Skip to main content

Orthodoxie in der Ukraine: Panorama und Entwicklungstendenzen

20. Dezember 2018
Bohdan Ohultschanskyj

Die ukrainische Gesellschaft durchlebt eine schwierige Zeit. In verschiedenen Bereichen sind die Folgen des mehrjährigen bewaffneten Konflikts unter Beteiligung Russlands spürbar, doch lässt sich die gegenwärtige Krise keineswegs auf eine einzige Ursache zurückführen. Die Ursachen der Probleme verbergen sich in den Eigenschaften der ukrainischen Gesellschaft selbst. Deren Komplexität und Heterogenität zeigen sich insbesondere darin, dass es in der Ukraine mehrere orthodoxe Kirchen gibt, die jahrzehntelang im verborgenen oder offenen Konflikt zueinander standen.

Die öffentliche Diskussion fand jahrelang hauptsächlich zwischen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die zum Moskauer Patriarchat gehört (UOK–MP), und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats (UOK–KP) statt. Jede hat ihren Einflussbereich und eine mit den Jahren ausgefeilte Argumentation zugunsten ihrer Position. Die dritte Konfession, die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK), verfügt über weit weniger Priester und Gemeinden als die ersten beiden, doch ihre Prinzipien und Positionen sind im allgemeinen orthodoxen Feld ebenfalls von Bedeutung.

Die 1990er Jahre: Beginn der Spaltungen
Seit der Erlangung der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 demonstrierten alle drei Kirchen ihre Überzeugung, dass ihre Position rechtmäßig sei. Sowohl die UOK–KP als auch die UAOK sprachen von der Notwendigkeit, dass in einem unabhängigen Staat auch die Kirche unabhängig sein müsse. In der UOK–MP bekräftigte man all diese Jahre, dass die UOK bereits 1991 praktisch ihre Unabhängigkeit erhalten habe, als der damalige Patriarch Alexij II. (Ridiger) der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) Metropolit Filaret (Denisenko) eine Akte über die Autonomie der UOK–MP überreicht hatte. Gemäß dieser Akte wird die Verbindung der UOK–MP mit Moskau nur durch folgende Aspekte realisiert: die Bestätigung des gewählten Kiewer Metropoliten durch den Moskauer Patriarchen, die Teilnahme der ukrainischen Erzbischöfe an den Sitzungen des Hl. Synods der ROK und durch den Empfang des geweihten Myrons (liturgisches Salböl) vom Patriarchen. Zudem verfügt die UOK–MP nicht über die Möglichkeit, eigene Gemeinden im Ausland zu gründen. Das wichtigste ist, dass dieser Status als autonomer Teil der ROK bedeutete, dass die UOK–MP als gesetzmäßige (kanonische) weltweite orthodoxe Vereinigung anerkannt wurde, während die UOK–KP und die UAOK diese Anerkennung nicht erhielten.

Die Kompromisspolitik der Leitung der UOK–MP, die Metropolit Volodymyr (Sabodan) im Verlaufe von über 20 Jahren betrieb, erlaubte es einerseits, die Unterordnung unter Moskau zu vermeiden, und andererseits die Beziehungen zum gemeinsamen geistigen Raum der ROK nicht abzubrechen. Deshalb fühlten sich Gläubige, denen die Kontinuität mit der orthodoxen Tradition wichtig war, in der UOK–MP wohl. Zudem blieben die wichtigsten Klöster der Ukraine in der Obhut der UOK–MP; in der Sowjetzeit zerstörte wurden wiederaufgebaut, zahlreiche neue Klöster wurden gebaut. In den anderen orthodoxen Konfessionen ist die Anzahl an Klosterbewohnern weit geringer als in der UOK–MP.

Die UOK–KP wurde 1992 gegründet, nachdem Metropolit Filaret (Denisenko), der seit den 1960er Jahren Metropolit der ROK von Kiew war, Kurs auf eine vollständige Autokephalie der ukrainischen Kirche nahm. Dieser Entscheidung folgten nur wenige Bischöfe und Gläubige. Dennoch ist es Filaret und seinen Unterstützern – Gläubigen aus der Westukraine und Intellektuellen mit einer patriotischen Weltanschauung – gelungen, eine neue religiöse Struktur zu schaffen, wobei er den Status eines Patriarchen annahm. Bis heute gehören mehr als 4000 Kirchgemeinden zu dieser Kirche, etwa dreimal weniger als zur UOK–MP.

