Rumänische Arbeitsmigration während der Coronavirus-Epidemie

interview nicusan arbeitsmigration rumänienAls die Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten in Europa zu steigen begannen, sind zahlreiche Arbeitsmigranten nach Rumänien zurückgekehrt. Wie wurden die Rückkehrer in Rumänien aufgenommen?
Laut einer Umfrage von INSCOP Research, die zwischen dem 20. und 24. März 2020 durchgeführt wurde, wird die Rückkehr einiger im Ausland arbeitender Rumänen von 68,9 Prozent der Befragten als eine gute Sache angesehen, da dies zur Wiederbelebung der Wirtschaft beitragen könnte, wenn sie weiterhin in Rumänien arbeiten. 24,8 Prozent der Rumänen glauben, dass die Rückkehr eines Teils der im Ausland arbeitenden Rumänen im Gegenteil eine schlechte Sache sei, da dies die wirtschaftlichen Probleme vertiefen könnte, die nach dem Ende der Coronavirus-Epidemie auftreten werden. 49,3 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Bürger aus der Diaspora, die nach Rumänien zurückkehren und mit dem Coronavirus infiziert sind, für die medizinische Versorgung in Rumänien bezahlen sollten, wenn sie nicht krankenversichert sind. 46,5 Prozent sind in dieser Frage anderer Meinung. Die überwiegende Mehrheit der Rumänen ist der Ansicht, dass der Staat besondere Maßnahmen ergreifen sollte, um im Ausland arbeitende Rumänen, die angesichts der Coronavirus-Epidemie zurückgekehrt sind, zu ermutigen, im Land zu bleiben.

Aufgrund der geschlossenen Grenzen können Erntehelfer nicht zu ihren saisonalen Arbeitsstellen in der europäischen Landwirtschaft reisen. Was bedeutet das für die Betroffenen und die rumänische Gesellschaft insgesamt?
Die Grenzen waren während dieser Pandemie für Arbeitsmigration eine lange Zeit geschlossen. Die Europäische Union sucht trotzdem Arbeitskräfte aus Osteuropa und vor allem aus Rumänien. Wollen die Rumänen wieder ins Ausland zurück? Haben sie noch Angst vor Covid-19? Diesbezüglich habe ich mich bei persönlichen Bekannten- und Freunden umgehört, die vor der Coronavirus-Epidemie eine Arbeitsstelle im Ausland hatten. Ich habe drei verschiedene Situationen ausgesucht. Zwei von den befragten jungen Menschen arbeiten in Österreich, einer in der Landwirtschaft und die zweite Person im Altenpflegebereich. Die dritte Situation schildert einen jungen erfolgreichen Mann, der viele Jahre als LKW-Fahrer durch ganz Europa gereist ist und es nun geschafft hat, eine kleine Spedition zu gründen. Damit bietet er nun selbst in Deutschland vier anderen Mitbürgen eine Arbeitsstelle.

Nelu Mărginean ist aus der Bischofsstadt Blaj, eine Stadt mit ca. 20‘000 Einwohnern im Zentrum Rumäniens. Er ist 49 und arbeitet seit 12 Jahren in der Landwirtschaft in Österreich. Die Pandemie hat ihn in Linz bei der Arbeit erwischt. Aufgrund Pandemie wurde sein Betrieb in Linz für unbegrenzte Zeit stillgelegt, und die Mitarbeiter sollten zurück in ihrer Heimat. „Zum Glück konnte ich einen Tag vor der Einführung der institutionalisierten Quarantäne nach Rumänien einreisen und musste nicht zwei Wochen irgendwo in einem Quarantänezentrum bleiben“, teilte mir Nelu mit. Zurück nach Österreich würde er schon, aber zuerst müsste man sehen, wie sich die Situation nach Ende Mai weiterentwickelt. In Rumänien wäre es schwieriger Arbeit zu finden, er würde eher als Tagelöhner arbeiten.

Maria Boldea ist eine 48-jährige Rumänin und wohnt zusammen mit ihrem Mann und Kind in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Blaj. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Pflegerin für eine inzwischen 90-jährige Frau in Österreich. Alle 28 Tage darf sie einen Monat in Rumänien zu Hause mit ihrer Familie verbringen und kehrt dann wieder nach Österreich zurück. Jetzt ist sie aber aufgrund der Pandemie bereits seit über drei Monaten weg von ihrer Familie, da die Vertretung aus Rumänien nicht mehr einreisen durfte. Die Entfernung von der Familie ist schwer zu ertragen. „Am schwierigsten ist es für meine Kolleginnen, die in Rumänien geblieben sind und eine Zeit lang nicht mehr hierherkommen dürfen. Für sie ist es vor allem ein Finanzproblem. Für mich wird das Heimweh jeden Tag spürbarer, und der Gedanke, dass meine Familie in dieser für die ganze Welt schwierigen Zeit allein zu Hause geblieben ist und ich weit weg in einem fremden Land bin, tut mir nicht gut “, erzählt mir Maria am Telefon. Sie schrieb sogar dem rumänischen Innenminister, um ihm die Situation ihrer über 35‘000 Kolleginnen zu schildern. Es ist laut Maria nicht in Ordnung, dass nach vier Wochen Hausisolierung in Österreich (weil die Pflegeperson nicht aus dem Haus durfte), die Pflegekräfte in Rumänien ankommen und dort weitere zwei Wochen in ein Quarantänezentrum müssen. Über die Zukunft traut sie sich nicht so viel zu sprechen: „Ich habe nur Angst, dass wir uns von unserer eigenen Familie und unseren Freunden entfremdet haben, und dass immer noch nichts sicher ist.“

