Türkei: Hagia Sophia wird künftig als Moschee genutzt

Nach einem Entschluss des obersten Verwaltungsgerichts der Türkei kann die Hagia Sophia in Istanbul künftig als Moschee genutzt werden. Am 10. Juli hob das Gericht den Status des berühmten Kuppelbaus als Museum auf. Laut dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der die Umwandlung des Museums in eine Moschee in letzter Zeit vorangetrieben hatte, soll schon am 24. Juli zum ersten Mal das Freitagsgebet in der ehemaligen orthodoxen Kirche stattfinden. Erzbischof Elpidophoros (Lambriniadis), das Oberhaupt der Erzdiözese von Amerika des Ökumenischen Patriachats, hat daher „alle Christen und alle Menschen guten Willens“ für den 24. Juli zu einem Trauertag aufgerufen: Jedes Gotteshaus möge die Trauerglocken läuten und die Flaggen auf Halbmast setzen.

Die Hagia Sophia wurde nach offiziellen Angaben 2019 von 3,7 Mio. Menschen besichtigt, sie war damit das meistbesuchte Museum der Türkei. Nun wird sie der Aufsicht der Religionsbehörde Diyanet unterstellt, das Kulturministerium wird jedoch weiterhin für den Erhalt des Gebäudes zuständig sein. Zudem soll die Hagia Sophia weiterhin für einheimische und ausländische Touristen zugänglich sein, wie der türkische Kulturminister erklärte. Der Besuch soll künftig auch keinen Eintritt mehr kosten. Außerdem habe Erdoğan angeordnet, die Restaurationsarbeiten zu intensivieren und die entsprechenden Budgets massiv zu erhöhen. Der Leiter von Diyanet erklärte, die Hagia Sophia werde „weiterhin als Moschee dienen“, wie sie das nach der osmanischen Eroberung Istanbuls 1453 während 481 Jahren der Fall war, aber auch „der ganzen Menschheit“ dienen.

Erdoğan erklärte, der erste Imam werde aus Bosnien-Herzegowina kommen, um die gesamtislamische Bedeutung der Re-Islamisierung der Hagia Sophia zu betonen. Das Datum des ersten muslimischen Gottesdienstes sei ebenfalls bewusst gewählt. Es ist der Jahrestag des Vertrags von Lausanne von 1923, der den Bevölkerungstausch zwischen Griechenland und der Türkei beinhaltete.

Bei den orthodoxen Kirchen stößt die Umwandlung auf Kritik oder zumindest Sorge. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios, der seinen Sitz in Istanbul hat, äußerte sich im Vorfeld kritisch. Er betonte den Wert und die Bedeutung der Hagia Sophia für die ganze Menschheit und – mit ihrem Status als Museum – für Dialog, Begegnung und Koexistenz. Die Umwandlung würde Millionen von Christen enttäuschen und könnte Islam und Christentum spalten, befürchtete er.

Nachdem sich vor dem Entscheid bereits der russische Patriarch Kirill besorgt über die Pläne gezeigt hatte, veröffentlichte nun der Hl. Synod der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) ein Statement. Darin drückte er sein „tiefes Bedauern“ aus und bemängelte, dass der Entscheid ohne Einbezug der Positionen der orthodoxen Kirchen, ausländischer Regierungen, internationaler Organisationen und Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften getroffen worden sei. Er „verletzt die Gefühle von Millionen von Christen in der ganzen Welt, was zur Störung des interreligiösen Gleichgewichts und der Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen führen kann“. An die anderen Lokalkirchen gewandt, bemerkte der Hl. Synod „mit besonderer Trauer“, dass dieses Ereignis die Orthodoxie entfremdet antreffe, was eine „direkte Folge der antikanonischen Legalisierung des Schismas in der Ukraine“ sei und was „unsere Möglichkeiten, gemeinsam neuen geistlichen Bedrohungen und gesellschaftlichen Herausforderungen entgegenzutreten, geschwächt hat“.

Auch die Georgische Orthodoxe Kirche (GOK) verurteilte den Entscheid, legte aber Wert darauf, dass ihre Stellungnahme nicht als Einmischung in innere Angelegenheiten verstanden werde. Die GOK betonte, es sei wichtig, die guten Beziehungen zwischen Muslimen und Christen zu stärken, es wäre weiser, die Hagia Sophia als neutralen Ort zu bewahren. Kritisch äußerte sich auch Erzbischof Anastasios (Yannulatos), das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Albanien. Er betrachtet das Vorgehen als Rückschritt und betonte, dass „das Öl der Religion zur Entfachung und im Dienst nationalistischer Ziele zu verwenden, eine Sünde und ein tragischer Fehler ist“. Der serbische Patriarch Irinej bezeichnete die Umwandlung in eine Moschee als „historische Ungerechtigkeit“ sowie einen „überstürzten und unnötigen politischen Schritt“, der das internationale Ansehen der Türkei und die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen schädige. Die einzig gerechte Lösung sei, nicht nur Muslimen, sondern auch Christen die Erlaubnis zum Gebet zu geben.

Kirchenräte aus der ganzen Welt drückten ebenfalls ihre Sorge aus, so der Ökumenische Rat der Kirchen, die Konferenz Europäischer Kirchen, der National Council of the Churches of Christ in the USA und der Nahöstliche Kirchenrat. Auch Papst Franziskus äußerte sich und sagte, er denke an die Hagia Sophia und es „schmerzt mich sehr“. Auch zahlreiche nichtkirchliche Akteure kritisierten den Entscheid. Die USA und EU hatten sich für Bewahrung des Status als Museum ausgesprochen. Die UNESCO, auf deren Liste des Weltkulturerbes die Hagia Sophia steht, bedauerte die Umwandlung zutiefst. (NÖK)

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