Tschechien: Halik findet, Tschechen seien nicht so atheistisch, wie oft behauptet

Der tschechische Soziologe und Pfarrer der Prager Akademikerpfarre Tomáš Halík hat in einem Neujahrsinterview in der Beilage "Ceska pozice" der Tageszeitung Lidove noviny zu Fragen von Politik und Kirche in Tschechien, Europa und der Welt Stellung genommen. Er hoffe, "dass sich heute zumindest einem Teil der Wähler von Zeman und Babiš die Augen öffnen und sie sich die Haare raufen wie die Briten, die begriffen haben, dass den verfälschten Angaben der Verfechter des Brexit zu glauben eine kolossale Dummheit war", sagte Halík. Die führende Koalitionspartei ANO (Aktion unzufriedener Bürger) von Ministerpräsident Andrej Babiš sei "eine Filiale der Privatfirma eines Unternehmers, bei dem sich der unumkehrbare Selbstzerstörungsmechanismus in Gang zu setzen beginnt".

An Präsident Miloš Zeman sei "die absolute Absenz von Gewissen, Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein" bemerkenswert . Dass das Staatsoberhaupt, dessen Hauptaufgabe darin bestehe, die Gesellschaft zusammenzuhalten, "andauernd mit perverser Schadenfreude das gerade Gegenteil betreibt und die Gesellschaft unaufhörlich verhetzt", habe sich auf die Gesellschaft niederschlagen müssen. Vorderhand sei ihm gelungen, worauf sich sein Vorbild Trump verlasse: "Um jeden Preis die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn es nicht anders geht auch mit sich steigernden Ungeheuerlichkeiten und Skandalen, am besten internationalen". Wenn die Medien jedoch gesättigt sein und ihr Augenmerk auf die wirklich wichtigen Probleme richten würden, werde "der Ballon platzen".

Zur Lage der Kirche in der Tschechischen Republik widersprach Halík dem Klischee der atheistischen Gesellschaft. Sie setze sich vielmehr aus "Apatheisten" zusammen, die zum Unterschied von den Atheisten gegen die Religion nichts haben, sich aber nicht mehr für sie interessieren. Was sterbe, sei nicht der Glaube, sondern "der traditionelle Typ von Religion und Kirche, der an eine schwindende Biosphäre auf dem Land gebunden" sei. Diese Art von Volksfrömmigkeit am Leben erhalten zu wollen sei eine "Selbsttäuschung".

Eine "nicht kleine Gruppe, hauptsächlich unter den Jüngeren und Gebildeteren", seien jedoch "nicht verankerte geistlich Suchende". Wenn diese das Glück hätten, "einem tieferen und glaubwürdigeren Glaubenstyp - ohne Billigangebot und Manipulation von sogenannten Evangelisatoren - zu begegnen", seien sie bei geduldiger Begleitung auf "dem Glauben als Weg" ansprechbar. Die von ihm seit einem Vierteljahrhundert aufgebaute Prager Akademikerpfarre sei "ein Laboratorium dieses Glaubenstyps" und könne sich "über leere Bänke und Desinteresse nicht beklagen". Namentlich die jungen Priester, die aus dieser Gemeinde hervorgingen, bemühten sich diesen Glaubenstyp zu verbreiten, der sich "nicht nur in der Kirche realisiert, sondern auch im Engagement in der Zivilgesellschaft, in ökologischen Bemühungen, in der sozialen Hilfe für Flüchtlinge und Obdachlose".

Zur Lage und Entwicklung der Weltkirche meint Tomas Halík, der im vergangenen Herbst den 40. Jahrestag seiner geheimen Priesterweihe durch Bischof Hugo Aufderbeck in Erfurt begangen hat, "die großen Päpste unserer Zeit, Johannes Paul II. und Benedikt XVI." hätten "würdig eine lange Etappe der Kirchengeschichte zu Ende geführt, deren Hauptthema der Ausgleich mit der Moderne" gewesen sei. Jetzt sei die Moderne zu Ende und Papst Franziskus schlage ein neues Kapitel auf, "eine neue Form von Kirche für die postmoderne und postsäkulare Welt".

Unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils habe "der spätneuzeitliche Katholizismus - die Gegenkultur gegen die moderne Welt und den Protestantismus - begonnen, sich in eine wahrhafte Katholizität - die universale ökumenische Offenheit des Christentums für eine radikal pluralistische Zivilisation - zu wandeln". Papst Franziskus setze "den vorübergehend abgebremsten Prozess heute fort". Er sei "zurecht die vertrauenswürdigste Autorität der Welt von heute", und es sei "auffallend, wie er in seiner Bescheidenheit, Leutseligkeit und Authentizität das gerade Gegenteil politischer Clowns vom Typ Trump" sei.

Dennoch sei er nicht nur optimistisch, sagte Halík. Denn die Kirche sei heute "gespalten wie vor der Reformation". Es werde deshalb "wahrscheinlich zu einem gewissen Schisma kommen".

Was die globale politische Entwicklung betrifft, glaubt der Priester und Wissenschaftler, dass der Hauptzusammenstoß nicht zwischen ideologischen Blöcken erfolgen werde. Die wahre Dynamik und Veränderung werde eher die Verbindung des "fließenden Hasses" bringen, der in der Welt überall unterschwellig vorhanden sei, "mit irgendeinem neuen politischen Subjekt, eher einer sozialen Bewegung als mit einer traditionellen Partei". Möglicherweise könne "schon heuer die Niederlage der Populisten in Ostmitteleuropa, zu der es einmal kommen muss, beginnen, und zwar - ähnlich wie seinerzeit die Niederlage des Kommunismus - von Polen aus". (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)