Kommuniqué Arbeitskreis Sankt Irenäus - Trebinje 2019

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Auf Einladung der Serbischen Orthodoxen Kirche kam der Gemeinsame orthodox-katholische Arbeitskreis St. Irenäus vom 9. bis 13. Oktober 2019 zu seiner 16. Jahrestagung in Trebinje  (Bosnien  und Herzegowina) zusammen. Die Tagung stand unter der Leitung des katholischen Ko-Präsidenten, Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, und des orthodoxen Ko-Präsidenten, Metropolit Serafim (Joantă) von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa (Rumänische Orthodoxe Kirche).

Zu Beginn der Sitzung wurde die Gruppe am Mittwochabend, 9. Oktober, von Seiner Exzellenz Bischof Dimitrije (Radjenović), Bischof von Zahum, der Herzegowina und dem Küstenland, herzlich begrüßt. Am Donnerstag, 10. Oktober, besuchten die Mitglieder der Gruppe das Kloster Tvrdoš, wo sie von Abt Sava herzlich willkommen geheißen wurden. Während des Treffens nahmen die Teilnehmer an den Morgengebeten beider Traditionen teil. Am Samstag, 12. Oktober, besuchte die Gruppe Dubrovnik, wo sie an der Heiligen Messe in der katholischen Kathedrale teilnahm und vom Bischof von Dubrovnik, Mate Uzinić, empfangen wurde. Am Sonntag, 13. Oktober, nahmen die Mitglieder der Gruppe an der Göttlichen Liturgie in der orthodoxen Kathedrale von Trebinje teil, der Bischof Grigorije (Durić) von Düsseldorf und ganz Deutschland (Serbische Orthodoxe Kirche) vorstand. Im Anschluss an die Liturgie wurden sie von Bischof Dimitrije empfangen.

Nach der Veröffentlichung von „Im Dienst an der Gemeinschaft“, der ersten gemeinsamen Studie der Irenäuskreises, war die diesjährige Tagung der erste Schritt in einer neuen Arbeitsphase. Sie konzentrierte sich auf verschiedene Aspekte von Einheit und Schisma, indem sie biblische, historische und systematische Ansätze aufgriff. Mehrere Fallstudien wurden untersucht, unter ihnen auch die gegenwärtige Situation in der Ukraine. Die Überlegungen des diesjährigen Treffens wurden von den Teilnehmern in den folgenden Thesen zusammengefasst:

Allgemeine Thesen
(1)  Eine Polarisierung zwischen den Begriffen Einheit und Schisma ist allzu vereinfachend. Vielmehr gibt es ein breiteres Spektrum, in dem Grade von größerer oder geringerer Nähe wahrgenommen werden können. Einheit bedeutet also nicht Uniformität, sondern schließt ganz verschiedene Formen der Gemeinschaft ein, die mit verschiedenen Begriffen bezeichnet werden können.

(2)  Bei der Diskussion, was mit Einheit gemeint ist, muss man verschiedene Ebenen unterscheiden: eine essentielle Ebene, die nach dem inneren Wesen der Kirche fragt, eine strukturelle Ebene, die eher empirische und organisatorische Aspekte der Einheit reflektiert, und eine potenzielle Ebene, die Wege der Vereinigung entwickelt. Man sollte die drei Ebenen weder vermischen noch isoliert voneinander behandeln.

(3)  Einheit kann nicht nur durch die üblichen formalen Kriterien bestimmt werden, sondern kann auch in einer spirituellen und gemeinschaftlichen Erfahrung gefunden werden, die zu einem gewissen Grad konfessionelle Grenzen überschreiten kann.

(4)  Das Thema „Einheit und Schisma“ erfordert noch viel weitere Forschung. Yves Congar bietet einen nützlichen Ausgangspunkt in seiner Beobachtung, dass die Trennung zwischen Ost und West darauf beruht, eine Lage zu akzeptieren, „in der jeder Teil der Christenheit lebt, handelt und urteilt, ohne sich um den anderen zu kümmern“ (Zerrissene Christenheit, Wien 1959, 12). Diese Bemerkung stellt die soziologischen, psychologischen und die Imagination betreffenden Aspekte des Schismas heraus.

