Die Kirche muss die Wahrheit bezeugen

. : Hintergrund

smytsnyiuk UKU hilfeWie reagiert die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche auf den Krieg?
Die Mission der Kirche besteht jederzeit und besonders in Kriegszeiten darin, Kirche zu bleiben: Die Wahrheit zu bezeugen und den Ausgestoßenen und Leidenden zu helfen. Wenn man die Tragödie dieses Krieges beobachtet und sieht, dass der Krieg von 70 Prozent der russischen Bevölkerung befürwortet wird, dann ist Hass eine natürliche Versuchung. In diesem Zusammenhang finde ich den Aufruf des Großerzbischofs der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) wichtig, nicht zu hassen, sondern zu lieben: „Wenn wir hassen, hat uns der Feind bereits besiegt,“ sagte Svjatoslav Schevtschuk.

Gleichzeitig ist die Kirche berufen, die Wahrheit zu bezeugen, was vor sich geht. Sprache soll zwar vorsichtig verwendet werden, doch ohne die Realität zu verraten. Die ukrainischen Katholiken sind zusammen mit anderen ukrainischen Christen, Juden und Muslimen in ihren Anstrengungen vereint, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Tragödie zu lenken, welche die russische Aggression über die Ukraine gebracht hat. Sie beten, fasten und erflehen gemeinsam den Frieden. Die Ukraine ist so klein im Vergleich zu Russland, nur Gott kann uns schützen.

Seit Kriegsbeginn hilft die UGKK denjenigen, die Hilfe benötigen. Bis heute ist ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung, etwa zehn Millionen Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Viele sind ins Ausland geflohen, andere suchen in der Westukraine Zuflucht. Die griechisch-katholischen Gemeinden und Wohltätigkeitsorganisationen helfen Menschen, die keine Unterkunft mehr haben. Einige werden von kirchlichen Strukturen oder Gemeindegliedern betreut, andere erhalten in den Gemeinden Nahrungsmittel und Kleider. Verschiedene Diözesen und Institutionen bieten auch psychologische Hilfe für Kriegsgeschädigte, vor allem für Kinder an. Die Kinder sind traumatisiert, nicht nur dort, wo gekämpft wird, sondern auch in den Städten, wo Menschen mitten in der Nacht von Sirenen geweckt werden und sich in Schutzräumen verstecken müssen.

Wie beeinflusst der Krieg die Ukrainische Katholische Universität in Lviv, ihre Angestellten und Studierenden?
Das Wichtigste ist, dass die Ukrainische Katholische Universität weiterhin arbeitet. Sie hat ihre Aktivitäten aufgrund des Krieges jedoch gewissermaßen „upgedatet“, um als akademische Gemeinschaft in Bezug auf das aktuelle Geschehen relevanter zu sein. Lehre und Forschung sind den Kriegszeiten angepasst, dies gilt sowohl für die Themen als auch die Methodik: Wir wissen, was wir tun müssen, wenn wir unsere Vorlesungen und Sitzungen wegen Bombenalarme unterbrechen müssen, viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten in Luftschutzkellern.

Es gibt Dutzende von Studierendengruppen und Universitätsprojekten, die darauf ausgerichtet sind, unsere Gesellschaft in schweren Zeiten zu unterstützen. Die meisten Studierenden leisten Freiwilligenarbeit in allen möglichen Initiativen: sie helfen Flüchtlingen, sammeln Kriegsgeschichten, informieren Menschen im Ausland über die aktuelle Lage, backen Brot und knüpfen Netze für die Armee. Die Fakultäten haben ihre eigenen Ressourcen mobilisiert, um eine theologische Reflexion über Krieg und Frieden anzustoßen, um psychologische Unterstützung anzubieten, um Karten von Luftschutzräumen anzufertigen, um ukrainische Firmen mit potentiellen Partnern im Ausland zu vernetzen. Unsere Theologische Fakultät hat Studierende aus Kiew aufgenommen, die aus der Kampfzone in die Westukraine evakuiert werden mussten. Wir nennen es scherzhaft ein „Exilseminar“. Die Universität hat viele ihrer Gebäude für Binnenvertriebene und medizinische Teams zur Verfügung gestellt. Studierende von Universitäten in okkupierten Städten haben die Möglichkeit, online Kursen der UKU zu folgen.

