Ungarn: Theologin fordert: Kirche muss Widerstand leisten

Einen „gefährlichen Flirt“ zwischen der politischen und der religiösen Rechten in Ungarn beklagt die an der Universität Graz forschende Theologin und Genderforscherin Rita Perintfalvi. Die Kirche müsse gemäß der Gottesebenbildlichkeit des Menschen „Widerstand bis zum Martyrium“ leisten, „wenn eine politische Strömung die Gleichberechtigung aller Menschen in Frage stellt“, sagte die gebürtige Ungarin im Interview für die erste Folge der „Sommergespräche“ auf Radio Klassik Stephansdom und die Wiener Kirchenzeitung Der Sonntag. Stattdessen seien ungarische Kirchenvertreter etwa beim Kampf gegen Gendergerechtigkeit „aktiv dabei“ und in Predigten höre man oft, dass die Muslime Europa zerstören wollten.

Durch kommunistische Diktatur und Unterdrückung habe die Kirche in Ungarn die Öffnung der Kirche für die Moderne und die Menschenrechte durch das Zweite Vatikanischen Konzil (1962-1965) verpasst, so die Theologin. Nach der Wende 1989 habe es angesichts der neuen Freiheit zwar eine „Blüte der Kirche“ gegeben. Viele seien aber enttäuscht worden, weil die ungarische Kirche mit einer „ganz veralteten Theologie“ die Fragen der modernen Menschen nicht habe beantworten können. Nun unterstütze die Kirche in Ungarn die rechtspopulistische Strömung „ganz stark“, so Perintfalvi: „Warum? Weil eben der Öffnungsprozess nie stattgefunden hat.“

In dem Interview äußerte sich die promovierte Alttestamentlerin, die seit 2019 an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz mit Schwerpunkt „Theologische Frauen- und Geschlechterforschung“ tätig ist, auch zum jüngsten Gender-Dokument der vatikanischen Bildungskongregation. So sei zwar positiv, dass der Vatikan neu den Dialog mit der Gender-Forschung suche, sagte Perintfalvi, aber: „Nicht gut ist, dass das Wort Gender-Ideologie verwendet wird. Denn das ist ein Kampfbegriff. Damit ist gegen Philosophinnen und andere Wissenschaftlerinnen gehetzt worden. In Ostmitteleuropa wurden viele bedroht.“ Wenn der Vatikan den Dialog suche, dann brauche es auch eine Sprache des Dialogs, so die Genderforscherin.

Mehr als nüchtern analysierte Perintfalvi in dem Gespräch auch ihre eigenen Chancen in Zukunft als Theologin oder als Genderforscherin eine Professur an einer ungarischen Universität zu bekommen. Dies sei „praktisch nicht möglich“. Perintfalvi erinnerte daran, dass die Regierung unter Viktor Orbán im vergangenen Jahr Gender-Studien aus dem Kanon der Fächer gestrichen hat, zu denen an staatlichen Universitäten geforscht und gelehrt wird. „Und die Theologie, die ich in Österreich gelernt habe, kann ich in Ungarn nicht lehren“, fügte Perintfalvi hinzu: „Befreiungstheologie oder Feminismus, aber auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das ist alles ‚viel zu viel‘ für Ungarn. Vielleicht kommt einmal die Zeit.“

Theologie-Professorinnen gebe es in Ungarn zudem nur an einer einzigen Fakultät, der Theologischen Ordenshochschule Sapientia in Budapest, berichtete die Theologin: „Aber das ist eine Universität für Ordensleute. Frauen wie mich, also Laien, gibt es überhaupt nicht.“ (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)