theologie im deutschsprachigen Raum. Lange Zeit sei die Orthodoxie nur Objekt der Forschung in Deutschland gewesen, unter anderem mit der Gründung des Arbeitskreises sei es nun an der Zeit, dass orthodoxe Theolog*innen zu Subjekten der Forschung würden. Dabei gelte es allerdings die Spielregeln zu beachten, die auch für evangelische und katholische Theolog*innen im akademischen Diskurs gelten. Da die meisten orthodoxen Theolog*innen im deutschsprachigen Raum ihre Promotionen an evangelischen und katholischen Fakultäten abgeschlossen hätten, gelte es sich zudem die Frage zu stellen, wie prägend dieses „heterodoxe Studium“ sei und was dieses für eine „komplex gewordene Konfessionalität“ bedeute. Nachdrücklich warb Briskina-Müller dafür, mit den benachbarten fachlichen Disziplinen und Konfessionen im Dialog zu bleiben, und vor allem den Dialog unter den orthodoxen Theolog*innen zu intensivieren.

In der anschließenden Podiumsdiskussion brachte Aho Shemunkasho, der an der Universität Salzburg Geschichte und Theologie des syrischen Christentums lehrt, eine weitere Perspektive seitens der orientalisch-orthodoxen Kirchen ein. Trotz einer wachsenden Zahl von orientalisch-orthodoxen Christen stecke eine eigenständige institutionelle Verortung der syrischen Theologie an Universitäten und Forschungseinrichtungen bestenfalls in den Kinderschuhen. Ioan Moga beleuchtete die diversen Spannungsfelder, in denen sich orthodoxe Theolog*innen heutzutage bewegen: Vielfach seien sie aufgrund fehlender Vernetzungsstrukturen Anachoreten in ihren jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen, die auf der einen Seite zu ihren eigenen Themen fachspezifisch arbeiteten, auf der anderen Seite Talente von „Allroundern“ mitbringen müssten, da sie immer zu allen möglichen orthodoxen Themen angefragt würden. Dies berge allerdings die Gefahr, nur noch als Dilettant wahrgenommen zu werden. Die Beheimatung in vielfältigen Kontexten könnte die orthodoxen Theolog*innen jedoch auch zu Brückenbauern werden lassen: zwischen den verschiedenen Disziplinen, zwischen den kirchlichen Traditionen sowie zwischen dem deutschsprachigen Raum und den jeweiligen orthodoxen Heimatländern.

Diesem Wunsch schlossen sich im letzten Panel auch die Kommentare von evangelischen und katholischen Theolog*innen (Ingeborg Gabriel, Wien; Barbara Hallensleben, Fribourg; Andreas Müller, Kiel; Henrik Simojoki, Berlin) an und versicherten den orthodoxen Theolog*innen ökumenische Unterstützung auf dem Weg vom Anachoretentum zum wissenschaftlichen Koinobitentum (gemeinschaftliches Leben) im deutschsprachigen Raum.

Das Wagnis der ersten Fachtagung des Arbeitskreises ist geglückt und hat Einblicke in die lebendige, vielgestaltige und ökumenisch offene orthodoxe Theologie im deutschsprachigen Raum gegeben. Es ist dem Arbeitskreis zu wünschen, dass er sich zu einer eigenständigen Interessensvertretung orthodoxer Theolog*innen entwickelt und den anderen Konfessionen wie der breiteren Öffentlichkeit zumutet, sich mit Fragen der orthodoxen Kirchen und Theologie zu beschäftigen.

Stefan Kube

Bild: Russisch-orthodoxe Kirche auf dem historischen Friedhof von Weimar (© R. Möhler)

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