Keine Verbannung, sondern ein Standortwechsel

. : Hintergrund

interview shishkov ilarion

Wie schätzen Sie die Abberufung von Metropolit Ilarion (Alfejev) als Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats ein?
Andrey Shishkov: Soviel ich von einer Person aus Ilarions Umfeld weiß, hat der Metropolit zu Beginn des Krieges dem Patriarchen und dem Kreml rote Linien aufgezeigt, die er unter keinen Umständen überschreiten würde. Die folgenden Monate haben gezeigt, dass Ilarion in seinen öffentlichen Reden konsequent das Thema Krieg vermieden und Russlands Militärkampagne gegen die Ukraine nicht unterstützt hat. Wenige Wochen vor der Invasion, als deren Möglichkeit bereits in den Medien diskutiert wurde, erklärte Ilarion öffentlich, dass Krieg kein Mittel zur Konfliktlösung ist. Seine Weigerung, die militärische Invasion zu unterstützen, machte Ilarions Entlassung unvermeidlich. Er hielt sich nur so lange, weil das Kirchliche Außenamt, das er leitete, die ganze Zeit daran arbeitete, die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) beim Moskauer Patriachat zu halten. Doch als die UOK am 27. Mai die volle Unabhängigkeit ihrer Kirche erklärte, wurde klar, dass seine Arbeit gescheitert ist, und ein paar Tage später, am 7. Juni, berief der Hl. Synod der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) Ilarion von seinem Posten ab.

Meines Erachtens sollte Ilarions Entlassung jedoch nicht als Bestrafung für eine erfolglose Arbeit angesehen werden. In einer normalen Situation wäre das so, aber die jetzige Situation ist eine Ausnahmesituation. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ilarion während der Kriegsmonate auf seinen Abgang hingearbeitet hat, und seine Versetzung nach Budapest das Resultat einer Art Übereinkunft mit Patriarch Kirill ist. Metropolit Ilarion kennt Budapest, er war dort von 2003 bis 2009 Bischof. Außerdem unterhält er gute Kontakte mit dem ungarischen Ministerpräsident Viktor Orbán, der Patriarch Kirill vor Sanktionen der EU bewahrte. Daher ist es keine Verbannung, sondern ein Standortwechsel – ein Begriff, der jetzt in Russland verwendet wird, um die Ausreise von Menschen aus dem Land zu beschreiben, die nicht mit dem Krieg und der Politik des Kremls einverstanden sind. Mit seiner beruflichen Herabstufung hat Ilarion seinen Ruf gerettet und vielleicht sein Leben.

In seiner Abschiedsrede an die Kirchgemeinde, die er in Moskau leitete, sagte Ilarion: „Die Straße machte eine scharfe Wende, ich passte nicht ins Bild und fand mich am Spielfeldrand wieder.“ Viele Kommentatoren beeilten sich, seine Abberufung als Wende zu bezeichnen, aber diese Wende geschah nicht am 7. Juni, sondern am 24. Februar. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Patriarch Kirills innerem Kreis, wie Bischof Savva Tutunov oder Vladimir Legojda, passte Ilarion wirklich nicht in die militärische Agenda. Persönliche moralische Prinzipien hinderten ihn daran, Teil der unmoralischen Unterstützung für den Militäreinsatz zu werden.

Wer ist der Nachfolger von Metropolit Ilarion als Leiter des Kirchlichen Außenamts?
Metropolit Antonij (Sevrjuk), der neue Leiter des Kirchlichen Außenamts, ist wie Ilarion eng mit Patriarch Kirill verbunden. Er wurde zu seinem persönlichen Sekretär, als Kirill noch Metropolit und Leiter des Außenamts war. Antonij war bis 2011 Kirills persönlicher Sekretär, dann begann er seine Karriere als kirchlicher Verwalter und Diplomat in Europa. Von 2011 an war er faktisch der Leiter der stavropegialen Gemeinden in Italien, nach seiner Bischofsweihe 2015 wurde er auch offiziell deren Leiter. Im gleichen Jahr wurde er auch Vorsitzender der Abteilung für ausländische Institutionen des Moskauer Patriarchats. Diese Abteilung, die unter Metropolit Kirill noch Teil des Kirchlichen Außenamts gewesen war und unter Patriarch Kirill eine unabhängige Abteilung wurde, verwaltet alle stavropegialen Gemeinden der ROK weltweit, wobei es keine Eparchien, sondern nur Gemeinden sind. Sein Büro ist in Moskau, im gleichen Gebäude wie das Außenamt. Diese Position behält Antonij weiterhin, so dass in seiner Person die beiden Teile des vormaligen größeren Außenamts wieder vereint sind. Der dritte Teil, die Abteilung für die Beziehungen der Kirche zur Gesellschaft, wurde vormals von dem verrufenen Erzpriester Vsevolod Tschaplin geleitet und nun von Vladimir Legojda.

