
Umdenken erforderlich. Die Kirchen nach dem Machtwechsel in Ungarn
Tibor Görföl
Wie haben die Kirchen auf die Abwahl von Viktor Orbán und die neue Regierung unter Péter Magyar reagiert?
In Ungarn gibt es drei größere Kirchen (die katholische, die reformierte und die lutherische), wobei sich in ihrem öffentlichen Auftreten erhebliche Unterschiede feststellen lassen. Die öffentliche Präsenz der lutherischen Kirche gestaltet sich anders als diejenige der beiden anderen Kirchen: So reagierten lutherische Bischöfe und Laienvertreter regelmäßig auf historische und gesellschaftliche Ereignisse, und obwohl sie sich vor scharfer Kritik hüteten, machten sie deutlich, dass sie Vorbehalte gegenüber dem Verhältnis der Orbán-Regierung zu den Kirchen sowie gegenüber bestimmten Elementen der offiziell als christlich bezeichneten ungarischen Politik hatten. Im Gegensatz dazu entschieden sich die katholische und die reformierte Kirche in gesellschaftlich brisanten Situationen (z. B. angesichts der Flüchtlingskrise 2015, angesichts des von Russland gegen die Ukraine angezettelten Kriegs oder angesichts des sog. Begnadigungsskandals 2024, der zum Rücktritt der ungarischen Präsidentin Katalin Novak führte) entweder für eine offene Unterstützung der Regierung oder für völliges Schweigen.
Diese Unterschiede sind auch nach dem Sturz der Orbán-Regierung noch spürbar. So trat beispielsweise bei einer Jugendveranstaltung der lutherischen Kirche der neue Kulturminister als Gast auf, der ursprünglich reformierter Pfarrer war und 2024 aus politischen Gründen aus seinem Amt entlassen worden war. Die katholische und die reformierte Kirche entschieden sich dagegen eher für eine Strategie des offenen Schweigens oder vermittelten den Eindruck, dass die Mission und die Aufgaben der Kirche durch Regierungswechsel grundsätzlich nicht beeinflusst würden.
Das ist natürlich richtig, doch seit 2010 hat sich eine sehr enge Verflechtung zwischen der Regierung und den beiden Kirchen entwickelt, und der Regierungswechsel war für die kirchliche Öffentlichkeit ein regelrechter Schock. Es kam vor, dass Pfarrer in den sozialen Medien diejenigen als „Idioten“ bezeichneten, die nicht für die bisherige Regierungspartei gestimmt hatten, und im kirchlichen Innenleben war eine erhebliche Verunsicherung zu spüren. In der Öffentlichkeit fiel auf, dass der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz vor der Anwendung rechtsstaatswidriger Methoden warnte – obwohl die katholischen Bischöfe zwischen 2010 und 2026 die rechtsstaatswidrigen Regierungsmaßnahmen nicht kritisiert hatten.
In der reformierten Kirche hatte bereits nach dem Begnadigungsskandal eine gewisse öffentliche Reflexion über das Verhältnis zwischen Staat und Kirche begonnen, und nach den Wahlen wurden auch in den offiziellen Medien der reformierten Kirche sehr kritische Stimmen laut, die ein Überdenken des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche einfordern. Von katholischer Seite gibt es bisher keine derartigen „offiziellen“ Reaktionen.
Wie positioniert sich die neue Regierung gegenüber den Kirchen und Religionsgemeinschaften? Gibt es Akzentverschiebungen im Vergleich zur Orbán-Regierung?
Bereits während des Wahlkampfs und seit der Wahl war mehrfach zu hören, dass die neue Regierungspartei in erster Linie die Freiheit der Kirchen gewährleisten will, ihren Handlungsspielraum nicht einschränken will, aber auch darauf achten will, dass die Unterstützung der Kirchen auf gesellschaftlicher Ebene gerecht und ausgewogen ist. In der ungarischen kirchlichen Öffentlichkeit hat sich ein humorvoller, aber eigentlich tragischer Ausdruck verbreitet, wonach den Kirchen statt „Götzenverehrung“ die „Gerüstverehrung“ droht (im Ungarischen unterscheidet sich die Schreibweise der beiden Wörter nur durch einen Buchstaben). Dieser ironische Ausdruck spielt darauf an, dass die Kirchen die enormen staatlichen Fördermittel vor allem für Gebäude und Einrichtungen verwendet haben, und dass Äußerlichkeiten wichtiger geworden sind als die geistige und spirituelle Botschaft oder karitative Aktivitäten. Die neue Regierung möchte die Kirchen von dieser Haltung befreien, ohne ihnen die angemessene Förderung zu entziehen.
