Slowakei: Čaputová ruft Kirchen zum gemeinsamen Einsatz gegen Hassrede auf

Besorgnis wegen eines zunehmenden Radikalismus in Gesellschaft und Politik prägte den ersten Neujahrsempfang der seit dem Vorjahr amtierenden slowakischen Präsidentin Zuzana Čaputová für die Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Sowohl das Staatsoberhaupt als auch die Religionsvertreter warnten vor einer weiteren Radikalisierung im Wahlkampf sowie nach dem Urnengang für den Nationalrat am 29. Februar.

Eine der Bedeutungen des Wortes Religion, das u.a. vom lateinischen „religare“ abgeleitet wird, sei „die Fähigkeit zu verbinden“, und dies werde „in der aktuellen Situation in der Slowakei gebraucht wie das Salz“, sagte Čaputová laut dem Online-Portal der Slowakischen Bischofskonferenz bei der Begegnung im Präsidentenpalais in Bratislava. Mit Bedauern müsse sie feststellen, „dass die Suche und das Finden des Gemeinwohls in letzter Zeit von einem gefährlich sich ausbreitenden Phänomen belastet wird, nämlich der Sprache des Hasses“.

Eindringlich forderte die Staatspräsidentin die Kirchenvertreter auf, den Kampf gegen die Hassreden mit ihr gemeinsam zu führen. Die Kirche und das Präsidentenamt verbinde mehr, als es sie trenne, sagte Čaputová. Sie vertraue darauf, dass die Bischöfe „ihre Autorität einsetzen, damit die Öffentlichkeit deutlich ihre mäßigende Stimme hört – die Stimme der Toleranz, des Verstehens, des Respekts und der Liebe“.

Der Vorsitzende der katholischen Slowakischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislav Zvolenský von Bratislava, dankte der Präsidentin in seiner Ansprache für ihre „Einladung zur Zusammenarbeit und zur Achtung von Opponenten mit anderen Ansichten“. Der Kirche sei an einem guten Zusammenleben gelegen und sie sei „über die Teilung der Gesellschaft in unversöhnliche Gegner nicht erfreut und schon gar nicht, wenn dies auf Grund der Zugehörigkeit zu einer Religion“ geschehe. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass die Slowaken auch nach der Wahl „zusammenleben und miteinander auskommen müssen“.

Der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen und evangelisch-lutherische Generalbischof Ivan El‘ko zeigte sich beunruhigt über die „künstlich geöffnete Schere zwischen einem Teil der Gesellschaft und der Kirche“; er bitte die Präsidentin um eine „sensible Wahrnehmung auch dieses Teils der komplizierten Situation in der Gesellschaft“.

Der Vorsitzende des Zentralrats der jüdischen Religionsgemeinschaften, Richard Duda, nannte die Schändung zweier jüdischer Friedhöfe sowie den Überfall auf fünf Dominikaner kurz vor Jahresende als Beispiele für die Zuspitzung des politischen Klimas zwischen Tatra und Donau. Die Reaktionen auf die Vorfälle belegten, dass sich die Slowakei „derzeit am Scheideweg“ befinde. Die nächste Zeit werde zeigen, „ob wir auf der Ebene einer unreifen Gesellschaft stagnieren“, so Duda, „in der blinde Gewalt die Garantie grenzenloser Meinungsfreiheit überschreitet, die Rechte anderer niederstampft, die Würde einiger Bürgergruppen erniedrigt und für diese aus unserem Land einen traurigen Ort zum Leben macht“.

Die katholische Delegation beim Neujahrsempfang bildeten laut dem katholischem Radio Lumen neben Erzbischof Zvolenský der Exarch von Bratislava der griechisch-katholischen Kirche, Bischof Peter Rusnák, Militärbischof František Rábek sowie der Apostolische Nuntius in der Slowakischen Republik, Erzbischof Guido Ottonello. Nicht anwesend war diesmal der stellvertretende Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, der Erzbischof von Trnava, Ján Orosch, der es in einer Predigt kurz vor dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl im Vorjahr zwar ohne Namensnennung, aber unmissverständlich als „Sünde“ bezeichnet hatte, seine Stimme liberalen Kandidaten wie Zuzana Čaputová zu geben oder deren Wahl von der Kanzel zu propagieren.

Kritische Analytiker der Ansprache der Präsidentin beim Neujahrsempfang wie die Journalistin Zuzana Kepplová in der Tageszeitung Sme interpretierten Čaputovás Worte als behutsame Mahnung an die Bischöfe, auch auf ihre eigene Wortwahl zu achten und Geistliche mit noch schärferer Wortwahl nicht zu decken. (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)

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