„Für das Leben der Welt“ – Sozialethos nach dem Panorthodoxen Konzil von Kreta

hintergrund sozialethos orthodoxieMit dem Segen des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und der Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats hat eine Spezialkommission orthodoxer Akademiker zur Großen Fastenzeit das Dokument „Für das Leben der Welt. In Richtung eines Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ publiziert (in zwölf Sprachen ohne deutsche Übersetzung). John Chryssavgis, griechisch-orthodoxer Priester in Amerika, theologischer Berater des Ökumenischen Patriarchen in Umweltfragen und Vorsitzender der Spezialkommission, nimmt zur Bedeutung dieses Dokuments Stellung.

Wie kam es zur Bildung der Spezialkommission, und welchen Stellenwert hat das Dokument für die Orthodoxie weltweit? In welcher Beziehung steht es zu den Beschlüssen des Panorthodoxen Konzils?
2017 hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios eine Spezialkommission beauftragt, ein offizielles Dokument zur Soziallehre der Orthodoxen Kirche zu erarbeiten, das sowohl die jahrhundertelange Tradition als auch die vom Ökumenischen Patriarchat gelebte gegenwärtige Praxis reflektiert und zum Ausdruck bringt, insbesondere in Bezug auf die vor kurzem beim Heiligen und Großen Konzil auf Kreta im Juni 2016 angenommenen Dokumente und Beschlüsse. Das Ziel bestand darin, einen Text anzufertigen, der als solide Referenz- und Gesprächsgrundlage hinsichtlich wesentlicher Themen und Herausforderungen in der Welt von heute dient. „Für das Leben der Welt“ bietet allgemeine Richtlinien und Grundsätze im Sinne eines dringend benötigten Sozialethos für orthodoxe Christen, um moderne Herausforderungen zu meistern. Es ist wohl das erste Mal, dass das Ökumenische Patriarchat ein sowohl von Geistlichen als auch von Laien – Männern und Frauen – ausgearbeitetes Dokument in Auftrag gegeben hat, in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Heiligen Synode und mit substantiellen Beiträgen aus Eparchien auf der ganzen Welt.

Das 20. Jahrhundert ermutigte und befähigte, ja verpflichtete die orthodoxen Kirchen, sich sowohl füreinander zu öffnen als auch anderen Konfessionen und Religionen zu begegnen. Auf vielerlei Weise war es das erste Mal, dass die orthodoxen Kirchen in engen Kontakt und in ein kritisches Gespräch mit der modernen Welt kamen, was sie wiederum dazu inspirierte und antrieb, den langen und steinigen Prozess der Einberufung des Heiligen und Großen Konzils in Angriff zu nehmen. An dem Treffen auf Kreta im Juni 2016 verfassten die orthodoxen Patriarchen und Hierarchen – zusammen mit einer Handvoll Beratern, Geistlichen und Laien – erstmals nach fast einem Jahrtausend ein offizielles Dekret sowie eine Enzyklika über „Die Sendung der Orthodoxen Kirche in der Welt von heute“. In diesem Sinne ist das aktuelle Dokument Teil eines Rezeptionsprozesses, der die Arbeit des außerordentlichen Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche auf Kreta im Juni 2016 ergänzt und vervollständigt.

Unter Punkt III. „Der menschliche Lebenswandel“ wird auch auf den „sexuellen Missbrauch von Kindern“ eingegangen – ist das ein großes Problem in der Orthodoxie?
Dieser Abschnitt wurde von Bischöfen aus verschiedenen Eparchien des Ökumenischen Patriarchats in der ganzen Welt gewünscht, vor allem in westlichen Ländern. Ich bin nicht sicher, ob auch in der Orthodoxen Kirche sexueller Missbrauch von Kindern ähnlich weit verbreitet ist wie in der römisch-katholischen Kirche. Ich nehme an, dass dies in der römisch-katholischen Kirche mit dem außerordentlichen Einfluss von religiösen Schulen und Orden zu tun hat. Das orthodoxe Klosterleben ist möglicherweise weniger anfällig, weil es viel „abgeschiedener“ ist, stärker auf die Kraft des Gebets und die Gebetswache (Vigil) fokussiert und weniger in soziale und Bildungsaufgaben involviert ist. Meistens kommen ratsuchende Gläubige in die Klöster, doch manchmal, wenn orthodoxe Mönche außerhalb ihrer Gemeinschaften tätig werden, hat das diverse Formen von Autoritäts- aber auch sexuellem Missbrauch zur Folge.

