Georgien: Geistliche erhalten wieder Zugang zu Kloster in Grenzgebiet

Der Zugang zu mehreren Kirchen des Klosterkomplexes Davit Garedscha im georgisch-aserbaidschanischen Grenzgebiet ist für georgische Geistliche seit dem 11. Oktober wieder gewährleistet. Zu einer entsprechenden Einigung kamen der georgische Minsterpräsident Giorgi Gacharia und der aserbaidschanische Präsident Ilhan Alijev bei einem Treffen in Baku. Im Frühling und Sommer war es zu Spannungen um das Kloster gekommen, und die aserbaidschanischen Grenzwächter hatten zeitweise den Zugang zu Teilen der Anlage eingeschränkt.

Gacharia nannte die umstrittenen Grenzabschnitte zwischen Georgien und Aserbaidschan „unser postsowjetisches Erbe“. Er habe mit Alijev „völlig offen“ über diese Probleme gesprochen und das Resultat sei die Gewährleistung des Zugangs zu allen Kirchen von Davit Garedscha für georgische Geistliche. Er zeigte sich zuversichtlich, dass es „schrittweise einen ernsthaften Fortschritt in diese Richtung“ geben werde. Das Problem müsse im nationalen Interesse beider Staaten unter Berücksichtigung des historischen Erbes und der Interessen der Kirche gelöst werden, erklärte der Premierminister weiter.

Am 1. Oktober hatte sich der georgische Patriarch Ilia II. in der Angelegenheit mit einem Brief an Gacharia gewandt. Darin beklagte er, dass seit Anfang 2019 der Zugang zu den Kirchen Udabno und Tschitschchituri für georgische Touristen, Gemeindemitglieder und Geistliche durch Handlungen Aserbaidschans eingeschränkt sei. Der Patriarch berief sich auf verschiedene juristische Dokumente aus der sowjetischen und postsowjetischen Zeit, die bestätigen sollen, dass beide Kirchen auf georgischem Territorium liegen und Eigentum der Georgischen Orthodoxen Kirche sind. Zudem forderte er, dass der frühere Status Quo wiederhergestellt werde, bis der Grenzverlauf abschließend geklärt sei, damit Besucher währenddessen freien Zugang zum gesamten Klosterkomplex haben. Einen ähnlich lautenden Brief schickte Ilia II. auch an die Verwaltung der Muslime im Kaukasus.

Georgien und Aserbaidschan konnten sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht überall auf den Grenzverlauf einigen. Davit Garedscha liegt in einem umstrittenen Gebiet an der vorläufigen Grenze. Der Komplex geht auf das 6. Jahrhundert zurück und umfasst mehrere Klöster und Tausende Mönchszellen, darunter zahlreiche Höhlenzellen. Im April 2019 hatten sich die Spannungen verschärft, als die georgische Präsidentin Salome Surabischwili die Anlage besuchte. Georgische Aktivisten, orthodoxe Geistliche und Einwohner der näheren Umgebung protestierten gegen die darauffolgende Einschränkung des Zugangs zu Teilen der Anlage durch Aserbaidschan. Im Mai eskalierte die Situation bei einer weiteren georgischen Kundgebung erneut. Im Mai nahm aber auch die aserbaidschanisch-georgische Grenzdemarkationskommission ihre Arbeit wieder auf.

Patriarch Ilia II. betrachtet territoriale Fragen grundsätzlich als zentrales Problem. So sagte er bei einem Treffen mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Oktober, dass die Frage der territorialen Integrität für Georgien „das größte und drängendste Problem“ sei. Rund „20 Prozent sind von einem anderen Land übernommen worden“, dies sei aber auch für Russland eine „schwere Bürde“. Das Problem müsse dringend gelöst werden. Dabei hofft der georgische Patriarch auf die Beteiligung Deutschlands im diplomatischen Lösungsprozess.

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