Thesen zur Heiligen Schrift und Tradition
(5)  Schon im Alten Testament ist Einheit keine Selbstverständlichkeit, sondern es gibt eine Vielzahl von Modellen für Einheit und Konfliktlösung (z.B. die Erzählungen über David, Saul und Jonathan, die unterschiedliche Elemente von Konflikt und Vergebung zeigen). Der Fokus von Joh 17,21-22 ist die enge Beziehung von Jesus zu seinem Vater, die zugleich die Grundlage des Aufrufs der Christen zur Einheit ist. Obwohl „Parteiungen“ unvermeidlich sind (1 Kor 11,19), zeigt uns das Zeugnis der Heiligen Schrift, dass einige zu spirituellem Wachstum und andere zu andauernden Spaltungen führen können.

(6)  In der kirchlichen Tradition hängt der Begriff der Einheit von gewissen philosophischen, kulturellen und historischen Voraussetzungen ab, die nicht notwendigerweise mit denen der frühen Kirche identisch sind. De facto hat das Konzept der Einheit einen Wandel durchlaufen, weil seine metaphysischen Grundlagen durch existenzielles und historisches Denken infrage gestellt wurden.

(7)  Der Begriff „Schisma“ deckt ein breites Spektrum kirchengeschichtlicher Ereignisse ab, die sich früher oder später zu einer Spaltung in der Kirche verhärtet haben. Schisma bezeichnet ganz unterschiedliche Phänomene, die von Kontroversen innerhalb einer Ortskirche (wie den Novatianern in Rom), über Konflikte zwischen zwei Ortskirchen (wie im Ketzertaufstreit zwischen Rom und Karthago), bis hin zu Spaltungen innerhalb und zwischen ganzen Patriarchaten aufgrund gegenseitiger Anathemata (wie im endlosen Streit um das Konzil von Chalzedon 451) und schließlich dem Bruch der Gemeinschaft zwischen den Kirchen von Ost und West reichen.

(8)  In den ersten Jahrhunderten wurden die Begriffe „Schisma“ und „Häresie“ oft austauschbar verwendet. Erst im Zusammenhang mit der Entstehung der Reichskirche unterschied man genauer zwischen den beiden Begriffen. Unter Häresie wurde vor allem ein Verstoß gegen einen Glaubensartikel verstanden, während ein Schisma unter anderem aus der Nichtanerkennung kirchlicher Autorität resultierte. Angesichts der zunehmenden Fokussierung auf das Papstamt in Folge der Gregorianischen Reform tendierte man im Westen dazu, jede Form des Ungehorsams gegen die päpstliche Autorität als Häresie zu betrachten.

Thesen zu spezifischen Beispielen von Schisma
(9)  1974 und 1995 schlug der griechisch-katholische Erzbischof Elias Zoghby von Baalbek die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen der griechisch-orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche von Antiochien vor. Zoghbys Initiative zeigte, wie verflochten die lokale und universale Ebene sind. Diese Verflechtung kann fruchtbar sein, wenn sie z.B. zur Rezeption von Konsensdokumenten zwischen unseren Kirchen führt. Jedoch kann sie auch die Dynamik der Annäherung behindern, insofern Schritte vor Ort vom Fortschritt des Dialogs auf der universalen Ebene abhängen.

(10) Das Beispiel der Konflikte zwischen Katholiken des griechischen und des lateinischen Ritus in Polen und der Ukraine im 20. Jahrhundert zeigt, wie schwer Fragen der Geschichte, der Politik und der Identität die gegenseitigen Beziehungen innerhalb ein und derselben Kirche belasten können. Kirchengebäude, Zölibat, Sprache und die Bedeutung der Riten wurden zu Streitobjekten. Nationale Zugehörigkeit und historische Erfahrungen spielten eine größere Rolle als das gemeinsam Christliche.