In Europa diente Antonij als Krisenmanager. 2017 war er für mehrere Monate kommissarischer Leiter der Berliner Eparchie; von 2017 bis 2019 leitete er die Eparchien von Wien und Budapest. 2019 wurde er mit der Koordination des Wechsels des „Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa“, das sich vom Ökumenischen Patriarchat abgewandt hatte, zur ROK betraut. Gleichzeitig wurde er Metropolit von Korsun (mit Sitz in Paris) und Leiter des westeuropäischen Exarchats der ROK, um auf das Erzbistum und seinen Leiter, Erzbischof Jean Rennetau, zu achten. Antonij lässt sich als junger Technokrat beschreiben. Er ist 37 Jahre alt, aber schon ein ziemlich erfahrener Manager. Vielleicht sogar besser als Ilarion.

Was bedeutet Ilarions Abberufung für die Aspirantura, die er aufgebaut hat?
Die Aspirantura oder das Hl. Kirill und Method-Institut für postgraduierte Studien war die Idee von Metropolit Ilarion. Er gründete sie 2009 als höhere theologische Schule, die das gesamte System der theologischen Ausbildung in der ROK krönen sollte. Ihre Blütezeit erreichte die Aspirantura 2015/16 und dann begann eine Zeit der Stagnation. Dennoch war es weiterhin die theologisch progressivste Institution in der ROK. Ich arbeitete dort von 2012 bis 2020 und unterrichtete insbesondere einen Kurs in politischer Theologie, in dem die Studierenden auch über postkoloniale und feministische Ansätze, Theologie der Befreiung, Öko-Theologie und andere Dinge lernten. Meine Kollegen gaben Kurse zu zeitgenössischer Theologie, biblischen Studien und Patrologie, usw. Trotz der konservativen Tendenzen in der geistlichen Ausbildung in der ROK erlaubte Metropolit Ilarion mit seinem großen kirchlichen Gewicht Kurse, deren Inhalt Konservativen zu liberal erscheinen mochten. Er zensierte niemals unsere Arbeit und vertraute den Inhalt vollständig den Spezialisten an. Dies irritierte die Ausbildungskommission der ROK, ein Gremium, das die kirchliche Ausbildung überwacht. Dies gilt vor allem für dessen Leiter, Erzpriester Maxim Kozlov.

Maxim Kozlov ist nun der neue Rektor der Aspirantura. Und es ist wahrscheinlich, dass sie komplett umgeformt wird. 2020/21 wurde Kozlov zum Rektor des Sretenskij Seminars ernannt, wo sein Vorgänger, Metropolit Amvrosij (Jermakov) versucht hatte, die Ausbildung nach dem Vorbild der Aspirantura zu reformieren. Dies löste eine Welle von Empörung von Konservativen und Fundamentalisten aus. Amvrosij wurde vom Rektorat entfernt, und Maxim Kozlov beerdigte alle Innovationen. Kozlov wird nicht ohne Grund der „Totengräber der kirchlichen Ausbildung“ genannt. Während seines Vorsitzes der Ausbildungskommission ging die theologische Ausbildung den Weg einer rapiden Stagnation und eines Anstiegs des Fundamentalismus abwärts. Die Aspirantura hat also harte Zeiten vor sich. Es ist wahrscheinlich, dass nichts von der alten Institution übrigbleibt. Sehr wahrscheinlich ist, dass sie mit der Moskauer Geistlichen Akademie fusioniert wird.

Andrey Shishkov, Gastwissenschaftler an der „School of Theology and Religious Studies” der Universität Tartu und Mitglied des Forschungsprojekts „Orthodoxie als Solidarität“, unterstützt von der Estnischen Forschungsgemeinschaft (PRG 1599).

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kube.

Bild: Metropolit Ilarion am 2. Februar 2022, als ihm von der russischen Regierung der Alexander-Nevsky-Orden verliehen wurde. (kremlin.ru)

 

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