Liliya Berezhnaya zur Frage der Autokephalie in der Ukraine

interview liliya berezhnayaDer ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat einen Appell an den Ökumenischen Patriarchen gerichtet, der Ukrainischen Orthodoxen Kirche die Autokephalie zu gewähren. Dies ist bei weitem nicht der erste Vorstoß in dieser Angelegenheit, wie gut stehen die Aussichten bei diesem neuen Versuch?
In der Tat, das ist nicht der erste Versuch die Autokephalie (Eigenständigkeit) für die Ukrainische Orthodoxe Kirche zu erhalten. Jedes Mal, wenn die Ukraine die staatliche Unabhängigkeit erlangte (während einer kurzen Phase Anfang des 20. Jahrhunderts und dann in den 1990er Jahren) gab es Versuche, auch einen unabhängigen Status von der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) zu gewinnen. Zuletzt war das während der Präsidentschaft von Viktor Juschtschenko der Fall. 2008 lud dieser den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios, nach Kiew ein mit der Hoffnung einen Tomos (Erlass) über die Autokephalie zu bekommen. Der Vorstoß von Juschtschenko war jedoch nicht erfolgreich, auch weil die Situation mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche schon seit den 1990er Jahren ziemlich kompliziert ist. Heutzutage gibt es drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine: die kanonische Ukrainische Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) (UOK–MP) mit der größten Zahl der Gemeinden; die Ukrainische Orthodoxe Kirche (Kiewer Patriarchat) (UOK–KP), die 1992 entstand, als ein Teils des Klerus, der sich für die Unabhängigkeit von der ROK aussprach, das Moskauer Patriarchat verließ; und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK), gegründet am Anfang des 20. Jahrhunderts und wiederbelebt in den 1990er Jahren. Die UOK–KP und die UAOK werden von den anderen orthodoxen Kirchen in der Welt nicht anerkannt. Dazu gibt es noch die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK), die der Jurisdiktion Roms untersteht, aber dem byzantinischen Ritus in der Liturgie und der geistlichen Praxis folgt. Ferner gibt es die römisch-katholische Kirche und zahlreiche protestantische Kirchen.

Die Koexistenz der orthodoxen Kirchen war in den letzten Jahren oft von Konflikten begleitet. So waren sich z. B. 2008 die UOK–KP und die UAOK nicht einig, in welcher Form die mögliche Autokephalie in der Ukraine organisiert werden soll. Dazu kam auch viel Widerstand seitens der ROK und der damaligen Moskauer Regierung.

Heute ist genauso schwer einzuschätzen, ob Poroschenkos Vorstoß in dieser Angelegenheit gute Aussichten hat. Diesmal haben die UOK–KP und UAOK eindeutig die Initiative unterstützt, was für bessere Aussichten spricht. Am wichtigsten ist allerdings die politische Situation. Diese hat sich seit 2014 dramatisch verändert. Vor dem Hintergrund des Krieges im Osten der Ukraine hat ein Teil der ukrainischen Gesellschaft neue Formen des nationalen Bewusstseins entwickelt, bei denen eine unabhängige Kirche eine besondere Rolle spielt. Die Konfrontationen mit Russland haben auch zu einer weiteren Politisierung des religiösen Lebens in den orthodoxen Gemeinden geführt. Gegen die Idee der Autokephalie steht diesmal eindeutig die UOK–MP. Deren Oberhaupt, Metropolit Onufrij (Berezovskij), hat Poroschenkos Vorstoß nicht unterzeichnet und ihn als „Machtmissbrauch“ und „Einmischung in kirchliche Angelegenheiten“ eingestuft. Auch die Hierarchie der ROK hat Poroschenkos Initiative verurteilt und betont, dass die kanonische UOK–MP die Beziehungen mit der ROK nicht abbrechen will.

Welche Rolle spielt das Ökumenische Patriarchat in dieser Frage historisch gesehen?
Der Appell an das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hat mit der Idee der Kiewer Kirche zu tun. Diese basiert auf dem Narrativ von der Taufe der Ukraine im 10. Jahrhundert von Konstantinopel aus und bezeichnet das Ökumenische Patriarchat als die „Mutter-Kirche“. Die Kiewer Metropolie war formell bis zum Jahr 1686 Konstantinopel untergeordnet. Die Unterstützer der Idee einer Kiewer Kirche betrachten die Angliederung der Kiewer Metropolie im Jahr 1686 an das Patriarchat von Moskau als illegitim und betonen dabei mehrere Missachtungen kanonischer Bestimmungen. In diesem Kontext muss der Patriarch von Konstantinopel als von Moskau unabhängige kirchliche Autorität und als eine besondere Macht in der orthodoxen Ökumene betrachtet werden.

