Polen: Kirche in Polen will Hilfsfonds für Missbrauchsopfer einrichten

Die katholische Kirche in Polen arbeitet an der Einrichtung eines Hilfsfonds für die finanzielle Unterstützung von Opfern sexueller Übergriffe durch Kleriker. „Der Fonds kommt so schnell wie möglich“, sagte der Primas von Polen, Gnesens Erzbischof Wojciech Polak, im Interview für die aktuelle August-Ausgabe der Herder Korrespondenz. Schon jetzt würden die Diözesen Opfern mit Zahlungen für Anwaltskosten oder psychologische Behandlung helfen. Entschädigungen aber „zahlen in Polen grundsätzlich die einzelnen Täter“, so der Erzbischof. Dies könnte sich mit der Einrichtung des Hilfsfonds ändern.

Insgesamt sei sich die Bischofskonferenz einig, „dass wir unser Vorgehen im Umgang mit sexuellem Missbrauch noch einmal vertiefen und systematisieren werden“, sagte Polak. Dazu zählten kirchenrechtliche Schritte, eine „erneute Sensibilisierung der Priester und auch der Gläubigen“ sowie eine weitere, „ausführlichere Untersuchung“ der Situation. „Keine Frage, wir haben noch viel zu tun. Wir müssen mutiger werden, wir müssen aufmerksamer werden“, so der Primas.

Im März hatte die Polnische Bischofskonferenz erstmals detaillierte Angaben zum Ausmaß der sexualisierten Gewalt von Geistlichen gegen Kinder und Jugendliche gemacht. Mutmaßlich 382 Priester und Ordensmänner missbrauchten laut kirchlichen Akten, die von Januar 1990 bis Juni 2018 angelegt wurden, Minderjährige. Die Akten umfassen demnach Anzeigen zu Fällen, die bis ins Jahr 1950 zurückreichen. Von den 625 Opfern seien 345 unter 15 Jahre alt gewesen.

Polak beteuerte, er sei in den Jahrzehnten seiner Zeit als Priester niemals mit dem Problem von Missbrauch innerhalb der polnischen Kirche konfrontiert worden. „Als Seelsorger, auch als Beichtvater, habe ich davon nie etwas gehört“, so der Gnesener Erzbischof.

Im Interview wies Polak zurück, den Zölibat als Hauptursache für das Problem zu sehen. Vielmehr gehe es um einen „Mangel an psychosexueller Reife“ bei den Tätern. „Nicht der Zölibat an sich ist das Problem, sondern der Mangel an Reife, die für den Zölibat notwendig ist“, so der Erzbischof: „Hier müssen wir gegensteuern: in der Priesterausbildung, aber auch danach, im pastoralen Dienst, das ganze Berufsleben lang.“ Auch einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch verneinte der Erzbischof. Er kenne keine ernstzunehmende Studie, die dafür spreche.

Mitte Mai hatte der Dokumentarfilm „Nur sag es niemandem“ („Tylko nie mow nikomu“) des Investigativ-Journalisten Tomasz Sekielski die Debatte um sexuelle Gewalt durch Priester in Polen angeheizt. Er zeigt unter anderem mit versteckter Kamera aufgenommene Begegnungen von Opfern pädophiler Priester mit ihren einstigen Peinigern.

Er habe sich den Film unmittelbar nach dessen Veröffentlichung angesehen und „großen Schmerz und Scham gespürt“, berichtete Erzbischof Polak in der Herder Korrespondenz: „All diese Menschen, die unter Priestern gelitten haben, auf ganz unterschiedliche Weise, in unterschiedlichen Situationen – es ist eine Schande. Vor allem wird in dem Film deutlich, dass die Opfer ja nicht nur gelitten haben, als sie noch Kinder oder Jugendliche waren – sie leiden als Erwachsene noch immer unter dem, was man ihnen angetan hat.“

Nach Einschätzung von Polak kann die Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche auch einen Mentalitätswandel beim Umgang mit diesem Thema im ganzen Land anstoßen. „Wenn es stimmt, dass Missbrauch nicht nur ein Problem der Kirche ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, und wenn nun so viele Menschen in den Kirchen solche Schilderungen hören, werden dadurch vielleicht auch diejenigen ermutigt, sich jemandem anzuvertrauen, die Ähnliches in anderen Kontexten erlebt haben, im Sportverein, in den Familien, wo auch immer“, sagte der Gnesener Erzbischof.

Er wisse, dass er damit als Bischof sozusagen „vermintes Terrain“ betrete, fügte Polak hinzu. Denn: „Wenn man als Bischof auf außerkirchlichen Missbrauch hinweist, heißt es sofort: Die Kirche lenkt von sich ab. Keine Sorge, wir lenken sicher nicht ab: Dieses Thema betrifft uns, in aller Brutalität! Aber wir müssen trotzdem darüber nachdenken, ob die Aufarbeitung der Kirche auch außerhalb der Kirche Folgen haben kann, ob sie unterstützend wirkt für die Aufarbeitung in anderen Kontexten.“ (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)