Ungarn: Kardinal Erdő: Christentum und Europa sind eng verflochten

Christentum und Europa seien eng verbunden; wer Christ ist, darüber entscheide aber nicht der Geburtsort, sondern einzig das Bekenntnis zu Jesus: Das hat der ungarische Kardinal Peter Erdő in einem am Karfreitag veröffentlichten Interview mit dem Onlineportal valaszonline.hu betont. Der Budapester Erzbischof reagierte damit auf eine Journalistenfrage nach seinen Gedanken zu politischen Aussagen, in denen das Christentum quasi mit Europa und dem Nicht-Muslimischen, Nicht-Eingewanderten gleichgesetzt wird. Hintergrund ist die Debatte um die Betonung der „christlichen Kultur Ungarns+ durch die Regierung von Premier Viktor Orbán.

„Durch den bloßen Umstand, dass jemand als Ungar auf die Welt kommt, ist er noch kein Christ“, hielt Erdő fest und warnte auch davor, Christsein etwa an weißer Hautfarbe festzumachen. In Budapest könne man die Messe in 16 verschiedenen Sprachen besuchen. Als Christ werde seit jeher bezeichnet, „wer den Messias anerkennt“, erinnerte der Kardinal.

Gehe es freilich um „christliche Politik“ im Sinne dessen, dass Politiker ihre Arbeit im Geiste der Soziallehre der katholischen Kirche verrichten wollten, „dann ist das ehrwürdig, ein wahrhaftiges und schwieriges Vorhaben“, setzte Erdő fort und verwies auch auf die Unterscheidung zwischen religiösem und kulturellem Christentum. Mit Blick auf Punkte wie dem Sonntag als Ruhetag oder einer europaweit von Kirchtürmen geprägten Landschaft könne „natürlich von christlicher Kultur gesprochen werden“, so der Kardinal: „Vor einer Woche hätte all dies vielleicht eine Erklärung erfordert, aber die in Flammen stehende Kathedrale Notre-Dame hat nicht nur die Gläubige mit tiefer Trauer erfüllt – und diese gemeinsame Trauer zeigt uns genau die tiefe und starke Verflechtung von Christentum und Europäertum.“

Hinsichtlich einer Gleichsetzung von Migranten mit Muslimen zeigte sich Erdő auf Nachfrage in dem Interview skeptisch. Die Weltanschauung der Menschen, die nach Europa kommen herauszufinden, sei „alles andere als einfach“. Der Kardinal berichtete von einem Priester, der im Sommer 2015 am Bahnhof Keleti mit den Flüchtenden in einen Zug nach Salzburg gestiegen sei, um sich mit den Menschen zu unterhalten. „Seine Erkenntnis war, dass der überwiegende Teil der Menschen gar nicht gläubig sei.“

Kirchenoberhäupter aus dem Nahen Osten betonten oft, wie außerordentlich schwierig der Dialog mit dem Islam sei. Französische Kirchenvertreter hingegen, die über langjährige Erfahrung mit dem Thema Einwanderung verfügten, würden davor warnen, Menschen gegeneinander aufzubringen, indem man ihnen die Stempel „Christentum“ und „Islam“ aufdrücke. „Ein Kulturkonflikt kann eine Prognose ein – aber auch eine Absicht! Und eines ist sicher: Es kann nicht unser Ziel sein, einen Kulturkonflikt herbeizuführen. Ganz im Gegenteil“, so Kardinal Erdő: „Wir müssen mit anderen Völkern in Zukunft einen offenherzigeren Umgang pflegen, als wir das bislang gewohnt sind.“

Der Ungarischen Primas äußerte sich auch zu durchaus unterschiedlichen öffentlichen Aussagen ungarischer Bischöfe etwa zu Themen wie Migration. Zu politischen Fragen bestehe in der Bischofskonferenz „eine Meinungsvielfalt, aber in Bezug auf den Glauben und die Kirche sind wir uns einig“, meinte Erdő. „Hinsichtlich der Zehn Gebote oder der kirchliche Soziallehre sind wir alle einer Meinung, während es in der Umsetzung Abweichungen gibt“, so der Kardinal. Christen würden in weltlichen Angelegenheiten Autonomie genießen – „und das gilt auch für die Bischöfe“, sagte der Budapester Erzbischof: „Sie haben verschiedene Lebenserfahrungen gemacht und müssen sich mit verschiedenen Situationen auseinandersetzen. Sie hegen unterschiedliche Sympathien, während die Kirche selbst keine Nähe zu politischen Gruppierungen sucht.“

Zu den weiteren Aspekten des Interviews zählte der im September 2020 bevorstehende Eucharistischen Weltkongress (NEK) der katholischen Kirche in Budapest. Die Vorbereitungen für das Großereignis liefen sehr gut, betonte Kardinal Erdő. Zu einem möglichen Papstbesuch aus Anlass des Weltkongresses konnte der Budapester Erzbischof keine neuen Informationen geben. Auf die Besuchseinladung gebe es bisher keine Antwort aus dem Vatikan. Es sei üblich, dass der Papst bei Eucharistischen Weltkongressen von einem päpstlichen Legaten vertreten werde, sagte Erdő. Allerdings sei es auch üblich geworden, dass der Papst nur Heiligsprechungszeremonien, nicht aber Seligsprechungen selbst leite. Dennoch werde Papst Franziskus Anfang Juni bei seinem Besuch in Rumänien die Seligsprechungsfeier für sieben griechisch-katholische Märtyrerbischöfe in Blaj leiten. (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)