Polen: Katholische Kirche stellt Massnahmen für Missbrauchsopfer vor

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Der polnische Primas und Delegierte der Polnischen Bischofskonferenz (KEP) für den Schutz der Kinder und Jugendlichen, Erzbischof Wojciech Polak, hat die Öffentlichkeit über die aktuellen Aktivitäten der Kirche bei der Verhinderung von sexuellem Missbrauch durch Geistliche unterrichtet. Im Mittelpunkt standen dabei die Tätigkeiten der neu gegründeten St. Joseph-Stiftung, die landesweit durchgeführten Schulungen, die Unterstützung der Diözesen bei der Erarbeitung von Grundsätzen der Prävention sowie die Telefon-Helpline „Verwundete der Kirche“.

Erzbischof Polak fasste an einer Pressekonferenz den aktuellen Stand der Hilfe für die Geschädigten zusammen und dankte allen, die sich an das Büro des Delegierten der KEP für den Schutz von Kindern und Jugendlichen wenden: „Die Signale der Verwundeten in der Kirche öffnen unsere Augen für menschliche Dramen und Bedürfnisse.“ Zwecks einer Systematisierung der Hilfe für die Geschädigten hat die Polnische Bischofskonferenz im Oktober 2019 die St. Joseph-Stiftung gegründet, die künftig in jeder Diözese einen Koordinator haben soll, der vor Ort Hilfe und Unterstützung anbieten kann.

Zudem stellte der Erzbischof die Telefon-Helpline „Verwundete in der Kirche“ vor. Er betonte, dass sie nicht nur Telefongespräche anbiete, sondern ein ganzes Netzwerk, das Betroffene nicht nur mit Rat, sondern auch mit konkreter Hilfe unterstütze. Zudem informierte Polak über präventive Maßnahmen der Kirche, wofür das Kinderschutzzentrum unter der Leitung von Pater Adam Żak in ganz Polen Schulungen durchführt: „Es werden Priester, Mönche, Nonnen, Katecheten, Erzieher und Animatoren ausgebildet. Etwa 1000 Personen nahmen im vergangenen Jahr an den Schulungen teil.“ In jeder Diözese und Klosterprovinz gebe es inzwischen einen Beauftragten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen – eine Person, die für die Entgegennahme von Meldungen über sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch einen Geistlichen und für die Anzeige von psychologischer, rechtlicher und pastoraler Hilfe zuständig ist.

Polak wies außerdem darauf hin, dass die geistliche Unterstützung für diejenigen, die in der Kirche geschädigt wurden, intensiviert werde: „Wir haben bereits Seelsorger für die Geschädigten, die viele Möglichkeiten der kompetenten Unterstützung ausgearbeitet haben. Wir haben auch Gebetsgruppen zur Unterstützung der Missbrauchsopfer in der Kirche. Am ersten Freitag der Fastenzeit haben wir einen Tag des Gebets und der Buße für die Sünde des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen eingeführt.“ Hierzu wurden neue Materialien mit Gebets- und Liturgietexten veröffentlicht.

Barbara Smolińska, Psychotherapeutin und Mitinitiatorin der Telefon-Helpline „Verwundete in der Kirche“, wies darauf hin, dass die Zeugnisse der Missbrauchten beweisen, dass man für eine vollständige Heilung eine angemessene Kombination von spiritueller Unterstützung und professioneller Psychotherapie brauche: „Spirituelle und psychologische Hilfe sind zwei Wege der Unterstützung. Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, melden sich erst nach mehreren Jahrzehnten, weil sie die Vergangenheit verdrängen und Schwierigkeiten haben, über das Erlebte zu sprechen. Das Kind bleibt mit dem Geheimnis allein, lernt zu schweigen und schweigt dann viele Jahre lang.“

An der Pressekonferenz wurde auch die polnische Übersetzung des Buches des Leiters des Priesterseminars in Fribourg für die Priesterkandidaten der französisch sprechenden Schweiz, Joël Pralong, vorgestellt: „Les larmes de l’innocence. L’enfance abusée et maltraitée. Un chemin de reconstruction“ (2015). Pater Tomasz Grabowski OP, Geschäftsführer des dominikanischen Verlags „W drodze“, wies darauf hin, dass sich die „Tränen der Unschuld“ von Pralong mit den spirituellen Wunden auseinandersetzen: „Wir wollen dem Problem der Kirche mit dem sexuellen Missbrauch durch Geistliche auf zuverlässige und ruhige Weise begegnen“, sagte Grabowski. „Dies ist kein Buch gegen die Kirche, hier geht es nicht um einen Schock, sondern darum, reale Hilfe zu leisten und zu zeigen, wie man den Verletzten helfen kann, sich selbst im Leben wiederzufinden. Das Buch zeigt, wie man den verletzten Personen geistlich helfen kann, eine Beziehung zu Gott zu finden.“ In dem Buch lässt Pralong die Stimmen von sieben Menschen sprechen, die in der Kindheit von Priestern, Erziehern und Vätern missbraucht wurden.

Am 12. Februar veröffentlichte die Apostolische Nuntiatur in Polen zudem ein Kommuniqué „im Fall eines polnischen Bischofs“, der am 10. Februar in der Gazeta Wyborcza publik gemacht worden war. Dabei geht es um die Beschuldigung des Krakauer Weihbischofs Jan Szkodoń, der zwischen 1998 und 2003 eine zu Beginn 15-Jährige sexuell belästigt haben soll. Die Frau hatte sich im Mai 2019 an die Apostolische Nuntiatur und im September 2019 an die Staatsanwaltschaft gewandt, die den Fall im Dezember aufgrund Verjährung einstellte, der Erzählung der Klägerin jedoch „hohe Wahrscheinlichkeit“ beimaß. Bischof Szkodoń wurde dabei von der Staatsanwaltschaft nicht verhört. Am 23. Januar wurde die Frau zum Gespräch in die Nuntiatur eingeladen. Am 9. Februar erklärte Szkodoń auf der Website der Krakauer Erzdiözese seine Unschuld, verzichtet bis zum Urteilsspruch auf seelsorgerliche Tätigkeit und zog sich an einen unbekannten Ort zurück. Der Krakauer Erzbischof Marek Jędraszewski hält die Sache für „absolut unsicher“. Im Kommuniqué vom 12. Februar unterstreicht die Nuntiatur, dass sie der Frau keine Schweigepflicht gegenüber den Medien auferlegt, aber zur Vorsicht ermahnt habe, weil noch kein Urteil gefällt worden sei und der Fall starke gesellschaftliche Emotionen wecke. Über den Fall entscheide die Kongregation der Glaubenslehre im Vatikan und nicht die Apostolische Nuntiatur in Polen.

Regula Zwahlen

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