Bulgarien: Kirchenleitung unterstützt Veto der Regierung gegen EU-Sanktionen gegen Patriarch Kirill
Die Bulgarische Orthodoxe Kirche hat die angekündigte Blockade der neuen Regierung des Landes von EU-Sanktionen gegen den russischen Patriarchen Kirill begrüßt. Gegenüber der bulgarischen Nachrichtenagentur BGNES erklärte Patriarch Daniil, dass Bulgariens Widerstand gegen Sanktionen der richtige Kurs sei. „Dies ist zweifellos ein mutiger Schritt, und wir glauben nicht, dass Sanktionen gegen das Oberhaupt einer lokalen orthodoxen Kirche das Interesse und die Wirkung erzielen, die sich diejenigen, die die Sanktionen verhängen, davon versprechen.“
Die bulgarische Außenministerin Velislava Petrova‑Tschamova hatte am 17. Juni 2026 bekanntgegeben, ein Veto gegen das 21. Sanktionspaket der EU einzulegen, falls darin der Name des russischen Patriarchen Kirill aufgeführt werde. Petrova‑Tschamova begründete dies damit, dass es sinnlos sei, Sanktionen mit symbolischem Charakter zu verhängen, die im Gegenzug reale Schäden für die Sanktionierenden verursachen würden. Daher unterstütze die bulgarische Regierung nur jene Sanktionen gegen Russland, die einen wirtschaftlichen Effekt hätten. Am EU-Gipfel in Brüssel am 18. Juni wiederholte Ministerpräsident Rumen Radev diese Argumentation und betonte, dass Bulgarien seine Interessen – insbesondere im Energiebereich – schützen werde. Zudem verwies er darauf, dass die Sanktionierung eines geistlichen Oberhaupts die Spaltungen eher vertiefen, als dass sie zu Friedensbemühungen beitragen würden. Dabei unterschied er zwischen Patriarch Kirill als Individuum und der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) als Institution. „Patriarch Kirill interessiert mich nicht. Ich interessiere mich für die ROK, denn die russische Orthodoxie hat zu unserer Befreiung von fünf Jahrhunderten osmanischer Herrschaft beigetragen“, so Radev.
Die meisten bulgarischen Oppositionsparteien kritisierten den Entscheid der Regierung. Sie warfen Radev vor, die Rolle des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán in Bezug auf die Sanktionen zu übernehmen und Bulgarien damit innerhalb der EU zu isolieren. Radev wurde beschuldigt, Religion für politische Zwecke zu instrumentalisieren, da die Sanktionen gegen Kirill nicht religiöser, sondern politischer Natur seien – was auch dadurch belegt werde, dass die orthodoxen Länder Rumänien und Griechenland nicht dagegen opponiert hätten.
Kritik an Radevs Argumentation äußerten auch Theologen der Sofioter Universität. Diljan Nikoltschev, Professor für Kirchenrecht, bezeichnete Patriarch Kirill in Interviews für bulgarische Medien als politische Figur, die aktiv die russische Staatspolitik und den Krieg in der Ukraine unterstütze, und betonte, dass er diese Funktion bereits zu Sowjetzeiten als Agent des KGB ausgeübt habe. Auch wenn Sanktionen gegen geistliche Personen ungewöhnlich seien, seien sie in diesem Fall gerechtfertigt, da Kirill längst Teil der politischen Propaganda geworden sei.
In ähnlicher Weise äußerte sich Kostadin Nuschev, Professor für christliche Ethik: Patriarch Kirill habe durch seine Rhetorik zur Entfachung des Krieges beitragen, was dem friedensstiftenden Dienst eines Geistlichen widerspreche. Nuschev hob hervor, dass die Sanktionen gegen den russischen Patriarchen gerechtfertigt seien, da es sich hierbei nicht um Sanktionen gegen eine Religionsgemeinschaft, sondern gegen eine einzelne physische Person handle.
Auch in den sozialen Medien entwickelten sich hitzige Diskussionen, wobei ein Teil der User die Regierung kritisierte, während ein anderer Teil deren Position verteidigte. Vor dem Hintergrund dieser aufgeheizten öffentlichen Debatten fiel auf, dass sich die höhere Kirchenhierarchie mit Kommentaren zurückhielt. Abgewartet wurde das Treffen des Hl. Synods mit Ministerpräsident Radev, das am 26. Juni stattfand.
Nach dem Treffen mit dem Ministerpräsidenten teilte der Hl. Synod mit, dass es nicht in seiner Kompetenz liege, sich zur Frage möglicher EU-Sanktionen gegen Russland, einschließlich der vorgeschlagenen Nennung von Patriarch Kirill, zu äußern. Radev antwortete ausweichend auf die Frage der Journalisten, ob er Unterstützung vom Hl. Synod erhalten habe, indem er hervorhob, dass das Thema einerseits besprochen worden sei, er andererseits aber nicht wolle, dass die Kirche in die Politik hineingezogen werde.
Vladislav Atanassov