„Die Wahrheit teilen“ – Beiträge der katholischen Kirche zur Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Albanien

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 „Ich strecke meine Hand aus, aber niemand ergreift sie. Manchmal sehe ich diejenigen, die mich gefoltert haben, auf der Straße. Sie sind frei, sie wurden nicht zur Rechenschaft gezogen – viele der Täter von gestern sind heute in Amt und Würden: in der Politik, in der Justiz oder in der Verwaltung. Wie es den Opfern geht, interessiert sie nicht“, sagt der heute 80-jährige Gezim Peshkepia. Er wurde für ein angebliches Vergehen seines Vaters acht Jahre lang im Straf- und Arbeitslager Ballsh inhaftiert und ist eines von hunderttausenden Opfern des kommunistischen Regimes, das Albanien von 1944–1991 beherrschte.

Unaufgearbeitete totalitäre Vergangenheit
In Albanien wirft die totalitäre Vergangenheit des 20. Jahrhunderts besonders lange Schatten. Das Land ging einen Sonderweg, denn Enver Hoxha trieb es während seiner mehr als 40-jährigen Regierungszeit in die außenpolitische Isolation und errichtete nach innen ein hoch repressives Überwachungs- und Unterdrückungssystem. Von Bespitzelung, Folter oder Zwangsarbeit waren weite Teile der Gesellschaft betroffen. Fast 30 Jahre nach der Wende hat die politische, juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung nur in Ansätzen begonnen. Gesicherte Opferzahlen gibt es bis heute nicht. Das Institute for the Studies of Communist Crimes and Consequences in Albania spricht davon, dass während der Diktatur 6027 Menschen hingerichtet wurden, 34‘135 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert und 59‘009 in Straf- und Arbeitslagern interniert waren, wo 7022 von ihnen starben. Jedoch gibt es ungezählte „vergessene Opfer“, deren Leidensgeschichten und Grabstätten nicht rekonstruiert wurden und die in keiner Statistik auftauchen. Heute leben in Albanien etwa 2,8 Mio. Menschen. Rund 30 Prozent der Bevölkerung ist von dieser Seite der Vergangenheit persönlich betroffen, da in ihren Familien Opfer der Verfolgung leben.

Die Kirchen und Religionsgemeinschaften gerieten unter besonderen Druck; gleich zu Beginn der kommunistischen Herrschaft im Jahr 1944 setzte eine harte Verfolgung ein. In der Verfassung von 1967 wurde der atheistische Staat deklariert, womit Albanien als einziger der sozialistischen Staaten soweit ging, Religion und ihre Ausdrucksformen auch „de jure“ zu verbieten. Die katholische Kirche stand besonders im Fokus, einerseits weil der Klerus hochgebildet war, andererseits wegen ihrer inhärent grenzüberschreitenden Struktur und Nähe zum Vatikan. Beides barg aus Sicht der Machthaber erhebliches Widerstandspotential. Fast alle Bischöfe, Priester und Ordensleute wurden in Gefängnisse und Arbeitslager verbracht oder erschossen, darunter mit Josef Marxen aus Worringen bei Köln und Alfons Tracki aus Bleischwitz in Oberschlesien auch zwei deutsche Geistliche. Katholiken wurden vor allem in den Lagern Spaҫ und Qaf-Bari im Norden Albaniens interniert. Viele Gläubige und ihre Familien wurden in entlegene Bergregionen verbannt, Kirchen und kirchliche Gebäude abgerissen oder als Lagerräume und Sporthallen zweckentfremdet. Nach der Wende im Jahr 1991 stand die katholische Kirche in Albanien praktisch vor dem Nichts.

Kirchlicher Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit
Unter diesen Vorzeichen war der Wiederaufbau der Kirche eine enorme Herausforderung, zumal er im Kontext einer verzögerten politischen wie sozioökonomischen Transformation geschah. Heute leistet die kleine katholische Kirche wieder vielfältige pastorale, soziale und Bildungsarbeit in Pfarreien, katholischen Schulen, durch die Caritas oder die Ordensgemeinschaften. Angesichts der großen Probleme des Landes mit Armut, Korruption, Binnen- und Auslands-Migration will die Kirche nahe bei den Menschen sein, ihnen Hoffnung schenken und zur Entwicklung einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft beitragen – auch wenn diese noch immer in weiter Ferne zu liegen scheint.

Die Kommission Justitia et Pax der Albanischen Bischofskonferenz hat sich vor etwa zehn Jahren dazu entschieden, einen Beitrag zur Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit zu leisten. Inzwischen hat sie, auch in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie der Maximilian Kolbe Stiftung und dem katholischen Hilfswerk Renovabis, ein beachtliches Engagement entfaltet, das weit über den katholischen Raum in die Gesellschaft hineinwirkt.

