Russland: Wertvolle Ikonen in Christerlöser-Kathedrale überführt
Zwei der verehrtesten Gottesmutterikonen Russlands sind von der staatlichen Tretjakov-Galerie an die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) übergeben worden. Sie wurden am 3. April in die Christerlöser-Kathedrale in Moskau transportiert und sind nun dort aufgestellt. Die Ikonen bleiben im Besitz des Museums, sie wurden der Kirche für 49 Jahre zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Bei den beiden Ikonen handelt es sich um die Gottesmutter von Wladimir und die Gottesmutter vom Don, die beide im Mittelalter geschaffen wurden und als wundertätig gelten. Die Einhaltung aller nötigen Maßnahmen zum Erhalt der Ikonen wurde vertraglich festgehalten. Die Gottesmutter vom Don soll nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten im Donskoj-Kloster in die dortige Ikonostase eingefügt werden. Laut Vertrag sollen Fachleute von der Tretjakov-Galerie ungehinderten Zugang zu den Ikonen haben, um ihren Zustand und die angemessene Aufbewahrung zu überwachen.
Am ersten Gottesdienst in der Christerlöser-Kathedrale nach dem Transfer der Ikonen beklagte sich Patriarch Kirill, dass die ROK wiederholt die Frage nach der „Rückgabe“ der Ikonen aufgeworfen habe, das aber von Vertretern des Kulturbereichs verhindert worden sei, weil sie der ROK den sachgemäßen Umgang mit den empfindlichen alten Ikonen nicht zutrauten. Dadurch seien die Ikonen „wie in Gefangenschaft“ im Museum geblieben. Erst dank der Intervention des russischen Präsidenten Vladimir Putin, „unseres orthodoxen Präsidenten“, sei es nun zur Übergabe gekommen. Nun gelte es, vor den Ikonen zu beten: für das Vaterland, für den orthodoxen Präsidenten, die Regierung, die Armee und den Schutz des Vaterlandes.
Die Journalistin und Orthodoxie-Expertin Ksenia Luchenko warf in einem Kommentar die Frage auf, was mit „Rückgabe“ im Fall der Gottesmutter von Wladimir gemeint sei. Es sei unklar, wohin sie gebracht werden soll. Die Kirche des Kremls, wo sie sich bis 1918 befand, gehört heute zum Museumskomplex des Kremls und wird selten als Kirche genutzt. Somit sei sie an ihrem vorherigen Aufbewahrungsort, der Kirche des Hl. Nikolaj, die Teil der Tretjakov-Galerie ist, ebenso gut aufgehoben gewesen, zumal diese eine funktionierende Kirche mit Gemeinde und Geistlichen sei. Luchenko vermutet, dass die Ikone in der Christerlöser-Kathedrale bleiben wird, wo sie „stilistisch, ästhetisch und historisch“ überhaupt nicht hinpasse.
In Russland kommt es immer wieder zu Debatten um wertvolle historische Ikonen oder andere sakrale Objekte sowie ganze Kirchen, auf die die ROK Anspruch erhebt. Von Kritikern wird der ROK vorgeworfen, eine schlechte Bilanz im Umgang mit Kulturgütern zu haben und nicht über das Fachwissen und den Willen, solche Objekte angemessen zu behandeln, zu verfügen. Das jüngste – und vielleicht prominenteste – Beispiel betrifft die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljov, die ebenfalls in der Christerlöser-Kathedrale ausgestellt und danach ins Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Posad überführt wurde. Auch sie wurde der ROK für 49 Jahre zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Weitere Fälle betreffen die Isaakskathedrale in St. Petersburg und den Sarkophag von Alexander Nevskij. (NÖK)