Bosnien-Herzegowina: Katholische Bischöfe fordern 25 Jahre nach Dayton gerechten Frieden

Die katholische Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina hat 25 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton die internationale Gemeinschaft zu Bemühungen um eine „gerechte Friedensordnung“ aufgerufen. Der Vertrag habe zwar den Krieg beendet, aber er habe keinen „stabilen und gerechten Frieden“ geschaffen, heißt es in dem Appell vom 20. November 2020. Weder die Gleichberechtigung der drei Nationen und der nationalen Minderheiten, noch die garantierte Rückkehr vieler Vertriebener und Geflüchteter, noch die Restitution zerstörten und geraubten Eigentums von Bürgern und Religionsgemeinschaften sei gelungen.

Die Mitglieder der Bischofskonferenz sehen es als ihre „moralische Verpflichtung“ an, konstruktiv zum Gemeinwohl aller Bürger beizutragen. Dazu gehöre auch, mit einem „dauerhaften und tiefgreifenden Dialog“ die Beziehungen zu den anderen Religionsgemeinschaften zu pflegen und damit ein friedliches Zusammenleben zu fördern. Sie kritisierten, dass das Abkommen „mehr zur Rechtfertigung und als Alibi für das Bewahren und die Legalisierung verschiedener früherer und neuer Ungerechtigkeiten benutzt wurde“. Es fehle an rechtlicher und materieller Rückkehrhilfe für Katholiken, außerdem gebe es kaum noch Katholiken im Staatsteil Republika Srpska, während ihre Zahl im anderen Staatsteil, der Föderation, kontinuierlich sinke. Abschließend fordern die Bischöfe, dass die Vertreter der Staaten, die das Abkommen unterzeichnet haben, gemeinsam mit den bosnischen Politikern „endlich entschlossener als bisher an einem gerechten und zweckmäßigen inneren Aufbau des Landes arbeiten“.

Schon nach der Sitzung der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina am 4. November hatte deren Vorsitzender, Erzbischof Vinko Puljić von Sarajevo kritisiert, dass das Abkommen kein „stabiler Aufbau des Friedens, sondern sogar eine Legalisierung des ‚ethnischen Säuberns‘ ist“. Das hätten die katholischen Bischöfe schon bei der Unterzeichnung vor 25 Jahren befürchtet. Zudem beklagte er, die Mittel, die der Rückkehr Geflohener dienen sollten, würden ungerecht verteilt. Das Eigentum von Religionsgemeinschaften werde nicht zurückgegeben, sondern „umgeschrieben und verkauft“. Auch der neue Bischof von Mostar, Petar Palić, beurteilte das Dayton-Abkommen negativ. Es habe Bosnien-Herzegowina nach dem Krieg „gelähmt“. Heute werde es „nach Bedarf interpretiert, angewendet und verändert, und das regelmäßig zum Nachteil der Kroaten“. Die Benachteiligung einer der drei Volksgruppen führe aber zu Instabilität und Unsicherheit. Katholische Politiker erinnerte er an ihre Pflicht, für ein würdiges Leben aller zu kämpfen und sich für die Interessen derer einzusetzen, deren Stimme ihnen anvertraut wurde.

In einem Interview mit Vaticannews bezeichnete Ivan Šarčević, Franziskaner und Theologieprofessor in Sarajevo, das Dayton-Abkommen als „Bremse für die Entwicklung“ des Landes, es sei schwierig damit zu regieren, außerdem habe es die ethnischen Säuberungen zementiert. Der politischen Elite Europas warf er vor, die bosnischen Probleme zu wenig ernst zu nehmen. Sie würden denken, dass die Ränder Europas sie nicht so sehr beträfen, denn es gebe ja auch keinen Krieg und keine Flüchtlinge mehr. Aber Europa sollte nicht „die Politiker unterstützen und ihnen Geld geben, die Kriminelle sind“. Das Abkommen sei kein „unberührbares Heiligtum, es kann und muss geändert werden“. Selbstkritisch verwies er auf „viele Fehler“, welche die Religionsgemeinschaften im Krieg gemacht hätten. Die Mehrheit der Hierarchen aller drei verbreiteten Gemeinschaften hätten sich „nicht gut verhalten“. Im Sinn von „institutioneller und politischer Verantwortung“ sei keine Schuld zugegeben worden. Die Schuld bestehe darin, dass man Soldaten zum Töten und Vertreiben Unschuldiger veranlasst und aus Kriegsverbrechern Helden und Heilige gemacht habe. Das Gewissen sei nicht durch „Reue und bedingungsloses Verzeihen gereinigt worden“, denn es werde immer eine Gegenleistung verlangt. (NÖK)

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