Sinnbild für die fehlende Sensibilität im Umgang mit der Vergangenheit waren insbesondere die Orte der Verbrechen, vor allem die ehemaligen Straf- und Arbeitslager. Die meisten waren dem Verfall preisgegeben. Justitia et Pax konzentrierte sich zunächst darauf, zwei der ehemaligen Lager, Spaҫ und Qaf-Bari, zu erhalten, für Tepelene und Bulqiza ist dies in Planung. In Qaf-Bari wurde im letzten Jahr mit Renovierungsarbeiten begonnen. Spaҫ ist inzwischen zugänglich, Gebäude wurden so abgesichert, dass sie nicht weiter verfallen, ihre Funktion und die Struktur des Geländes wurde mit Informationstafeln kenntlich gemacht. Nicht wenige ehemalige Lager- und Gefängnis-Gebäude dienen inzwischen anderen Zwecken. Oft werden Spuren der Vergangenheit dabei getilgt oder es kommt zu Interessenskollisionen mit den neuen Nutzern, wie z. B. in Spaҫ. Als ein türkisches Unternehmen die dortige Kupfermine wieder in Betrieb nahm, bedurfte es einiger Anstrengungen, um den Gedenkort zu erhalten.

Bildungsarbeit und öffentliches Gedenken
„Die Auseinandersetzung mit belasteter Vergangenheit gehört zu den großen Herausforderungen bei der Schaffung von langfristig friedensfähigen Gesellschaften“, schreibt die deutsche Kommission Justitia et Pax in einer Handreichung. Das Engagement der albanischen Justitia et Pax-Kommission setzt hier an: In der katholischen Kirche und in der gesamten Gesellschaft soll eine Auseinandersetzung mit den kommunistischen Verbrechen und ihren bis heute spürbaren Folgen angeregt, Erinnerung und Gedenken gefördert und davon ausgehend ein Verständnis für demokratische Werte und die Achtung der Menschenwürde entwickelt werden. Deshalb wurde ein historisch-politisches Bildungsangebot entwickelt, das sich vorrangig an Jugendliche richtet. In den vergangenen vier Jahren haben 300 Schülerinnen und Schüler vor allem aus katholischen Schulen die Gedenkstätte in Spaҫ besucht. Mit pädagogischer Begleitung und in Gesprächen mit ehemaligen Häftlingen haben sie sich am Beispiel des konkreten Ortes die Historie der kommunistischen Verbrechen, ihre Systematik, die Konsequenzen für die Opfer und die ganze Gesellschaft erschlossen. Das Programm wird gut angenommen ­  inzwischen signalisieren sogar staatliche Schulen Interesse daran.

Justitia et Pax hat verschiedene Formen des öffentlichen Gedenkens etabliert. Jedes Jahr findet am 21. Mai ein Gedenktag im ehemaligen Lager Spaҫ statt, der an den Gefangenenaufstand von 1973 erinnert. Dazu werden ehemalige Gefangene und ihre Angehörigen, Jugendliche, politisch Verantwortliche und Religionsvertreter eingeladen – am 45. Jahrestag 2018 waren der albanische Präsident, der Nuntius, Botschafter, zahlreiche Bischöfe und internationale Gäste anwesend. Mit der Gedenkveranstaltung soll das Leid der Opfer, das im Land weitestgehend totgeschwiegen wird, sichtbar gemacht werden und öffentliche wie politische Anerkennung erfahren. In diesem Sinne hat die Errichtung eines Denkmals im Zentrum der Stadt Skhodra, das plastisch die Not der Opfer und die Verzweiflung der Angehörigen zeigt und schon auf aufgrund seiner Größe nicht übersehen werden kann, erhebliche Symbol- und Wirkkraft. Nach fünfjähriger, von vielen Widerständen geprägter Vorbereitung, wurde das Denkmal am 20. Mai 2019 unter großer öffentlicher Anteilnahme aus dem In- und Ausland eingeweiht.

Reaktion der Politik
Regierung, Ministerien oder Lokalpolitiker zeigen bisher äußerst geringes Interesse an der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. Viele der heutigen politischen Funktionsträger waren bereits vor 1991 in staatlichen Ämtern; ihre damalige Verstrickung mündet heute in Schweigen und Verdrängung. Im Grundsatz gilt diese Beobachtung für beide großen Parteien, Sozialisten wie Demokraten, die das Land seit 1991 mehr oder weniger abwechselnd regieren, wobei diese schwierige Kontinuität in der Sozialistischen Partei, die aus der kommunistischen Partei der Arbeit hervorging, wesentlich ausgeprägter ist. Entsprechend dünn ist die gesetzliche Grundlage. Der 2015 verabschiedeten Gesetzesreform zur Öffnung der Archive waren sehr langwierige Beratungen vorausgegangen, darüber hinaus gibt es bisher keine weiteren relevanten Regelungen. 2016 wurde die „Behörde zur Information über die Dokumente der früheren Staatssicherheit“ errichtet, die die Unterlagen der Sigurimi-Geheimpolizei aufarbeitet und Betroffenen wie Institutionen zugänglich macht, was nach Einschätzung von Justitia et Pax im Großen und Ganzen funktioniert.

