Polen: Polizei verhaftet LGBTI-Aktivistin wegen Verletzung religiöser Gefühle

In Polen sorgt ein Bild der Gottesmutter von Tschenstochau mit einem Regenbogen als Heiligenschein für Aufregung. Am 6. Mai führte die polnische Polizei um sechs Uhr morgens eine Hausdurchsuchung bei der Psychologin und LGBTI-Aktivistin Elżbieta Podleśna in Warschau durch und nahm sie für ein fünfstündiges Verhör in der Stadt Płock fest. Sie wird beschuldigt, für eine Plakataktion um die Płocker Kirche vom 26. bis 27. April verantwortlich zu sein: Auf den Plakaten sind die Schwarze Madonna und das Christuskind von Tschenstochau mit regenbogenfarbenen Heiligenscheinen zu sehen.

Nach ihrer Entlassung hat Innenminister Joachim Brudziński eine Anklage wegen Verletzung der Gefühle von Gläubigen angekündigt. Die Schwarze Madonna von Tschenstochau gilt in Polen als nationales Symbol; jedes Jahr pilgern Millionen Polen in die südpolnische Stadt. Die ultrareligiöse Aktivistin Kaja Godek, Europaparlament-Kandidatin für das europaskeptische Parteibündnis „Konföderation KORWiN Braun Liroy Narodowcy“, organisierte am 6. Mai in Płock eine Mahnwache unter dem Motto „Stoppt Abweichungen“. In Warschau bekundeten dagegen am 7. Mai hunderte Menschen ihre Solidarität mit Podleśna unter dem Motto „Der Regenbogen ist keine Beleidigung!“.

Die Aktion in Płock war eine Reaktion auf eine liturgische Tradition in der Karwoche, bei der in katholischen Kirchen Sündenbegriffe um das Kreuz Christi aufgestellt werden. In manchen Kirchen, so auch in Płock, waren neben Begriffen wie „Agression“, „Lüge“ und „Hass“ auch „LGBT“ und „Gender“ zu lesen. Zuvor hatte der Priester zwei Aktivisten daran gehindert, eine Regenbogenflagge unter das Kreuz zu legen.

Der Sprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Paweł Rytel-Andrianik, beklagte, dass in der Nacht vom 6. auf 7. Mai am Kloster der Gottesmutter der Barmherzigkeit in Warschau, in dem die 1992 heiliggesprochenen Faustyna Kowalska lebte, Plakate wie in Płock angebracht worden seien. „Das ist ein weiterer Akt der Profanierung nach den Ereignissen in Płock vor knapp zwei Wochen. Im Zusammenhang mit diesen schmerzhaften Ereignissen beten wir darum, die Entweihung von Gott und der Gottesmutter wiedergutzumachen“, so Paweł Rytel-Andrianik.

Zu Wort gemeldet hat sich auch Zbigniew Nosowski, Redakteur der katholischen Zeitschrift Więź (Bund) mit einem Beitrag unter dem Titel „Nicht in meinem Namen“. Mit Bezug auf den Eindruck, der Staat habe in diesem Fall im Namen verletzter Gläubiger gehandelt, zitiert Nosowski Punkt 76 der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“: „Doch setzt [die Kirche] ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist, oder wenn veränderte Lebensverhältnisse eine andere Regelung fordern.“ Für Polen im Mai 2019 bedeute dies, dass die katholische Kirche jeden Eindruck, sie setzte staatliche Zwangsmaßnahmen für ihre Interessen ein, vermeiden müsse. Seiner Meinung nach sei die Darstellung des Heiligenscheins in Regenbogenfarben keine Beleidigung, und wenn es für jemanden eine sei, so müssten die polnischen Priester den Gläubigen dennoch erklären, dass die Kirche keine staatliche Zwangsanwendung um sechs Uhr morgens im Namen der Verteidigung eines Glaubenssymbols wünsche. Dem Vorsitzenden der Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) Jarosław Kaczyński, und Innenminister Joachim Brudziński gehe es mit Sicherheit eher um Wählerstimmen als um die Mehrung des geistigen Guten.

Der Fall der Gottesmutter mit Regenbogen heizt eine Debatte an, die seit der LGBT-Erklärung von Warschaus Bürgermeister Rafał Trzaskowski im Februar 2019 in Polen hitzig geführt wird. Die Regierungspartei PiS hat den Kampf gegen LGBTI-Rechte zu einem der wichtigsten Wahlkampfthemen für die Parlamentswahlen im Herbst 2019 gemacht.