Russland: Fundamentalistischer Priester besetzt Kloster im Ural

Im Ural hat sich der Konflikt zwischen einem prominenten Priester und der Leitung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) verschärft. Schema-Hegumen Sergij (Romanov) hat am 16. Juni das Sredneuralʼsker Frauenkloster, dessen geistlicher Vater er bis vor kurzem war, übernommen, dabei wird er von Kosaken unterstützt. Dort feiert er gut besuchte Gottesdienste, obwohl ihm das von der Leitung der Eparchie Jekaterinburg, der er untersteht, untersagt wurde. Auf Anordnung der Eparchialleitung sollte er ein zurückgezogenes Leben im Männerkloster des Hl. Johannes des Theologen unweit des Sredneuralʼsker Frauenklosters führen.

Zum Konflikt hatten kontroverse Äußerungen Sergijs zum Coronavirus geführt. In einem Video bezeichnete er die Coronavirus-Epidemie als „Mythos“ und rief zum Ungehorsam gegenüber der Kirchenleitung und den Behörden auf. Zudem verfluchte er „diejenigen, die während der Pandemie Kirchen schließen“, und warnte vor der Schaffung „elektronischer Lager Satans“. In einer anderen Videobotschaft rief er dazu auf, die Kirchen zu öffnen, und warnte vor Mikrochips, die der Bevölkerung implantiert würden, für die Mehrheit aber tödlich wären.

Bereits am 27. April hatte die Eparchie Sergij verboten, zu predigen und sich öffentlich zu äußern. Aufgrund seiner Verstöße dagegen wurde ihm am 27. Mai verboten, Gottesdienste zu leiten sowie Beichten abzunehmen, ohne schriftliche Genehmigung das Gebiet des Klosters des Hl. Johannes des Theologen zu verlassen, Mönche zu weihen oder die Kommunion zu empfangen. Inzwischen fordert der Schema-Hegumen, dass Patriarch Kirill und weitere Metropoliten ihre Ämter niederlegen. Er möchte, dass sie vor Kirchengerichten zur Verantwortung gezogen werden.

Nachdem er die Kontrolle über das Sredneuralʼsker Frauenkloster übernommen hatte, verließen die Äbtissin Varvara (Krygina) und vier Nonnen, die seine „schismatische Haltung nicht teilen“ das Kloster, um die „Situation zu beruhigen“. Sie wollten „unnötige Querelen“ vermeiden, „zu denen Vater Sergij derzeit neigt“, und ihm die Möglichkeit geben, sich eines Besseren zu besinnen. Sergij betonte, die Nonnen hätten das Kloster freiwillig verlassen. Auch hätten die Sicherheitsorgane die Lage im Kloster vor Ort überprüft und keine Verstöße festgestellt. Die Kosaken sind offenbar als individuelle Pilger angereist, ihre Regionalleitung distanzierte sich von Sergij. Das Sredneuralʼsker Frauenkloster unweit von Jekaterinburg ist eines der von ihm gegründeten Klöster, das er mit seinen Anhängern eigenhändig gebaut hat. Mit einem eigenen Landwirtschaftsbetrieb, Garten, Werkstätten, einem Hospiz und einer Schule funktioniert das Kloster fast autonom.

Die Eparchie Jekaterinburg rief in einem Statement vom 17. Juni dazu auf, für Sergij zu beten, damit er zur Besinnung komme und sich bessere und bereue. Sein Fall soll am 26. Juni vor dem Kirchengericht in Jekaterinburg weiterverhandelt werden. Bei der ersten Sitzung am 15. Juni hatte er keine Fragen beantwortet und sie überstürzt verlassen. Seine Aussagen haben auch eine Untersuchung durch die weltlichen Behörden ausgelöst. Ihm wird die bewusste Verbreitung von Falschmeldungen vorgeworfen, und das regionale Zentrum für Extremismusbekämpfung sieht in seinen Äußerungen das Anstacheln von Hass. Ihm droht eine Buße von 30'000 bis 100‘000 Rubeln (ca. 385 bis 1284 Euro).

Schema-Hegumen Sergij gilt als einflussreicher, sehr konservativer spiritueller Vater mit zahlreichen Anhängern und einer großen Medienpräsenz, ist aber auch sehr umstritten. Angeblich ist er der Anführer einer Sekte, die den letzten russischen Zaren Nikolaj II. verehrt und eine Rückkehr zur Monarchie befürwortet, zudem führt er Exorzismen durch. Bevor er Mönch wurde, verbrachte Sergij über zehn Jahre im Gefängnis, wo er zum Glauben fand. (NÖK)

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