Armenien: Kirche ruft zu Dialog und nationaler Einheit auf

Der Oberste Geistliche Rat der Armenischen Apostolischen Kirche hat mit Blick auf die vom Waffenstillstandsabkommen für Berg-Karabach ausgelösten Spannungen vor nationaler Zwietracht gewarnt. Die Aufrechterhaltung des Waffenstillstands und ein „verlässlicher Frieden“ in der Region seien „unbestritten und entscheidend“, aber das Abkommen habe die Öffentlichkeit überrascht und zu einem „gerechten Ausbruch“ geführt. Dieser berge allerdings die Gefahr einer innenpolitischen Destabilisierung Armeniens.

In seinem Statement forderte der Rat, dass die involvierten staatlichen Vertreter für die Entscheidung zum Abkommen rechenschaftspflichtig seien, wobei auch Rücktritte nicht ausgeschlossen seien. Zudem müssten die Behörden, die Opposition und „alle soziopolitischen Figuren“ sofort einen Dialog beginnen, um die „Probleme in einer Atmosphäre der Zusammenarbeit zu lösen“. Die nationale Identität müsse um jeden Preis bewahrt werden. Angesichts der Proteste in Jerewan und der Äußerungen von Politikern rief der Rat den Ministerpräsidenten, die Regierungsmitglieder und die Opposition auf, mit ihren Reden nicht „Hass, Feindschaft und Ähnliches zu provozieren“. Zugleich verurteilten sie die Gewalt gegen den Vorsitzenden der Nationalversammlung und „jede andere Person“, aber auch politische Repressionen. Nach der Verkündigung des Waffenstillstandsabkommens hatten Demonstranten das Parlament gestürmt und den Vorsitzenden der Nationalversammlung verprügelt.

Die Kirchenleitung rief außerdem dazu auf, die Armenier in Berg-Karabach zu unterstützen, die Region dürfe nicht „von Armeniern geleert werden“. Besonders Sorgen macht sie sich um die armenischen Kulturgüter in Berg-Karabach wie Kirchen, Klöster, Burgen, Museen und andere Geschichts- und Kulturdenkmäler. Deshalb fordern sie von den Behörden und der Diaspora in Zusammenarbeit mit der Kirche „alle Bemühungen zu unternehmen, um sie vor einer weiteren Zerstörung durch die antiarmenische Politik Aserbaidschans zu retten“.

Schon zuvor hatte die Kirchenleitung scharf die Graffitis von aserbaidschanischen Soldaten an der Kirche von Schuschi verurteilt, nachdem die Stadt in Berg-Karabach von Aserbaidschan eingenommen worden war. Sie rief sdie internationale Gemeinschaft und interreligiöse Einrichtungen auf, die religiösen und kulturellen Denkmäler in Berg-Karabach zu schützen. Auch der russische Präsident Vladimir Putin, der das Waffenstillstandsabkommen vermittelt hatte, wies in einem Gespräch den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev auf die christlichen Kirchen und Klöster in den Gebieten hin, die entsprechend dem Abkommen an Aserbaidschan übergehen. Es sei wichtig, diese zu bewahren und ein normales kirchliches Leben zu gewährleisten. Aliyev erklärte, diese Heiligtümer würden vom aserbaidschanischen Staat geschützt und den Christen des Landes werde der Zugang zu ihnen gewährt werden.

Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) sprach sich für eine Wiederaufnahme des sog. trilateralen Dialogs aus, in dessen Rahmen sich die religiösen Oberhäupter Armeniens, Aserbaidschans und Russlands zu Gesprächen über die Situation in Berg-Karabach getroffen hatten. Es sei der richtige Moment für den armenischen Katholikos-Patriarchen, den Leiter der Geistlichen Administration der Muslime des Kaukasus und den russischen Patriarchen sich zu treffen, weil „die Länder die Wunden heilen müssen, und das ist genau die Zeit, zu der die Stimme der religiösen Anführer zu hören sein muss“, sagte Metropolit Ilarion (Alfejev), der Leiter des Außenamts der Moskauer Patriarchats, in seiner wöchentlichen Fernsehsendung „Kirche und Welt“. Als Bürger ihres Landes solidarisierten sich die Religionsoberhäupter mit ihrer Regierung und Armee, aber zugleich sei es sehr wichtig, dass sie zu Frieden aufriefen. Er hoffe, dass dann auch Fragen zum „normalen Funktionieren religiöser Objekte in beiden Ländern“ gelöst werden könnten.

Der armenische Katholikos-Patriarch Karekin II. bedankte sich in einem Brief an den russischen Patriarchen Kirill, dass russische Friedenstruppen beim armenischen Kloster Dadivank stationiert wurden. Dieser hatte sich bei der russischen Regierung dafür eingesetzt, dass das historische Kloster geschützt wird. Sein Schritt sei ein „unschätzbarer Beitrag zur Bewahrung des Glaubens des armenischen Volks und seines Geistes der Hoffnung auf die Zukunft“, heißt es in dem Brief. (NÖK)

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