Gleichzeitig haben mehr als 140 Studierende und mehr als 30 Professoren die Ukraine verlassen. Die Universität versucht den Kontakt zu ihnen und ihre Teilnahme am akademischen Leben aufrecht zu erhalten, entweder an der UKU mittels eines Distanz-Lernformats oder durch Hilfe bei der Einschreibung an ausländischen Universitäten. Europäische Universitäten haben bereits einige unserer Studierenden aufgenommen und beginnen auch Stipendien und andere Aufnahmemöglichkeiten für Professorinnen und Professoren zu schaffen. Mir ist nicht bekannt, dass Studenten oder Kollegen in die Armee einberufen wurden. Ich weiß von einigen Kollegen, die sich freiwillig den lokalen Milizen angeschlossen haben. Ein oder zwei Alumni sind im Armeedienst umgekommen.

Wie erleben Sie die ökumenische Kooperation und Solidarität in dieser dramatischen Situation?
Der Krieg hat ein Klima der ökumenischen Solidarität innerhalb der Ukraine geschaffen, wie wir es lange nicht gesehen haben. Die Flüchtlingshilfe ist eine der sichtbarsten Formen der ökumenischen Kooperation. Die Westukraine, die momentan als die sicherste Region des Landes gilt, ist vorwiegend griechisch-katholisch. Vertriebene Menschen aus den östlichen Regionen sind meistens orthodox. Doch angesichts der humanitären Krise arbeiten die Kirchen Seite an Seite. Viele humanitäre Initiativen sind ökumenisch motiviert. Lviv hat ein Ökumenisches Zentrum für medizinische und soziale Unterstützung geschaffen, das die Anstrengungen der Katholiken sowohl des griechischen als auch des lateinischen Ritus und der Orthodoxen vereint. Die Ukraine hat als Zeichen der Solidarität in Christus, die konfessionelle Grenzen überwindet, viel humanitäre Hilfe von diversen Kirchen im Ausland erhalten.

Ich arbeite für das Institut für Ökumenische Studien, und eines unserer Hauptziele besteht darin, die Stimme der ukrainischen Kirchen in der internationalen Gemeinschaft hörbar zu machen. Wir organisieren Webinars, um ukrainischen Katholiken, Orthodoxen und Protestanten eine Bühne zu geben und vor der Welt zu bezeugen, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind und was in der Ukraine passiert. Wir organisieren auch eine Serie von „Solidaritätsbrücken“ zwischen Studierenden in der Ukraine und in anderen Ländern, was von der „L’Oeuvre d’Orient“-Stiftung und der „International Federation of Catholic Universities“ unterstützt wird. Unser letztes Treffen hatte 400 Teilnehmende. Viele Universitäten sind der Initiative beigetreten, namentlich Halle-Wittenberg, Osnabrück und Mainz. Die UKU-Studierenden können mitteilen, wie sie diesen Krieg sehen, wie der Krieg ihr Leben verändert hat und was sie tun, um diesen Krieg zu beenden. Wir planen jetzt ein monatliches Online-Studierendentreffen, jeden ersten Dienstag im Monat, um uns über die aktuelle Lage auszutauschen.

Unser Institut plant auch eine Serie von ökumenischen Treffen für kirchliche Vertreterinnen und Vertreter in der Ukraine, um Themen wie Friedensstiftung, Kriegsethik und humanitäres Recht zu erörtern. Der Krieg bringt Herausforderungen, auf die wir nicht vorbereitet waren, und wir möchten fähig sein, eine christliche Antwort auf diese Fragen zu finden. Wir planen zudem ein ökumenisches Informationszentrum, das ausländischen Journalistinnen und Journalisten hilft, die diversen religiösen Dimensionen dieses Kriegs zu verstehen und Kontakte zu Vertretern der ukrainischen Kirchen zu knüpfen. Wir möchten damit den Dialog mit Laien und Geistlichen, die keine Fremdsprachen sprechen, erleichtern.

Wie nehmen Sie die aktuellen Beziehungen zwischen den beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine wahr?
Der Krieg ist zu einem Reifetest für beide orthodoxe Jurisdiktionen in der Ukraine geworden. Er ist eine große Herausforderung für die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK), die zum Moskauer Patriarchat gehört. Da ihr „Boss“ in Moskau, Patriarch Kirill, eine theologische Rechtfertigung der Invasion geliefert hat, befindet sich diese Kirche in einer sehr schwierigen Situation. Doch in scharfem Widersprich zu Patriarch Kirills Position hat ihr Oberhaupt, Metropolit Onufrij (Berezovskij) von Kiew, den Krieg verurteilt und ihn als Wiederholung der Sünde von Kain bezeichnet. Trotzdem gibt es zu viele Beispiele, in denen diese Kirche den Plänen des Kremls gedient hat: Sie hat die Ideologie der „Russischen Welt“ und einen antiwestlichen Diskurs gefördert und die Narrative über ihre eigene „Verfolgung“ übertrieben. Jetzt kämpft die UOK um ihre Glaubwürdigkeit, mit vielen Priestern und Bischöfen, die die Unabhängigkeit von Moskau fordern.

