Peter Morée zur Position der Kirchen zu 100 Jahren Tschechoslowakei

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Ende Oktober hat sich die Gründung der Tschechoslowakei zum 100. Mal gejährt. Wie wurde dieses Jubiläum in Tschechien gefeiert?
Die Staatsgründung wurde in einem auf vielen Ebenen polarisierten Land gefeiert. Es gab deshalb mehrere, unterschiedliche Feierlichkeiten, die jede eine andere geschichtliche Erinnerung repräsentierten. Der Präsident feierte eine an sich selbst interessierte Republik, die sich nicht mit den Herausforderungen in der Welt auseinandersetzen will. Seine Kritiker, vereinigt in verschiedenen NGOs, akzentuierten den demokratischen, offenen Charakter der damals neuen Republik. Die öffentlichen Medien versuchten durch ein Top 10 der besten Songs aus der 100-jährigen Geschichte eine gemeinsame Erinnerung zu erzeugen, aber bestätigten die Polarisierung, da die Nummer 1 (von 1968) in der letzten Zeit zum Protestsong gegen den Präsidenten geworden ist.

Wie haben sich die Kirchen an diesen Feierlichkeiten beteiligt?
Die römisch-katholische Kirche (RKK) feierte schon am Feiertag des Hl. Wenzels am 28. September ihre Verbindung mit dem Staat. Diesmal wurde das aber eine Manifestation der konservativen Richtung in der RKK wegen der Predigt von Petr Piťha im Veitsdom, der sich bei dieser Gelegenheit sehr scharf gegen die sog. Istanbul-Konvention aussprach. Die RKK hat noch immer ein ambivalentes Verhältnis zur Gründung der Tschechoslowakei.

Für die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder ist die Staatsgründung mit der Gründung der Kirche verbunden. Ende September organisierte sie einen Kirchentag, der gut besucht und gut aufgenommen wurde. Noch immer sieht sie die Staatsgründung als Teil der Geschichte des Protestantismus in Böhmen, benutzt sie aber als Kritik an der heutigen Regierung und am Präsidenten.

Auch die Tschechoslowakische Hussitische Kirche feierte das Jubiläum in der Verbindung mit der eigenen Geschichte und akzentuierte ihre Verbindung mit dem ersten Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk (der allerdings evangelisch war). Für sie ist das allerdings nicht mit politischen Positionen verbunden.

Welche Rolle haben die Kirchen bei der Staatsgründung 1918 gespielt und wie beurteilen sie die damaligen Ereignisse heute?
Die RKK verlor in Folge der Staatsgründung ihre Machtposition und gelangte für viele Jahre in die Opposition. Sie wurde als Vertreter der Donaumonarchie wahrgenommen. Erst am Ende der 1920er Jahren kam es zu einer Rehabilitierung im öffentlichen und politischen Leben.

Die kleine Minderheit der Evangelischen, obwohl sehr loyale Staatsbürger in der Monarchie, sah die Staatsgründung als Rückkehr zu der Böhmischen Reformation und hoffte auf eine Rolle als Nationalkirche. Die Staatsgründung war in ihrer Sicht eine Bestätigung der zentralen Rolle des Protestantismus in der tschechischen Nationalgeschichte.

Die Rolle einer Nationalkirche wurde eine Weile übernommen von der Tschechoslowakischen (Hussitischen) Kirche, allerdings erst ab 1920. Als modernistische Kirche auf Grund einer nationalistisch motivierten Los-von-Rom-Bewegung verstand sie sich auch als Ausdruck des slawischen Christentums.

Peter Morée, Dr., Assistenzprofessor in der Abteilung für Kirchengeschichte an der Protestantischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität in Prag.

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