Ehemalige Gefangene erhalten eine finanzielle Entschädigung, die zwar eher geringfügig ist, aber immerhin einen gewissen Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt leistet. Für Aufarbeitungsprojekte, die Bewahrung der Orte, Bildungsarbeit oder Gedenken stehen keinerlei staatliche Mittel zur Verfügung; Justitia et Pax und andere Akteure müssen sich um die Förderung externer Geldgeber bemühen. Angesichts dieses extrem vernachlässigten Politikfeldes setzt Justitia et Pax, auch in enger Vernetzung mit anderen Organisationen, auf intensive Informations- und Lobbyarbeit gegenüber der Politik. Bürgermeister, Abgeordnete, Minister oder gar der Präsident werden zu Gedenkveranstaltungen eingeladen. Dass sie zu diesen Anlässen kommen und der kirchlichen Aufarbeitung ihre Wertschätzung ausdrücken, ist ein beachtlicher Erfolg, gerade weil es viele Beispiele dafür gibt, dass Gedenken politisch instrumentalisiert wird. Dem Generalsekretär von Justitia et Pax, Luigj Mila, geht es letztlich darum, die politischen Eliten langfristig zu verantwortlichem Handeln zu bewegen: „Niemand kann dem Leid der Opfer gegenüber neutral bleiben. In dieser moralischen Frage muss jeder Einzelne entscheiden, wie er sich verhalten will.“

Katholische Kirche: Aufarbeitung, Potentiale, Widerstände
Die Kirchen können bei der Aufarbeitung von Unterdrückungs- oder Gewalterfahrungen und in Versöhnungsprozessen großes Potential entfalten. In vielen Ländern genießen sie in der Bevölkerung hohes Vertrauen, weil Priester und Ordensleute vor Ort sind und bleiben – vor, während und nach gewaltsamen Konflikten oder Phasen der Unterdrückung. Viele ehemalige Gefangene der albanischen Lager berichten, dass die inhaftierten Priester sie immer wieder bestärkt oder heimlich mit ihnen gebetet haben. Das Vertrauen, das in die Kirche gesetzt wird, ermöglicht es ihr, geschützte Räume zu schaffen, in denen die Opfer ihre Leidenserfahrungen mit anderen teilen und erste Schritte für einen gesellschaftlichen Dialog- und Versöhnungsprozess gegangen werden können. Bei alldem müssen die Kirchen aber auch ihr eigenes Verhalten im Konflikt immer wieder ehrlich reflektieren.

Die katholische Kirche in Albanien hat bereits kurz nach der Wende begonnen, ihre Verfolgungsgeschichte aufzuarbeiten. Seit einigen Jahren ist sie im Museum der Erzdiözese Shkodra, das von Erzbischof Angelo Massafra ins Leben gerufen wurde, anschaulich dokumentiert. Er hat sich ebenfalls früh für die Dokumentation der Schicksale von Mitgliedern der katholischen Kirche eingesetzt, darunter 110 Priester, die während des Kommunismus ermordet wurden. Am 5. November 2016 wurden 38 Märtyrer, vor allem Priester und Ordensleute, aber auch einige Laien und als einzige Frau die Postulantin Maria Tuci in der Kathedrale von Shkodra unter großer Beteiligung von Politik und Öffentlichkeit seliggesprochen. Das war für die katholische Kirche und weit darüber hinaus von großer Bedeutung, zumal der damalige Präsident Bujar Nishani sich für die Verbrechen des Staates an der Kirche entschuldigte.

Langer Atem erforderlich
Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit steht in Albanien noch sehr am Anfang und die Liste der Herausforderungen ist lang. Eine juristische Aufarbeitung der Verbrechen steht ebenso aus wie eine umfangreiche Lustration oder die systematischere Klärung von Entschädigungsfragen. Immer wieder werden Personen, die sich mit der kommunistischen Vergangenheit befassen, bedroht. Manche verlassen Albanien und beantragen im Ausland Asyl. In der albanischen Gesellschaft sind Nichtwissen und Verdrängung noch weit verbreitet. Um dies zu verändern, sind Beharrlichkeit, Geduld und ein langer Atem erforderlich, den kirchliche Akteure wie Justitia et Pax auf besondere Weise mitbringen.

Dass ein Perspektivwechsel möglich werden kann, zeigt das Beispiel eines ehemaligen Offiziers, der am Rande einer Gedenkveranstaltung bekannte: „Wir haben an ein falsches System geglaubt.“ Justitia et Pax macht das Leid der Opfer sichtbar, will ihnen Gerechtigkeit verschaffen und darüber hinaus Dialog- und Versöhnungsprozesse zwischen allen Beteiligten eröffnen, zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern. „Es geht nicht darum, die Gräben zu vertiefen“, sagt Luigj Mila „sondern die Wahrheit zu teilen.“

Claudia Gawrich, Referentin für Bildungsarbeit bei Renovabis – dem Osteuropahilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland.

Bild: Denkmal für die Opfer kommunistischer Verfolgung im Stadtzentrum von Shkodra. (© Justice and Peace Commission of Albania)

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