Der dritte Fall betrifft den 49-jährigenNeguriţă Oargă, der seit acht Jahren in Deutschland arbeitet. Er ist aus Rumänien, verheiratet und arbeitet als LKW-Fahrer in Nürnberg. Anfangs hat er bei verschiedenen Firmen gearbeitet, aber inzwischen hat er seine eigene Spedition gegründet und sogar andere Rumänen angestellt. „Einfach ist es nicht mit dieser Corona-Pandemie, aber zum Glück wurde mein Betrieb nicht stark betroffen. Nur 30 Prozent der Aufträge sind ausgefallen. Die deutsche Regierung hat auch eine sehr hilfreiche finanzielle Unterstützung für Kleinbetriebe angeboten, und somit musste ich nicht nach Rumänien zurück“. Es ist auch für ihn nicht einfach. Die Familie ist halb in Nürnberg und halb in Rumänien. Für die Zukunft will er aber in seinem Land investieren.

Die Statistik zeigt, dass die EU Arbeitskräfte sucht und dabei gerne nach Rumänien blickt. Die rumänischen Saisonarbeiter sind für europäische Verhältnisse immer noch günstig. Die Frage ist aber, was mit diesen Menschen passiert, wenn sie nach einigen Monaten krank zurückkommen. Zurzeit wird im Fernsehen über solche Situationen gesprochen. Es gibt spezielle Fluglinien von Rumänien nach Deutschland (Suceava – Dortmund) für diejenigen, die als Erntehelfer bei der Spargelernte beschäftigt sind. Österreich hat für die Altenpflege spezielle Züge von Rumänien nach Wien vorbereitet. Vor der Abfahrt sagte eine von den vielen Altenpflegerinnen, was für sie diese Zeit bedeutete: „Seit drei Monaten konnte ich wegen der Viruspandemie nicht losfahren. Die armen alten Menschen aus Österreich warten darauf, dass wir wieder zu ihnen kommen. Es ist keine schwierige Arbeit, aber man muss mit ganzer Seele dabei sein. Hier wird diese Arbeit nicht so gut wie in Österreich bezahlt.“

Was tun die Kirchen in Rumänien, um die Arbeitsmigranten in dieser schwierigen Situation zu unterstützen?
Die Griechisch-Katholische Kirche, der ich angehöre, ist in sozialen Fragen dank der Caritas in der rumänischen Gesellschaft sehr aktiv. Als Beispiel möchte ich die beiden Caritaszentren der Metropolie Blaj und der Eparchie Oradea erwähnen: Caritas Mitropolitan Blaj und Caritas Eparhial Oradea.

In den sieben Stellen der Hauskrankenpflege der Caritas Blaj unterstützen wir 130 alte Menschen. Wir versorgen sie mit Grundnahrungsmitteln, Medikamenten und medizinischen Dienstleistungen, die für chronische Fälle spezifisch sind und die Überwachung physiologischer Parameter erfordern. Die Arbeit in den Tageszentren für Kinder ist zurzeit nicht mehr möglich. Daher haben sich die Mitarbeiter unterschiedliche Online-Alternativen ausgedacht (Email, Gesprächsgruppen über Skype/Whatsapp), um weiterhin für diese Kinder da zu sein, besonders dort, wo die Arbeit der Eltern von der Pandemiekrise betroffen ist. Die Caritas Blaj hat außerdem mehr als 1000 alte und schutzbedürftige Menschen in den letzten zwei Monaten mit Lebensmittelpaketen versorgt. Lebensmittel wurden auch an verschiedene Institutionen wie das Rote Kreuz, das Psychiatrie Krankenhaus in der Stadt Târnăveni, den Kinderschutzbund des Landkreises Alba und für zwei von der Diakonie der Evangelischen Kirche gesponserten Altenheime gespendet. 25 Kinder des Caritas-Sozialzentrums „Hl. Wendelinus“ aus Cenade erhielten diesen Monat mit Unterstützung der Vodafone Romania Stiftung 25 Tablets und 25 Internet-Datenkarten dank der Königlichen Stiftung Margaret von Rumänien. Diese Spende ermöglicht es den Caritas-Mitarbeitern, ihre sozialpädagogischen und unterstützenden Aktivitäten mit den Kindern während der Krisenzeit fortzusetzen, berichtet der Caritasdirektor Pfr. Nicolae Anusca.

In Oradea durften die Sozialküchen der Caritas wegen der Corona-Maßnahmen keine armen Menschen mehr empfangen. Die Entscheidung der Caritas kam aber schnell: „Wenn sie nicht mehr kommen dürfen, gehen wir zu ihnen nach Hause und bringen die Tagessuppe mit“, sagte der Präsident der Diözesancaritas Pfr. Olimpiu Todorean. „Wie in jeder Krise sind schutzbedürftige Menschen und in der Regel anfälliger: alte Menschen, Alleinstehende, Menschen, deren monatliches Einkommen 60 Euro nicht überschreitet, Menschen, deren Unterhaltskosten ihr Einkommen oder den täglichen Lebensmittelbedarf übersteigen, Obdachlose oder Menschen mit einem instabilen Zuhause“, betonte Teodora Boda, Sozialarbeiterin bei Caritas in Oradea. Das ist der Grund, dass die Kirche durch die Caritas diesen Menschen besonders in den aktuellen schwierigen Zeiten entgegenkommt.

Claudiu Nicuşan leitet die Abteilung für strategische Entwicklung und Fundraising der Patriarchalkurie der griechisch-katholischen Kirche in Rumänien und den kirchlichen Radiosender Radio Blaj und ist Stadtrat in Blaj.

Bild: Die griechisch-katholische Kathedrale von Blaj. (©Ciprian Lazar/Wikimedia Commons)

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