Der Krieg ist auch eine Herausforderung für die neu gegründete Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU), der 2019 vom Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel die Autokephalie verliehen wurde. Aus den Erklärungen ihres Oberhaupts, Metropolit Epifanij (Dumenko) von Kiew, lässt sich schließen, dass die Kirche die aktuelle Situation als Chance sieht, das Projekt einer geeinten ukrainischen Orthodoxie zu verwirklichen, das in den vergangenen drei Jahren nur teilweise erfolgreich war. Ich denke, dass diese Kirche (und die ukrainische Gesellschaft als Ganzes) mit Reife gehandelt hat, indem sie dazu aufgerufen hat, Angriffe auf Gemeinden des Moskauer Patriarchats zu vermeiden. Das ist sehr wichtig. Es gibt schon genug Spannungen und Misstrauen zwischen den beiden Kirchen. Angriffe auf Gemeinden würden die Situation eskalieren lassen. Die OKU, die aufgrund der Haltung der Russischen Orthodoxen Kirche vom internationalen ökumenischen Dialog isoliert war, sollte jetzt willkommen geheißen werden, und man sollte ihr helfen, den Weg der christlichen Versöhnung und Einheit zu gehen.

Wie sehen die ukrainischen Katholiken die Bemühungen von Papst Franziskus, um diesen Krieg zu beenden?
Die ukrainischen Katholikinnen und Katholiken sind Papst Franziskus dankbar für seine Unterstützung. Sie versuchen auch, ihren ukrainischen Mitbürgern die Position des Hl. Stuhls zu diesem Krieg zu erklären, die Mühe haben, diese zu verstehen. In der Tat sind viele Ukrainer verwundert über die Vorsicht des Vatikans hinsichtlich der russischen Aggression in der Ukraine. Wie wir wissen, zieht der Vatikan diskrete Diplomatie lauten Deklarationen vor. Diese Vorgehensweise hat sich schon in vielen Fällen als erfolgreich erwiesen. Vor wenigen Jahren spielte der Hl. Stuhl eine wichtige Rolle bei der Heilung der Spaltung zwischen den USA und Kuba. Während des laufenden Kriegs in der Ukraine hat der Papst einige symbolische Gesten gemacht, die seine Unterstützung der Ukraine bekunden. Ungewöhnlich für das diplomatische Protokoll des Vatikans besuchte er die russische Botschaft, um über den Krieg zu sprechen. Franziskus will Russland und die Ukraine dem Unbefleckten Herz Mariens weihen. Er hat auch zwei hochrangige Kurienvertreter in die Ukraine und in die Nachbarländer gesandt. Einer davon ist Kardinal Michael Czerny, einer der Berater, dem Franziskus am meisten vertraut.

Dennoch sind diese Symbole und Gesten mehrdeutig – sie bedeuten alles und nichts gleichzeitig. Wenn man Vermittler sein will, muss man die Kommunikationskanäle zu beiden Seiten offenhalten und Stellungnahmen vermeiden, die als parteiisch interpretiert werden könnten. Allerdings gibt es Momente, in denen Überparteilichkeit auch dazu führen kann, die Wahrheit über die Ursachen des Krieges und die Verantwortlichen für die Aggression zu verschweigen, und so die Opfer im Stich zu lassen, die Schutz und Ermutigung brauchen. Ich habe den Eindruck, dass sich Papst Franziskus nach den ersten zwei Kriegswochen prononcierter zu der von Russland ausgelösten Tragödie geäußert hat. Die ukrainischen Katholikinnen und Katholiken, insbesondere Svjatoslav Schevtschuk, das Oberhaupt der UGKK, haben sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass der Papst der ukrainischen Bevölkerung nahesteht und dass er alles tut, was er kann.

Übersetzung aus dem Englischen: Regula Zwahlen.

Pavlo Smytsnyuk, Dr., Direktor des Instituts für Ökumenische Studien der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv.

Bild: Studierende der UKU stellen humanitäre Hilfspakete zusammen. (https://ucu.edu.ua/news/yak-zavdyaky-pidtrymtsi-mizhnarodnoyi-spilnoty-uku-dopomagaye-vymusheno-pereselenym-osobam-u-chas-vijny-a-zokrema-dityam/)

Drucken