Serbien: Europride findet trotz kirchlicher Proteste statt

In Belgrad haben etwa 1000 Menschen an der Europride teilgenommen, in deren Vorfeld es Streitigkeiten mit den serbischen Behörden und heftige Proteste seitens der Serbischen Orthodoxen Kirche gegeben hatte. Die Teilnehmenden demonstrierten am 17. September auf der nur wenige hundert Meter langen Marschroute für die Rechte von Homosexuellen und anderen Angehörigen der LGBTQI+-Community. Die Polizei sicherte die Demonstration, an deren Rand es zu Zusammenstößen zwischen den Sicherheitskräften und Gegendemonstranten kam. Laut serbischen Regierungsangaben wurden 64 Personen festgenommen, zehn Polizisten wurden leicht verletzt.

Ministerpräsidentin Ana Brnabić, die offen lesbische Regierungschefin des Landes, lobte die Polizei nach der Veranstaltung. Sie sei stolz, dass Schlimmeres habe verhindert werden können. Nun sei es an der Zeit, einen Punkt hinter die Sache zu setzen und sich mit „schwierigeren und wichtigeren Dingen“ zu beschäftigten. Der Europride war ein wochenlanges Tauziehen vorangegangen: Ende August hatte der serbische Präsident Aleksandr Vučić eine Absage der Pride-Parade für den Monat September verkündet. Er begründete dies mit aktuellen wirtschaftlichen Problemen und der Krise im Kosovo. Das sei zwar eine „Verletzung der Rechte von Minderheiten“, aber „der Staat steht momentan unter dem Druck zahlreicher Probleme.“ Marko Mihailović, einer der Pride-Organisatoren, kritisierte Vučićs Erklärung als „klaren Verstoß gegen die Verfassung“ und erklärte, dass die Aktivisten so oder so am 17. September auf die Straße gehen würden. Ein Kompromiss wurde erst in allerletzter Minute gefunden, nachdem sich EU-Vertreter eingeschaltet hatten und die Marschroute deutlich verkürzt worden war.

Die Verbotsankündigung von Präsident Vučić wurde von der Kirchenleitung der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOK) begrüßt. Der Hl. Synod erklärte am 27. August, dass „die Abhaltung dieser ‚Parade‘ zur Förderung der LGBT-Ideologie“ nur zu weiteren Spaltungen in der serbischen Gesellschaft und zu Empörung unter den Gläubigen führen würde. Das Oberhaupt der SOK, Patriarch Porfirije, betonte in einer Erklärung am 7. September, dass die Europride dem „Wertesystem unseres Volkes“ widerspreche. Diese Ansicht würden auch Vertreter anderer traditioneller Kirchen und Religionsgemeinschaften vertreten, daher halte er die Absage dieser Kundgebung für „richtig“.

Außerdem organisierten rechtsextreme Gruppierungen und kirchliche Kreise Demonstrationen und Gebetsprozessionen gegen die Europride und die sog. „LGBT-Propaganda“ am 14. und 28. August. Bischof Nikanor (Bogunivić) vom Banat ging sogar so weit zu erklären: „Ich werde all jene verfluchen, die so etwas organisieren und daran teilnehmen. So viel kann ich tun. Wenn ich eine Waffe hätte, würde ich sie benutzen; ich würde diese Kraft einsetzen, wenn ich sie nur hätte, aber ich habe sie nicht.“ Zivilgesellschaftliche Organisationen forderten daraufhin die Staatsanwaltschaft auf, gegen Bischof Nikanor wegen Hassrede zu ermitteln.

Die dritte Gebetsversammlung mit mehreren tausend Teilnehmenden fand am 11. September vor der Sveti Sava-Kathedrale in Belgrad statt. Der Patriarch rief die Versammelten auf, für „das Heiligtum der Ehe, Eintracht und Einheit“ zu beten. In seiner Predigt sagte er: „Für uns als orthodoxe Christen ist die LGBTQI+-Ideologie unannehmbar.“ Er sprach sich zwar gegen jegliche Art von Gewalt gegen diejenigen aus, „die diese Ideen teilen“, und erklärte, dass Kirche keinen „Kreuzzug“ führe, wie ihr von manchen vorgeworfen würde. Gleichzeitig warf er jedoch den Unterstützer:innen der Europride eine Kreuzzugsmentalität vor: „Wer führt also einen Kreuzzug? Andere sind in unser Haus gekommen und propagieren uns ihre Ideen, die sie uns aufzwingen. Sie wollen uns sagen, was und wie wir sein sollen. Wir sind die Objekte in dieser Geschichte, und wir sind diejenigen, die Gewalt ausgesetzt sind. Sie vergewaltigen unseren Verstand! Sie vergewaltigen unsere Seele! Das würden sie gerne, aber es wird ihnen nicht gelingen!“ (NÖK)

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