Ukraine: Patriarchentreffen bringt keine Einigung im ukrainischen Kirchenstreit

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Die Frage der ukrainischen Autokephalie ist weiterhin offen. In einem vertraulichen Gespräch haben sich der russische Patriarch Kirill und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios am 31. August in Istanbul über das Thema ausgetauscht. Nach dem zweieinhalbstündigen Treffen sagte Kirill lediglich, das Gespräch sei gut und „sehr korrekt“ verlaufen, Details wollte er wegen des „brüderlichen“ Charakters des Gesprächs nicht ohne Bartholomaios‘ Zustimmung preisgeben. Bevor sie sich zum Gespräch zurückzogen, hatte der Patriarch von Konstantinopel den Stellenwert des Dialogs betont, während Kirill die Bemühungen zum Wohl der Orthodoxie herausstrich.

Metropolit Ilarion (Alfejev), der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, der dem Gespräch beigewohnt hatte, betonte, dieses sei „sehr offen, sehr herzlich“ gewesen und würde die Beziehungen zwischen den beiden Patriarchen und ihren Kirchen stärken. Zum Inhalt des Gesprächs wollte er sich nicht äußern, es sei eine Gelegenheit gewesen, Informationen auszutauschen. Ilarion verwies zudem darauf, dass die Patriarchen nicht einfach allein für ihre Kirchen entscheiden könnten, das sei Aufgabe der Bischofsversammlungen, daher seien keine Entscheidungen getroffen worden. Der Pariser Metropolit Emmanuel (Adamakis) vom Ökumenischen Patriarchat, der ebenfalls beim Gespräch anwesend gewesen war, erklärte gegenüber Journalisten jedoch, Bartholomaios habe den russischen Patriarchen über die Grundsatzentscheidung des Ökumenischen Patriarchats zur Autokephalie informiert. Der Autokephalie-Tomos stehe jedoch ganz am Schluss des Prozesses, bis dahin sei noch viel zu tun und diese Arbeit wolle Konstantinopel jetzt koordinieren. Emmanuel betonte zudem, das Patriarchat von Konstantinopel wolle nicht ein weiteres Schisma schaffen, sondern die Kirche einen. Auch er unterstrich die brüderliche und aufrichtige Atmosphäre des Treffens.

Bei einer Militärparade anlässlich des Unabhängigkeitstages der Ukraine am 24. August hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zum wiederholten Mal für die ukrainische Autokephalie geworben. Er hatte die Debatte im April mit einer offiziellen Bitte an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, der Ukrainischen Orthodoxen Kirche die Unabhängigkeit zu gewähren, angestoßen. Poroschenko verglich die Wichtigkeit der Autokephalie für die Ukraine mit der Stärkung der Armee, dem Schutz der Sprache sowie dem Streben nach der EU- und NATO-Mitgliedschaft. Er sei „fest entschlossen, den letzten Knoten zu zerhacken“, der die Ukraine an Russland binde. Im Moskauer Patriarchat, dem die einzige kanonische orthodoxe Kirche der Ukraine untersteht und das die ukrainische Autokephalie strikt ablehnt, wurden Poroschenkos Worte als „verzweifelter Versuch“, die „Macht festzuhalten“, gewertet.

Die Sitzung der Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats, an der angeblich über die ukrainische Frage entschieden werden soll, ist offenbar vom September auf den Oktober verschoben worden. Ob die Autokephalie tatsächlich verliehen wird, ist umstritten. Bartholomaios nährte die Hoffnungen, als er die Autokephalie in einer Botschaft zum Jahrestag der Taufe der Rus‘ als „letztendliches Ziel“ bezeichnete. Die kanonische Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK-MP) lehnt die Autokephalie hingegen ab. So bezeichnete ihr Leiter, Metropolit Onufrij (Beresovskij), die Gläubigen der unkanonischen orthodoxen Kirchen indirekt als Sünder: ein Tomos helfe einem Menschen nicht, wenn dieser in Sünde lebe. Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) warnt immer wieder vor einer einseitigen Verleihung der Autokephalie, denn diese würde zu weiteren Spaltungen in der Ukraine führen und der Einheit der Orthodoxie schaden.

Für die ROK hat u. a. die Serbische Orthodoxe Kirche (SOK) Partei ergriffen. In einem Brief an Bartholomaios schrieb der serbische Patriarch Irinej, auch wenn Konstantinopel die Mutterkirche Kiews und Moskaus sei, gebe ihr das nicht das Recht, sich in deren Angelegenheiten einzumischen. Auch das Patriarchat von Jerusalem betrachtet die Ukraine als kanonisches Territorium der ROK. So lehnte Erzbischof Theodosios (Hanna) von Sebastia den Standpunkt des Ökumenischen Patriarchats ab, dass dieses nie die Oberhoheit über Kiew abgegeben habe. Zudem rief er die ukrainischen Politiker dazu auf, sich nicht weiter in das Leben der Kirche einzumischen. (NÖK)

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