Bulgarien: Orthodoxe Kirche wegen Verhalten im Wahlkampf in der Kritik

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Im Vorfeld der bulgarischen Parlamentswahlen am 4. April sorgt das Nahverhältnis zwischen Regierung und Bulgarischer Orthodoxe Kirche (BOK) für Diskussionen. Allein in der Zeit vom 10. Februar bis zum 10. März bewilligte die Regierung viermal finanzielle Hilfsmittel für die zwei größten Glaubensgemeinschaften im Land: die BOK und die Muslime. Zuerst wurden ca. 2 Mio. Euro für die beiden Geistlichen Seminare der BOK und für drei geistliche Schulen des bulgarischen Großmuftiats freigegeben. Der Bildungsminister Krasimir Valčev begründete dies mit der gesetzlich festgeschriebenen Verpflichtung des Staates, sich für die geistlichen Schulen der zwei größten Religionen im Land finanziell zu engagieren. Am 17. Februar und am 4. März genehmigte die Regierung weitere Summen für Renovierungs- und Bauarbeiten an Gebäuden beider Religionsgemeinschaften.

Am 10. März wurde zudem bekannt, dass dem Antrag des Metropoliten Kiprian (Dobrinov) von Stara Zagora um finanzielle Hilfe für die Wiederinbetriebnahme des Klosterkomplexes „Geburt Christi“ in Šipka mit einer Summe von 1,8 Mio. Euro entsprochen wird. 2020 hatte die Regierung bereits 800‘000 Euro für die Renovierung des Glockenturms bewilligt. Zwar sollen im Kloster auch Arztpraxen für die ca. 1000 Einwohner*innen des Städtchens Šipka eingerichtet werden. Dennoch war der ausschlaggebende Grund für diese generöse Unterstützung ein anderer: im nationalen Gedächtnis spielt Šipka die Rolle eines Mythos, denn hier fand die entscheidende Schlacht im Russisch-Türkischen Krieg 1877/1878 statt, dessen Ergebnis die Wiederherstellung des bulgarischen Staates war. Metropolit Kiprian würdigte ausdrücklich die Verdienste der Regierung und von Ministerpräsident Bojko Borisov persönlich. Damit reiht er sich in eine Reihe öffentlicher Bekundungen hoher Würdenträger zugunsten des Ministerpräsidenten ein.

Anerkennende Worte seitens der Kirche hörte man auch am 5. März beim Start der offiziellen Wahlkampagne der Regierungspartei GERB, die mit Segnungsgottesdiensten begann. Letztere sind ein wichtiger Bestandteil der Wahlstrategie von GERB, da diese sich gern als Bewahrerin konservativer Werte gibt. Dabei blieb es nicht nur bei Dankesbekundungen, so wünschte Metropolit Jakov (Dončev) von Silistra, dem GERB-Kandidaten seiner Stadt ausdrücklich den Wahlerfolg.

Damit verstieß er gegen einen Beschluss des Hl. Synods, den dieser am 16. Februar anlässlich des Wahlkampfs festgelegt hatte: Ansprachen von Geistlichen sollten lediglich eine geistige Botschaft haben. Allerdings fällt auf, dass dieser Beschluss erst am 10. März veröffentlicht wurde, einige Tage nach dem Start des Wahlkampfs (die Segnungsgottesdiente finden in der Regel am ersten Tag statt). Auffallend ist auch, dass dieses Dokument sehr lapidar gehalten ist und lediglich drei Punkte beinhaltet: erstens eine Mahnung an die Kleriker, dass sie nicht als Bürgermeister, Gemeinderäte oder Parlamentsabgeordnete kandidieren dürfen. Zweitens die Anweisung, dass Segnungsgottesdienste auf Wunsch von Politiker*innen oder Parteien wohl zelebriert werden dürfen, unter der Voraussetzung, dass dies in einer Kirche geschehe. Der dritte Punkt mahnt die Priester, ihre Grußworte an die Anwesenden lediglich mit geistlichem Inhalt zu füllen. Im engeren Sinne aber wird den Klerikern nicht untersagt, sich politisch zu betätigen. Davon haben bereits einige Priester Gebrauch gemacht, die als Mitglieder in Parteien aktiv sind. Zwar segneten die Kleriker auch die Wahlkampagnen anderer Parteien. Dennoch stieß das Handeln der BOK auf öffentliche Kritik. Kritisiert wird, dass sich die Kirche zu sehr von der Regierung vereinnahmen lasse. Auf der einen Seite steht der Verdacht im Raum, dass vor allem regierungsnahe Firmen von den Steuergeldern zur Renovierung von Kirchen und Klöstern profitieren. Zum anderen befürchten manche Gläubige, dass die Kirche immer mehr in eine Abhängigkeit vom Staat gerät. Viele von ihnen glauben, dass die Regierung und vor allem Ministerpräsident Borisov tief in die Korruption involviert ist, und beteiligten sich an den monatelangen Protesten 2020. Andere finden Borisovs Gebaren anstößig, da dieser oft anstatt von Gott vom „Chef“ spricht und Frömmigkeit vorspiele. Anstatt am liturgischen Leben teilzunehmen, würde er eher abergläubische Bräuche und einen sehr aufdringlichen Auftritt pflegen.

Am prägnantesten fasste diese Kritik der Philosophieprofessor Kalin Janakiev in einem Artikel in der Zeitschrift Narodna Kultura zusammen. Darin warf er dem Ministerpräsidenten vor, dass er seit Monaten die Kirche politisch missbrauche. Er kritisierte die Selbstinszenierung des Ministerpräsidenten, der auf Facebook mit seinem SUV live von Kloster zu Kloster und von Kirche zu Kirche eilt und verkündet: „Ich habe für dieses Kloster bzw. Kirche so und so viel Geld gegeben“. Besonders auffällig war in dieser Hinsicht der Besuch von mehreren Klöstern innerhalb eines Tages, wobei Borisov ausdrücklich sagte, dass seit 2014 ca. 60 Mio. Euro für die verschiedenen Glaubensgemeinschaften freigegeben wurden, und davor warnte, dass diese finanzielle Unterstützung vorbei wäre, wenn andere Parteien an die Macht kämen. 

Janakiev appellierte an Borisov, die Kirche in Ruhe zu lassen und sie nicht in seine PR-Aktionen hineinzuziehen, und betonte die Trennung von Staat und Kirche. Die Kirche habe ihr eigenes Leben und stelle vor allem die eucharistische Gemeinschaft der Gläubigen dar. Aufgrund seiner Unterstützung der Kirche genießt Borisov unter den Gläubigen allerdings auch viel Zuspruch. Insbesondere wird ihm angerechnet, dass er 2020 öffentliche Gottesdienste nicht untersagte, als das ganze Land in einen sehr strengen Lockdown versetzt wurde.

Vladislav Atanassov

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