Bosnien-Herzegowina: Srebrenica-Gedenkfeiern wegen Corona eingeschränkt

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Die Folgen der Corona-Pandemie sowie Spannungen in Bosnien-Herzegowina überschatten das Gedenken an den 25. Jahrestag des Massakers von Srebrenica. In Berlin erinnerten auf Initiative der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am 10. Juli Politiker, Menschenrechtler und Vertreter von Religionsgemeinschaften mit einer Kranzniederlegung an der Neuen Wache an die Ermordung Tausender Bosniaken im Sommer 1995. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hatte das Massaker – das größte in Europa seit 1945 – als „Völkermord“ ausgewiesen. Der weltweite Gedenktag ist der 11. Juli.

„Auch 25 Jahre nach dem Völkermord ist die Leugnung des Genozids auf dem Westbalkan wie auch bei uns verbreitet“, sagte GfbV-Referentin Jasna Causevic. Der Jahrestag mahne alle Menschen, dieser Form der Hassrede entgegenzutreten und sich für Frieden und Verständigung einzusetzen.

Das Massaker von Srebrenica vor 25 Jahren gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschheit in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Bei der von serbischen Einheiten unter Ratko Mladić durchgeführten Militäraktion während des Bosnienkriegs wurden vom 13. bis 17. Juli 1995 mehr als 8100 bosnische Männer getötet.

In Genf sprach UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet von schmerzhaften Erinnerungen. Die Narben seien noch lange nicht verheilt. Sie rief die Politiker in Bosnien-Herzegowina zu Empathie, gegenseitigem Respekt und Unterstützung der Opfer und Überlebenden auf.

Am 11. Juli war die Beisetzung von acht Opfern des Massakers im Srebrenica Memorial Center vorgesehen, deren Gebeine in den zurückliegenden Monaten identifiziert worden waren. Ursprünglich hatten die Organisatoren dazu bis zu 100‘000 Menschen erwartet. Angesichts der Corona-Pandemie konnten nur wenige Hundert kommen. Das gilt auch für einen Friedensmarsch, an dem ursprünglich 10‘000 Menschen teilnehmen sollten.

Unterdessen mehren sich die Warnungen vor neuen Verwerfungen zwischen Serben und Bosniaken in Bosnien-Herzegowina. Es sei eine „traurige Realität“, dass Versöhnung im herkömmlichen Sinne weiter entfernt scheine, als noch vor zehn Jahren, sagte der belgische Jurist Serge Brammertz der Deutschen Welle. Dies liege vor allem daran, dass die Tendenz zunehme, Kriegsverbrecher zu verherrlichen und den Völkermord zu verharmlosen, so der frühere Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Ähnlich hatte sich zuvor bereits die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic geäußert. In der Republika Srpska seien immer noch Schulen nach Ratko Mladić und anderen Kriegsverbrechern benannt, sagte Calic in einem Interview der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. „Andererseits ist das Massaker unter den Bosniaken zu einem Ursprungsmythos geworden“, erläuterte die Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Wer aber seine nationale Identität auf einen Genozid aufbaut, kann zu Versöhnung nicht bereit sein.“

Calic hob auch hervor, dass der Faktor Religion im Jugoslawienkrieg nicht überbewertet werden dürfe. „Der Krieg wurde aus säkularen, nationalistischen Motiven heraus geführt. Aber es gab und gibt eine unheilige Allianz zwischen dem Nationalismus und den einzelnen Religionsgemeinschaften. Das gilt sowohl für die Serbische Orthodoxe Kirche, die für einen aggressiven serbischen Kurs steht, als auch für die in Kroatien dominierende katholische Kirche, die eine Nähe zur extremen Rechten bis hin zur faschistischen Ustascha pflegt. Es betrifft aber auch die Islamische Gemeinschaft, deren Geistliche bis in die Gegenwart beispielsweise ethnische Reinheit predigen und Mischehen verteufeln“, so die Historikerin.

Knapp 7000 der 8100 Opfer von Srebrenica sind inzwischen namentlich identifiziert und auf dem Gedenkfriedhof in Potočari beigesetzt. Dabei mussten auch aus dem Ausland zugezogene Forensiker bis an ihre eigenen psychischen Grenzen gehen. Denn die serbischen Täter hatten die Massengräber später mit schweren Baggern wieder geöffnet und die Leichenteile auf sog. sekundäre oder tertiäre neue Gräber verteilt. So sollten ihre Verbrechen vertuscht werden. Pathologen mussten die sterblichen Überreste daher mühsam aus verschiedenen Gräbern holen und wieder zusammensetzen.

Die Oberbefehlshaber des Völkermordes, der politische Führer der bosnischen Serben Radovan Karadžić und sein Militärchef Ratko Mladić, wurden nach langer Flucht erst vor wenigen Jahren vom UN-Tribunal in Den Haag wie andere Helfershelfer auch zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die weitaus größte Zahl der Täter ist noch immer auf freiem Fuß. Viele sind nach Serbien geflohen und leben dort unbehelligt. Die mittlere militärische Ebene wurde nie zur Rechenschaft gezogen. (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)

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