Besonders heftig wird seit der Wahl über die kirchlich geführten Schulen debattiert, deren Anteil in Ungarn bei über 20 Prozent liegt. Offiziell erhielten die kirchlichen Schulen in der Vergangenheit eine entsprechende Förderung wie andere Bildungseinrichtungen, doch zusätzlich zu den „gemeinsamen“ Fördermitteln erhielten sie unter verschiedenen Vorwänden zahlreiche weitere Subventionen, was zu vielfältigen Spannungen führte. Zudem konnten die kirchlichen Schulen frei entscheiden, wen sie aufnahmen, was nach Ansicht einiger Kritiker zu sozialer Segregation führte. Die neue Regierung hat bereits frühzeitig begonnen, über die Situation der kirchlichen Schulen zu sprechen, und es ist zu erwarten, dass es in diesem Bereich zu Veränderungen kommen wird.
Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass sich die ungarische Gesellschaft und der ungarische Staat in einer äußerst ungünstigen Lage befinden, und so viele Bereiche sofortiges Eingreifen und Verbesserungen erfordern, dass die Frage der Kirchen nicht zu den obersten Prioritäten gehört. Bezeichnend ist allerdings, dass gegen das ungarische Exarchat des Patriarchats von Konstantinopel bereits Anzeige erstattet wurde, da der Verdacht besteht, dass es beträchtliche staatliche Mittel nicht ordnungsgemäß für die Einrichtung eines Kulturzentrums verwendet hat. Der Ausgang dieses Verfahrens wird viel über das neue Verhältnis zwischen den Kirchen und der Regierung verraten.
Welche mittel- bis langfristigen Veränderungen sind im Verhältnis der Kirchen zum Staat zu erwarten?
Die lutherische Kirche wird ihre Souveränität bewahren. Die katholische und die reformierte Kirche werden eine neue Strategie entwickeln müssen, auch wenn die beiden Kirchen sicherlich unterschiedliche Vorgehensweisen einschlagen werden. Innerhalb der reformierten Kirche herrscht eine weitaus größere Pluralität als in der katholischen Kirche, und dies wird sicherlich auch Auswirkungen auf das Verhältnis zur Regierung haben. Von besonderer Bedeutung wird sein, dass gemäß einem Versprechen der neuen Regierung im Oktober die kommunistischen Geheimdienstakten veröffentlicht werden sollen, was das Ausmaß der Zusammenarbeit kirchlicher Amtsträger mit dem Regime sichtbar machen wird. Dies wird die öffentliche Position der Kirchen grundlegend bestimmen.
Andererseits ist seitens der katholischen Kirche zu erwarten, dass der Rückgang der außerordentlichen staatlichen Zuschüsse eine Rhetorik der „Kirchenverfolgung“ wiederbeleben wird, was nur kontraproduktiv sein kann. Es ist möglich, dass der offizielle Katholizismus eine defensive Haltung einnehmen und versuchen wird, sich als Hüter traditioneller Werte (Familie und Frieden) zu positionieren, obwohl er weder die liberale Abtreibungspolitik der Orbán-Regierung noch deren Sympathie für das kriegführende Russland jemals kritisiert hat.
Tibor Görföl, Dr., lehrt Religionsphilosophie an der Universität Pécs und dogmatische Theologie an der Theologischen Hochschule St. Athanasius in Nyíregyháza. Er ist Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „Vigilia“.
Bild: Die Basilika von Esztergom ist die Kathedralkirche des Erzbistums Budapest-Esztergom (Wikimedia CC BY-SA 4.0).