Auf jeden Fall ist der sexuelle Missbrauch von Kindern keine exklusive Sünde der römisch-katholischen Kirche. Noch ist er ein exklusives Gebrechen des Zölibats. Es ist ein Übel, eine Störung und ein Verbrechen, das zu Adam [zur ganzen Menschheit] als universales Vergehen gegen das Bild Gottes im Menschen gehört.

In der Kurzfassung zum Dokument heißt es: „Es wird von großer Bedeutung, aber nicht ohne Kontroverse sein.“ Welche Bedeutung und welche Kontroversen erwarten Sie?
Dieses bahnbrechende Dokument ist angesichts des historischen Hintergrunds der Orthodoxie von besonderer Bedeutung. In den vergangenen Jahren reagierte die Ostkirche allergisch, ja feindselig auf soziale Stellungnahmen. Das ist vermutlich auch eine Folge ihres Ringens um ein Verständnis ihrer Stellung in der Welt während langer Perioden der Isolation oder Verfolgung in vielen traditionell orthodoxen Ländern, insbesondere hinter dem Eisernen Vorhang. Die Kirche hat sich jedoch immer mit ihrem Ort und ihrer Rolle in der Welt auseinandergesetzt. Die östliche Christenheit hat jedoch ab einem gewissen Zeitpunkt auf ihrem byzantinischen Weg aufgehört, sich mit gegenwartsbezogenen Fragen zu befassen, und begonnen, auf die Wiederholung von Antworten aus der Vergangenheit zu fokussieren. Die Kirche wurde ausgerüstet, sich mit jenseitigen und heiligen Dingen zu beschäftigen, während der Staat sich um weltliche oder säkulare Dinge kümmerte. Dies war aber nicht immer so: Die frühe und byzantinische Kirche hatte eine starke Stimme bei Fragen sozialer Gerechtigkeit. Überfliegt man die Schriften der frühen christlichen Autoren, springt die Bedeutung des sozialen Kerns der Botschaft des Evangeliums in ihrem Denken und Dienen ins Auge.

Ein weiterer Grund, weshalb die orthodoxe Christenheit über die Jahrhunderte die Artikulation einer klaren sozialen Vision verloren oder vermieden hat, ist die Tendenz und Versuchung, alle Dinge zu verurteilen oder zurückzuweisen, die der westlichen Christenheit ähneln oder sie widerspiegeln. Diese Einstellung wird auch heute Kritik und Kontroversen um das neue Dokument hervorrufen.

Zugegebenermaßen hat die Russische Orthodoxe Kirche bereits im Jahr 2000 ihre „Grundlage der Sozialkonzeption“ publiziert, einen vorläufigen und bewundernswerten Versuch, die sozialen Prinzipien der Orthodoxen Kirche in Russland nach einer langen Periode der Unterdrückung zum Ausdruck zu bringen, und ihre Rolle in einer anderen und antagonistischen Welt zu definieren. Doch der gesamte Ansatz dieses Dokuments war kritisch, wenn nicht zynisch gegenüber der Welt, und betrachtete sie als Bedrohung, der man trotzen und die man besiegen muss. Solch eine defensive Haltung kann unter Bedingungen der konfessionellen Isolation überleben und sich entfalten, im Kontext der ökumenischen Begegnung jedoch hält sie oft nicht stand und löst sich selbst auf.

Die Tatsache, dass der Ökumenische Patriarch Bartholomaios dieses Sozialdokument in Auftrag gegeben und unterstützt hat, ist ein willkommener und erfrischender Mentalitäts- und Prioritätenwandel in einer Kirche, die traditionell mit der Vergangenheit assoziiert und als von der Gegenwart entfremdet wahrgenommen wird.

Übersetzung aus dem Englischen: Regula Zwahlen

Drucken