Armenien: Katholikos-Patriarch ruft nach Waffenstillstand zu Ruhe auf

In einer Videobotschaft hat das Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, Katholikos-Patriarch Karekin II., das von Russland vermittelte Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan als „schwieriges Ergebnis für uns alle“ bezeichnet. Die jüngsten Entwicklungen und Entscheidungen „haben die Seele von uns allen aufgewühlt“. Doch diese brächten auch die „Verantwortung für nüchternen Mut, weitblickende Weisheit und unerschütterliche Entschlossenheit, zum Wohl des Vaterlands zu handeln,“ mit sich. Angesichts der „Notwendigkeit, die nationale Einheit zu wahren“, rief Karekin dazu auf, Ruhe zu bewahren und „Gewalt und Aufstände“ zu unterlassen. Die Krise müsse durch die „gemeinsamen Bemühungen der militärisch-politischen Kräfte“ Armeniens und Arzachs (armenische Bezeichnung für Berg-Karabach) gelöst werden. Die Regierung rief der Katholikos-Patriarch auf, „sofort gründliche, umfassende Erklärungen für unser Volk in unserer Heimat, in Arzach und in der Diaspora“ zu liefern.

Seit dem 10. November 2020 um Mitternacht gilt ein vom russischen Präsidenten Vladimir Putin vermittelter Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan im Konflikt um Berg-Karabach. Putin erklärte in einer Ansprache, er gehe davon aus, dass die Vereinbarung die „erforderlichen Bedingungen für eine langfristige und vollständige Beilegung der Krise um Berg-Karabach auf einer gerechten Basis und im Interesse des armenischen und aserbaidschanischen Volks schafft“. Das Abkommen friert die aktuellen Positionen beider Seiten ein; Aserbaidschan behält also die seit dem Ausbruch des Krieges am 27. September eroberten Gebiete. Zudem muss Armenien die in den 1990er Jahren eroberten aserbaidschanischen Gebiete um Berg-Karabach gestaffelt an Aserbaidschan zurückgeben. Der Latschin-Korridor, der Armenien und Berg-Karabach verbindet, ist davon ausgenommen. Ein Kontingent russischer Friedenstruppen soll den Waffenstillstand überwachen. Intern Vertriebene und Flüchtlinge sollen unter der Aufsicht des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge zurückkehren, außerdem ist ein Gefangenenaustausch geplant. Der zukünftige Status von Berg-Karabach selbst, das Anfang der 1990er Jahre seine Unabhängigkeit erklärt hatte, bleibt im Abkommen offen.

Nachdem aserbaidschanische Truppen mit Hilfe der Türkei in den letzten Wochen immer größere Geländegewinne erzielt hatten und eine Einnahme von Stepanakert, der Hauptstadt von Berg-Karabach, drohte, stimmte der armenische Ministerpräsident dem „für mich und unser Volk unsäglichen schmerzhaften“ Abkommen zu. In der armenischen Hauptstadt Jerewan protestierten aufgebrachte Bürger gegen das als Kapitulation wahrgenommene Abkommen. Demonstranten stürmten den Regierungssitz und beschimpften Paschinjan als Verräter. In Aserbaidschan wird das Abkommen dagegen als Sieg gefeiert. (NÖK)

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