Außerdem hat sich ein Teil der ukrainischen Orthodoxen, die den ihrer Meinung nach sowjetischen und autoritären Kirchenleitungsstil von Patriarch Filaret nicht anerkannten, für die dritte orthodoxe Konfession der Ukraine entschieden, die sog. UAOK. Diese Konfession erklärte ihre Zugehörigkeit zu ukrainischen nationalen Traditionen und Ideen einer kirchlichen Bewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts, wobei es insbesondere um eine konziliare Leitung unter Beteiligung von Laien geht. Obwohl mehr als tausend Gemeinden zur UAOK gehören, waren die Gemeindeglieder der UAOK im Vergleich zu den anderen beiden orthodoxen Konfessionen statistisch unbedeutend.

Ein wichtiger Aspekt für die Selbstbestimmung der Orthodoxen in der Ukraine war die Tatsache, dass die UOK–KP und die UAOK nicht also kanonische Kirchen der orthodoxen Kirchengemeinschaft galten. Die Priester dieser Kirchen konnten mit keinem anderen orthodoxen Priester anderer Länder gemeinsam Liturgie feiern. In ihrer Kritik an der UOK–KP und der UAOK haben Vertreter der UOK–MP sogar behauptet, dass liturgische Handlungen, die von deren Klerikern ausgeführt werden, „ohne Gnadenfülle“, also nicht wirksam seien. Das heißt, dass die Gemeindeglieder der UOK–KP und der UAOK weder über die Taufe verfügen, noch die Eucharistie empfangen würden. Die Furcht davor, ohne Mysterien zu verbleiben, war für viele Gläubige ein Argument dafür, die UOK–MP als ihre Kirche zu wählen.

Das Drama der letzten fünf Jahre: politische und religiöse Konflikte
Auf den 20-jährigen Status quo in den Beziehungen zwischen den Kirchen hat der politische Faktor erheblichen Einfluss genommen. Die Kirchen der Ukraine sind – wie dies in der Geschichte orthodoxer Kirchen häufig geschah – zu Teilnehmern im politischen Kampf geworden, und zwar in einem Kampf mit militärischen Handlungen und einem zwischenstaatlichen Konflikt. Die russische Kirchenpolitik, aktiv Einfluss auf die UOK–MP und auf den ganzen Informationsraum der Ukraine auszuüben, hat mit der Wahl des Moskauer Patriarchen Kirill (Gundjaev) 2009 begonnen. Kirill bereiste die Ukraine viele Male mit großen Feierlichkeiten, besonders 2010 nach der Wahl von Viktor Janukovytsch, dem Ex-Gouverneur im Donbass, zum Präsidenten. Faktisch begann die ROK die Innenpolitik der UOK zu kontrollieren, darunter auch die Ernennung ihrer Bischöfe. Einige Sitzungen des Moskauer Synods hielt Patriarch Kirill in Kiew ab. In dieser Zeit begann in der ukrainischen Gesellschaft insgesamt der Widerstand gegen Janukovytschs Politik zu wachsen, der einen scharfen Kurswechsel von der proeuropäischen Ausrichtung seines Vorgängers zu einem prorussischen Kurs vollzog. Der Konflikt zwischen der Regierung und der Gesellschaft kulminierte Ende 2013, als Janukovytsch den Assoziationsvertrag mit der EU nicht unterzeichnen wollte und einen Kurs in Richtung vollständige ökonomische und politische Abhängigkeit von Russland einschlug. Damit drohte eine rasche Degradierung des Status’ der Ukraine zu einer Halbkolonie Russlands. In Kiew formierte sich eine massive Protestaktion, der sog. Euromajdan, der zu einer äußerst mächtigen Widerstandsbewegung gegen die Regierung wurde, die man die „Revolution der Würde“ nennt. Diese Bewegung – an den Protestaktionen im Zentrum der Hauptstadt waren ca. eine Million Menschen beteiligt – führte nach der tragischen Erschießung von über hundert Aktivisten im Februar 2014 zum Sturz des Janukovytsch-Regimes.

