Buchbesprechungen
Drei Buchbesprechungen zu:
Ashley Marie Purpura: Women in the Orthodox Tradition.
Daniel Scarborough: Russia’s Social Gospel.
Andriy Mykhaleyko: Streit um das Kyjiwer Erbe.

Ashley Marie Purpura: Women in the Orthodox Tradition. Feminism, Theology, and Equality
Notre Dame (IN): University of Notre Dame Press 2025, 273 S.
ISBN 978-0-268-20922-3. € 54.85; CHF 75.–.
Von feministischen Theologinnen, die das Christentum für hoffnungslos patriarchal halten, unterscheidet sich Ashley Purpura durch einen Ansatz, der theologische Ressourcen innerhalb der christlichen und insbesondere der orthodoxen Tradition in den Vordergrund stellen will, die Frauen und andere in der Kirche marginalisierte Personen als gleichberechtigte Kirchenglieder befähigen können (S. 198–99). In einer offensichtlich „androzentrischen“ Kirche, die sich vor allem auf ihre – mehrheitlich von männlichen Perspektiven auf (auch heilige) Frauen geprägte – Tradition beruft, will sie „zeigen, dass traditionelle Lehren der Frömmigkeit und Theologie verwendet werden können, um den Einfluss des Patriarchats auf die Kirche zu brechen“ und „eine feministische und orthodoxe Rückgewinnung der Tradition“ zu modellieren (S. 141). Unter anderem seien auch die „Kirchenväter“ von den (nicht christlichen) Vorstellungen ihrer Zeit – z. B. von der Unvollkommenheit der Frau bei Aristoteles oder der minderwertigen weiblichen Seele bei Plato – geprägt gewesen, die man mit theologischen Argumenten widerlegen könne (S. 49). Dies führe zu einer überzeugenderen internen Konsistenz der orthodoxen Theologie und insbesondere der Christologie, denn Christus als „wahrer Gott und wahrer Mensch“ habe sein ganzes Menschsein von einer Frau erhalten: „Die Anerkennung des vollkommenen und ehrwürdigen Menschseins von Frauen ist christologisch notwendig, um die Vollkommenheit der Inkarnation zu anerkennen“ (S. 120).
In den ersten drei Kapiteln geht Purpura auf patriarchal geprägte Darstellungen von Frauen in der orthodoxen Hagiographie und Liturgie ein, und wie spirituelle Werte wie Leiden, Demut und Gehorsam in der geistlichen Begleitung oft dazu dienen, männliche Privilegien über das Wohlergehen von Frauen zu stellen (S. 97). Im vierten Kapitel demonstriert Purpura mit einem Fokus auf die Gottesmutter und mit Argumenten aus der patristischen Literatur sowie der Ikonographie als „Offenbarung von Heiligkeit in materieller Form“ (S. 131) die theologische Notwendigkeit des in der Tradition oft angezweifelten vollkommenen Menschseins von Frauen. Im fünften Kapitel formuliert sie Vorschläge, wie die patriarchalen Prägungen überwunden werden können, nämlich durch Anwendung wichtiger „orthodoxer“ Tropen wie „Kenosis“ als freiwillige Selbstzurücknahme zwecks Ermächtigung anderer, durch einen apophatischen, nicht triumphalistischen Zugang zur Tradition und durch eine Interpretation des Hesychasmus als interpersonale Praxis zur Begegnung mit dem Anderen als Ebenbild Gottes. Das sechste Kapitel skizziert Ratschläge für orthodoxe Frauen, die kritisch, aber hoffnungsvoll innerhalb der Kirche auf Veränderungen hinwirken wollen.
Regula M. Zwahlen, Religion & Gesellschaft in Ost und West 5/2026, S. 30
Daniel Scarborough: Russia’s Social Gospel. The Orthodox Pastoral Movement in Famine, War, and Revolution
Madison (WI): University of Wisconsin Press 2022, 264 S.
ISBN 978-0-299-33724-7. € 44.99; CHF 53.90.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das orthodoxe Christentum im Russischen Imperium „kein marginalisierter Anachronismus, sondern eher eine prominente und dynamische soziale Kraft“ im Modernisierungsprozess (S. 197) – so beschließt der Historiker Daniel Scarborough seine Studie über die „pastorale Bewegung“ innerhalb der Orthodoxen Kirche Russlands Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Regionen Moskau und Tver.