Auch eine große Mehrheit der Abgeordneten im ukrainischen Parlament hat den Vorstoß von Präsident Poroschenko unterstützt. Was versprechen sich die Parteien von einer Anerkennung der Autokephalie?
In seiner Rede vor dem ukrainischen Parlament (Werchowna Rada) hat Poroschenko vor allem den geopolitischen Aspekt seines Vorstoßes betont. Für ihn ist diese Initiative eine notwendige Maßnahme angesichts des Krieges mit Russland. Der ukrainische Präsident hat sogar offen erklärt, dass es „nicht nur um Religion, sondern um Politik geht.“ Laut Poroschenko ist die Autokephalie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche mit der ukrainischen Mitgliedschaft in der EU und in der NATO gleichzusetzten, genauso wie mit der Frage der nationalen Sicherheit und des Schutzes im hybriden Krieg. So formuliert, haben auch die Parlamentarier über den Vorstoß abgestimmt. 80% haben Poroschenkos Initiative unterstützt, vor allem seine eigene Partei und diejenige von Julija Tymoschenko (die ehemalige Ministerpräsidentin der Ukraine). Dagegen war der sog. „Oppositionelle Block“ der ehemaligen „Partei der Regionen“ (früher die Partei von Präsident Viktor Janukovytsch). Gleichzeitig hat ein Teil der Abgeordneten (ca. 12%) eine Petition gegen die Autokephalie an Bartholomaios geschickt. So oder so bringt die Diskussion um die Autokephalie gegenwärtig beiden Lagern politische Dividende.

Was würde eine Anerkennung der Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat konkret bedeuten? Welche Auswirkungen hätte dies auf die Ukrainische Orthodoxe Kirche-Moskauer Patriarchat und ihre Gemeindemitglieder?
In Moment ist schwer zu sagen, ob eine positive Entscheidung überhaupt möglich ist. Der Hl. Synod des Ökumenischen Patriarchats hat entschieden, diese Frage „eng mit den orthodoxen Schwesterkirchen zu kommunizieren und zu koordinieren.“ Gemeint ist damit natürlich auch die ROK.

Im Fall einer Anerkennung der ukrainischen Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat (über die bis Ende Sommer 2018 entschieden werden soll) wird eventuell eine neue orthodoxe Jurisdiktion in der Ukraine entstehen, unter dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Für die UOK–MP könnte dies eine weitere Spaltung bedeuten. Die Autokephalie wird also möglicherweise zu Konfrontationen oder wenigstens Diskussionen in den Gemeinden führen. Ein Teil des Klerus und der Gläubigen wird eventuell zur neuen Jurisdiktion überlaufen.

Ohne Zweifel würde eine Anerkennung der ukrainischen Autokephalie eine weitere Konfrontation zwischen der ROK und dem Ökumenischen Patriarchat bedeuten, bis hin zu einem Bruch der Beziehungen, wie dies schon mal in den 1990er Jahren geschehen ist. Damals hatte das Ökumenische Patriarchat die Autonomie der Estnischen Orthodoxen Kirche bestätigt, was zum temporären Bruch der kirchlichen Beziehungen mit der ROK geführt hat.

Insgesamt sollte die autokephale Bewegung eigentlich zum Ziel haben, die innerkirchlichen Konflikte zu überwinden und einen Dialog zu fördern. Aber das bleibt ein Ideal. In der Moderne und mit der Entstehung von Nationalstaaten ist Autokephalie zu einem politischen Argument geworden, um nationale Interessen zu sichern. Die Politisierung von Religion in der Ukraine und in Osteuropa insgesamt ist weiterhin ein Phänomen, das nicht zu übersehen ist.

Dr. Liliya Berezhnaya ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zuletzt ist von ihr (mit John-Paul Himka) The World to Come. Ukrainian Images of the Last Judgment (2015) und (hrsg. mit Christian Schmitt) Iconic Turns: Nation and Religion in Eastern European Cinema since 1989 (2013) erschienen.

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