Die national orientierten Kirchen, die UOK–KP und die UAOK, haben wie fast alle christlichen Kirchen der Ukraine die Protestteilnehmer unterstützt. Sehr viele Priester reisten aus verschiedenen Ecken der Ukraine an, mischten sich unter die Leute und versuchten durch ihre Predigt und eigenes Handeln an einen friedlichen Weg zur christlichen Gerechtigkeit zu appellieren. Im Gegenteil dazu fand sich die UOK–MP, die das Unterstützungsmonopol des öffentlich religiösen Präsidenten Janukovytsch genoss, in einer schwierigen Lage. Die Hierarchie der Kirche versuchte Neutralität zu demonstrieren, obwohl einzelne Priester und Gläubige die eine oder andere Seite des Konflikts unterstützten. Doch Neutralität zu bewahren wurde noch weit schwieriger, nachdem der russisch-ukrainische Konflikt im Frühling 2014 in die akute Phase überging. In einigen aufsehenerregenden Fällen äußerten Hierarchen und Priester der UOK–MP ihre Position so, dass dies als Nicht-Unterstützung der ukrainischen Gesellschaft und Regierung in Bezug auf die Aggression Russlands aufgefasst wurde. Zum Beispiel, als Metropolit Onufrij (Beresovskij), der nach dem Tod von Metropolit Volodymyr neu gewählte Kiewer Metropolit der UOK–MP, an einer Sitzung des Parlaments zum ehrenden Gedenken der im russisch-ukrainischen Konflikt gefallenen Soldaten nicht aufstand. Gleichzeitig tauchten im Internet Videos auf, in denen Priester der ROK Teilnehmer von antiukrainischen bewaffneten Formationen in der Ostukraine segneten. Teilweise ist verständlich, dass Hierarchen der UOK–MP es vermieden, öffentlich eine proukrainische Position zu vertreten, weil die Eparchien der UOK–MP formal auch in den nicht von der Ukraine kontrollierten Gebieten im Osten des Landes und auf der von Russland annektierten Krim tätig sind. Doch im gesellschaftlichen Bewusstsein hat von 2014 bis 2018 ein Bruch in Bezug auf die UOK–MP stattgefunden, weil die Gesellschaft von dieser Kirche generell keine Unterstützung der Ukraine gesehen hat. Von 2013 bis 2018 ist die Anzahl von Gläubigen, die sich zur UOK–MP zählen (gemäß verschiedenen soziologischen Daten) etwa von 35 Prozent auf 15 Prozent der Befragten gesunken. Gleichzeitig stieg die Zahl derjenigen, die sich zur UOK–KP zählen von 15 Prozent auf fast 30 Prozent. Hierzu muss man bemerken, dass es unter den Gemeindegliedern der UOK–MP einen harten Kern von aktiven, regelmäßigen Gottesdienstbesuchern und Teilnehmern an öffentlichen religiösen Aktionen wie „Kreuzprozessionen“ gibt. Solche Gemeindeglieder gibt es in der UOK–MP leider ziemlich viel mehr als in den anderen Kirchen.

Natürlich tat und tut die UOK–MP als christliche Kirche nicht wenig im wohltätigen Bereich, insbesondere bei der Lieferung von humanitären Gütern in den Osten der Ukraine. Doch andere mögliche Aktivitätssphären – in Kultur, Bildung, Gesellschaft – sind praktisch zum Erliegen gekommen, weil die Kommunikation zwischen der UOK–MP und der ukrainischen Regierung abgebrochen ist. Wer dafür die Verantwortung trägt, wird die Geschichte zeigen, aber Versuche seitens dieser Kirche, die Beziehungen zum Staat wieder in Gang zu bringen, sind keine bemerkbar.

Zukunftsszenarien
Am 15. Dezember 2018 wurde an einem Vereinigungskonzil in der Kiewer Sophienkirche, einer alten Kirche der Kiewer Rus’, die Schaffung der einen Orthodoxen Kirche der Ukraine verkündet, was dank den Anstrengungen Konstantinopels und der Staatsregierung möglich wurde. In nächster Zeit wird der Ökumenische Patriarch der Ukrainischen Kirche den Tomos (die Akte) über die Autokephalie überreichen. Obwohl die Schaffung dieser Kirche als Vereinigung aller ukrainischen Orthodoxen verkündet wird, versucht die Leitung der UOK–MP momentan, den Abgang von Bischöfen und Priestern aufzuhalten, und der Prozess der Selbstbestimmung der letzteren beginnt gerade erst. Deshalb kann man davon ausgehen, dass nun eine Zeit lang die Konkurrenz zwischen der neuen lokalen Kirche und der Kirche des Moskauer Patriarchats die ukrainische religiöse Landschaft bestimmen wird.

Nichtsdestotrotz hat die lokale Orthodoxe Kirche der Ukraine die Chance, den Raum der politischen Konkurrenz zu verlassen. Die Veränderungen in der ukrainischen Orthodoxie wurden von den anderen Kirchen unterstützt, insbesondere von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Der neue Status kann der Kirche helfen, sich als Bestandteil der Weltorthodoxie, des weltweiten Christentums zu entfalten. Den Hierarchen, Priestern und Theologen eröffnet sich die Möglichkeit, das kirchliche Leben nicht lokal in der Isolation aufzubauen, sondern interaktiv, in Berührung mit der reichen Erfahrung des europäischen und weltweiten Christentums. Und das gibt der ukrainischen Orthodoxie die Chance, christliche Werte in der komplexen, vielfältigen ukrainischen Gesellschaft zu verwirklichen – auf der Grundlage von Dialog, Kooperation bei der Lösung komplexer sozialer Fragen und durch aktive christliche Barmherzigkeit.

Bohdan Ohultschanskyj , Priester der UOK–MP, Sekretär der Allukrainischen Orthodoxen Pädagogischen Gesellschaft, Redaktor von http://christian-culture.in.ua.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.