Die „pastorale Bewegung“ unter Gemeindepriestern war eine Reaktion „von unten“ auf den sozialen Kontext ihrer Zeit, u.a. den blamablen Zustand der Bauern nach ihrer Befreiung von der Leibeigenschaft1861, die Zunahme von städtischen Slums aufgrund der Industrialisierung und das immer noch weit verbreitete Analphabetentum. Insofern ist sie Teil der weltweiten Beschäftigung von Christen mit der „sozialen Frage“, für die sich in den USA die Bezeichnung „social gospel“ etabliert hat. Im Zarenreich nahmen es viele orthodoxe Gemeindepriester – trotz eigener prekärer Lage, aber auch im eigenen Interesse, da sie ohne staatliches Gehalt auf die Zuwendungen der Gemeindeglieder angewiesen waren – auf sich, Gemeindeverwaltungen, Bibliotheken, Gemeindeschulen und Waisen- und Seniorenheime aufzubauen, wobei sie untereinander Netzwerke bildeten und mit Laien (darunter auch Frauen) kooperierten. Sie taten dies unter dem enormen Druck und der Kontrolle des Hl. Synods, der zu unabhängig oder „politisch“ agierende Priester willkürlich einschränken konnte (S. 193). Die politische Bandbreite unter den Priestern wurde vor allem in der 1905 beschlossenen Staatsduma offenbar, wobei in die erste und zweite Duma (1906–07) vor allem „konstitutionell-demokratische“ und „linke“ Priester gewählt wurden, während sich die dritte und vierte Duma (1907–1917) durch mehr Priester des rechten Flügels auszeichnete. Die rechtsextreme Union des Russischen Volkes konnte sich nie als offiziell anerkannte Kirchenpartei etablieren (vgl. das spannende Kapitel „The Pastor as a Political Actor“).
Die Spannungen innerhalb des Klerus führten im Rahmen des Allrussischen Landeskonzils der Orthodoxen Kirche von 1917/18 zu keiner Spaltung, sondern zu einer beeindruckenden Kirchenreform. In der Hungersnot von 1921/22 mobilisierte die Kirche erneut ihr effizientes philanthropisches System, was für das bolschewistische Regime jedoch inakzeptabel war und schließlich mit der Konfiszierung von Kircheneigentum, Zensur, Verhaftung und Exekution von tausenden Priestern endete. Scarbarough gelingt es überzeugend zu zeigen „wie der politische Diskurs, der sich in der pastoralen Bewegung entwickelte, die Reform der Orthodoxen Kirche“ während der Revolutionsjahre beeinflusst hat (S. 12).
Regula M. Zwahlen, Religion & Gesellschaft in Ost und West 5/2026, S. 31
Andriy Mykhaleyko: Streit um das Kyjiwer Erbe. Religion und Kirchen im russisch-ukrainischen Krieg
(= Gesellschaft und Politik in Osteuropa, Bd. 2)
Baden-Baden: Nomos 2025, 253 S.
ISBN 978-3-7560-3528-1. € 64.–; CHF 86.90.
Wenn der russische Präsident Vladmir Putin die Invasion in die Ukraine mit dem „Schutz orthodoxer Glaubensbrüder“ begründet, oder der russische Patriarch Kirill von einem „metaphysischen Krieg gegen das Böse“ spricht, wird bereits offensichtlich, dass im russisch-ukrainischen Krieg auch religiöse Deutungsmuster eine gewichtige Rolle spielen, und dass die Kirchen in der Ukraine und in Russland ebenfalls in mehrfacher Hinsicht in diesen Konflikt involviert sind. Mit diesem Buch, das aus Vorträgen des Autors seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 entstanden ist, will Mykhaleyko zum einen „die Komplexität der Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine durch die Brille der Kirchengeschichte“ aufzeigen, und zum anderen geht es ihm um eine „Verortung der Religion und Kirchen in dominierenden russischen und ukrainischen Geschichtskonstruktionen und Masternarrativen“ (S. 19).
Im ersten Teil rekapituliert Mykhaleyko die Entwicklung des ostslawischen Christentums in den heutigen russischen und ukrainischen Gebieten, beginnend mit der Christianisierung der Rus bis zur Situation der Kirchen in den postsowjetischen Nachfolgestaaten Ukraine und Russland. Ein besonderes Augenmerk legt Mykhaleyko dabei auf die Verflechtungsgeschichte zwischen den beiden kirchlichen Zentren Kyjiw und Moskau. So zeigt er an der Person des Kyjiwer Metropoliten Petro Mohyla (1596–1647) auf, wie sich kulturelle Einflüsse aus dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten verbanden. Zudem beleuchtet er den intellektuellen und religiösen Einfluss Kyjiws auf Moskau im 17. Jahrhundert, der sich als „Ruthenisierung“ der russischen Orthodoxie bezeichnen lässt.
Im zweiten Teil geht Mykhaleyko auf die Stellung von Religion und Kirche in den russischen und ukrainischen Geschichtskonzeptionen und Masternarrativen seit dem 19. Jahrhundert ein. So dient das gemeinsame orthodoxe Christentum der russischen Seite vor allem als ideologische Grundlage zur Bestreitung einer eigenständigen ukrainischen Identität mit eigenem Staat und eigener kirchlicher Organisation, wie sich an den Konzepten von der „Heiligen Rus“, der „Russischen Welt“ und dem „Kanonischen Territorium“ ablesen lässt. Auf ukrainischer Seite beschreibt Mykhaleyko das Konzept des „Kyjiwer Christentums“, das die Eigenständigkeit der Kyjiwer religiösen Tradition betone. Der letzte Teil widmet sich den Positionierungen der Kirchen zum russischen Angriffskrieg, wobei auch die ambivalente Haltung von Papst Franzikus zur Sprache kommt. Insgesamt bietet Mykhaleykos kirchenhistorische Studie einen guten Einblick in den „Streit um das Kyjiwer Erbe“.
Stefan Kube, Religion & Gesellschaft in Ost und West 3-4/2026, S. 55