(11) Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus besteht in der Ukraine innerhalb der Orthodoxie ein Schisma. Die vom Ökumenischen Patriarchat angebotene Lösung bestand darin, eine autokephale Orthodoxe Kirche in der Ukraine zu errichten, die Moskau weiterhin als sein kanonisches Territorium betrachtet. Infolgedessen hat Moskau die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel abgebrochen. Die übrigen lokalen orthodoxen Kirchen halten die Gemeinschaft mit Moskau und Konstantinopel aufrecht. Zugleich haben einige von ihnen beide Seiten des Konflikts kritisiert wegen einseitiger Handlungen, die die panorthodoxe Einheit infrage stellen. Ein Schisma innerhalb der Weltorthodoxie ist glücklicherweise nicht eingetreten (zumindest bis jetzt). Eine dauerhafte Lösung des Problems wird in gewissem Maße von Konsultationen und Dialog zwischen den Kirchen von Konstantinopel und Moskau abhängen. Ein solcher Dialog könnte auch andere Kirchen einbeziehen und sollte nicht nur die gegenwärtigen Spannungen behandeln, sondern auch grundlegende ekklesiologische Fragen wie das Wesen des Schismas und der Einheit der Orthodoxen.

Thesen zur zukünftigen  Arbeit
(12) Vereinigungen und Trennungen funktionieren auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Graden. Wir haben vor, eine Arbeitsdefinition und Beschreibung der Grade von Vereinigung und Trennung zu erarbeiten. Wir nehmen uns vor, einige konkrete Vorschläge zu machen, wie gegenseitige Anerkennung schrittweise bekräftigt werden könnte.

(13) Besondere Aufmerksamkeit werden wir nicht nur den verschiedenen Faktoren (theologischen, historischen, politischen, etc.) zukommen lassen, die zur Entstehung von Schismen beigetragen haben, sondern auch und vor allem den verschiedenen Wirkmechanismen (besonders soziologische, psychologische und die Imagination betreffende), die das Schisma konkret machen und verstärken, aber auch helfen können, es zu überwinden.

(14)  Wir beabsichtigen, die praktischen Dimensionen und Voraussetzungen für eine gegenseitige Heilung der Erinnerungen weiter zu erwägen. Insbesondere schlagen wir vor, die Trennung zwischen Katholiken und Orthodoxen kreativ neu zu durchdenken. Dies wird eine gründliche Untersuchung des gegenwärtigen Stands der gegenseitigen Anerkennung des anderen als Kirche in der Praxis (Sakramente, Heilige, etc.) mit sich bringen.

Zu Beginn dieser neuen Arbeitsphase haben die beiden Ko-Sekretäre ihren Rücktritt angeboten. Die Mitglieder wählten Assaad Elias Kattan zum neuen orthodoxen Ko-Sekretär und Johannes Oeldemann erneut zum katholischen Ko-Sekretär. Sie dankten Nikolaos Loudovikos für seine fünfzehnjährige Tätigkeit als orthodoxer Ko-Sekretär. Am Ende ihrer Tagung dankten die Mitglieder des Irenäus-Arbeitskreises Bischof Dimitrije von Zahum, der Herzegowina und dem Küstenland herzlich für seine Gastfreundschaft, die die Gruppe während ihres Aufenthalts in Trebinje erfahren durfte.

Dem Gemeinsamen orthodox-katholischen Arbeitskreis St. Irenäus gehören 26 Theologen an, 13 Orthodoxe und 13 Katholiken aus mehreren europäischen Ländern, dem Nahen Osten sowie Nord- und Südamerika. Er wurde 2004 in Paderborn (Deutschland) gegründet und hat sich seither in Athen (Griechenland), Chevetogne (Belgien), Belgrad (Serbien), Wien (Österreich), Kiew (Ukraine), Magdeburg (Deutschland), Sankt Petersburg (Russland), Bose (Italien), Thessaloniki (Griechenland), Rabat (Malta), Chalki bei Istanbul (Türkei), Taizé (Frankreich), Kloster Caraiman (Rumänien) und Graz (Österreich) getroffen. In Trebinje wurde beschlossen, die nächste Tagung des Irenäus-Arbeitskreises im Oktober 2020 in Rom (Italien) abzuhalten.

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