Zwischen Moskau und Konstantinopel: Optionen für das Pariser Exarchat

Im Vorfeld seiner Generalversammlung am 7. September klären sich die Optionen für die Zukunft des Pariser Exarchats. So haben die Gemeinden des „Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ Anfang Augst zwei Schreiben erhalten: einen Vorschlag vom Ökumenischen Patriarchat und einen von der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Begleitet wurden die Dokumente von einem Brief von Erzbischof Jean (Renneteau), dem Leiter des Exarchats, mit der Aufforderung an die Geistlichen und Laien, sich bis zur Generalversammlung eine Meinung zu den Vorschlägen zu bilden. An dieser soll eine endgültige Entscheidung über die Zukunft des Exarchats fallen.

Im November 2018 war vom Ökumenischen Patriarchat eine Auflösung des Pariser Exarchats angeordnet worden. Seither werden verschiedene Zukunftsszenarien diskutiert, u. a. eine Vereinigung mit der Rumänischen Orthodoxen Kirche, mit der russischen Auslandskirche, mit der Orthodoxen Kirche in Amerika oder mit dem Moskauer Patriarchat. Eine Integration in die lokalen griechischen Eparchien, die das Ökumenische Patriarchat angeordnet hatte, lehnt der Rat des Erzbistums ab. An seiner letzten Generalversammlung im Februar 2019 hatte das Exarchat beschlossen, sich nicht aufzulösen.

Im Vorschlag der ROK heißt es, das Exarchat würde im Falle einer Vereinigung alle seine „liturgischen und pastoralen Besonderheiten, die Teil seiner Tradition sind“, behalten. Auch seine eparchiale und Gemeindestruktur bliebe erhalten, geleitet würde es weiterhin entsprechend seinem heutigen Statut. Zudem ist die Wahl von Eparchial- und Vikarbischöfen vorgesehen. Die Erzbischöfe würden von der Gemeindeversammlung gewählt und nicht von Moskau bestimmt, auch wenn der Patriarch ein Mitspracherecht hätte.

Bischof Savva (Tutunov), der stellv. Leiter der Verwaltung des Moskauer Patriarchats und beteiligt am der Ausarbeitung des russischen Vorschlags, betonte gegenüber der Zeitung Nezavisimaja Gazeta, dass die ROK bereit sei, die administrative Tradition und alle anderen Besonderheiten des Exarchats zu bewahren. Er fügte hinzu, dass das Vorhandensein kirchlicher Strukturen der ROK in Westeuropa dabei nicht störe. So hat das Moskauer Patriarchat im Dezember 2018 ein eigenes westeuropäisches Exarchat geschaffen, parallel dazu existieren Strukturen der russischen Auslandskirche, die selbst dem Moskauer Patriarchat untersteht. Aus kanonischer Sicht sei dies wohl nicht optimal, aber es habe sich historisch so ergeben, dass auf demselben Territorium mehrere Eparchien oder Metropolien existierten, erklärte Bischof Savva. Wichtig sei, dass sie im Fall eines Zusammenschlusses liturgisch vereint und Teil einer einzigen autokephalen Lokalkirche wären, das wäre für alle „ein riesiger Schritt“.

Im Konstantinopler Vorschlag ist das heutige Statut mit gewissen Änderungen enthalten. So sind offenbar alle Erwähnungen des Erzbistums als territoriales und rechtliches Gebilde durch die Bezeichnung „Vikariat“ der französischen Metropolie des Patriarchats von Konstantinopel ersetzt worden. Alle Paragraphen, die zuvor die Selbständigkeit des Exarchats festhielten, enthalten nun den Zusatz „nach Konsultationen“ oder „mit Zustimmung“ des Metropoliten von Frankreich. Unklar ist, was aus den Teilen des Exarchats werden soll, die nicht in Frankreich liegen. Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Frankreich hatte dem Exarchat schon früher ein ähnliches Angebot unterbreitet, Vertreter des Exarchats befürchten aber bei dieser Variante einen Verlust an Freiheit.

Damit wird die Option, sich dem Moskauer Patriarchat zu unterstellen, zunehmend attraktiver. Das gilt insbesondere, nachdem die Rumänische Orthodoxe Kirche offenbar eine dauerhafte Aufnahme des Exarchats abgelehnt hat. Laut einem Vertreter des Erzbistums hat das Rumänische Patriarchat angeboten, das Exarchat lediglich für eine begrenzte Zeit aufzunehmen und eine kanonische Entlassung durch Konstantinopel verlangt. Die ROK hingegen sei ihrer Position seit dem Winter treu geblieben und ist sogar bereit, ihr eigenes Statut anzupassen, um das Pariser Exarchat vollständig und unverändert aufnehmen zu können. Zudem erlaube es die Moskauer Variante, rasch Bischöfe zu wählen, was unter Konstantinopel in letzter Zeit nicht möglich gewesen war.

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