Polen: Krakauer Erzbischof warnt vor „Regenbogen-Seuche“

In seiner Predigt zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands von 1944 hat Erzbischof Marek Jędraszewski von Krakau die damals drohende „rote Seuche“ mit einer in der Gegenwart drohenden „Regenbogen-Seuche“ verglichen und damit heftige gesellschaftliche wie innerkirchliche Proteste ausgelöst. Unterstützung erhielt er vom Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz sowie von den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Nachbarländer.

Erzbischof Jędraszewski hatte in seiner Predigt am 1. August zum Beginn des Warschauer Aufstands gesagt: „Die rote Seuche geht glücklicherweise nicht mehr über unser Land. Aber das heißt nicht, dass es nicht eine neue Seuche gäbe, die unsere Seelen, Herzen und unser Denken beherrschen will. Nicht die marxistische, bolschewistische Seuche, aber eine aus dem gleichen Geist geborene neomarxistische Seuche – nicht in Rot, sondern in den Farben des Regenbogens.“ Der Ausdruck „Die rote Seuche“ ist der Titel eines Gedichts des polnischen Dichters Józef Szczepański (30.8.1922 – 10.8.1944), der beim Warschauer Aufstand getötet wurde.

In der liberalen katholischen Zeitschrift Tygodnik Powszechny kritisierte Piotr Sikora die Aussagen von Erzbischof Jędraszewski scharf: „Solche Aufrufe verhallen nicht ungestraft. Ihnen kann eine weitere Zunahme der gegenseitigen Feindseligkeit folgen: einerseits gegen LGBT-Personen, aber auch, gemäß dem Gesetz des Echos, gegen den Klerus und alle Katholiken.“ Der Dominikaner Paweł Gużyński forderte Erzbischof Jędraszewski auf Facebook zum Rücktritt und seine Leser zu einem „katholischen Briefmarathon“ auf, mit dem der Erzbischof zu einer Entschuldigung und zur Demission bewogen werden solle. Sein Orden bezeichnete dies umgehend als private Initiative Gużyńskis und schickte ihn für drei Wochen in ein Kontemplationskloster, um Buße zu tun und „eine für geistliche Personen angemessene Ausdrucksweise in Fragen des Glaubens und der Moral oder in ideellen Streitfragen zu finden“.

Weiteres Öl ins Feuer goss ein Teilnehmer des Mister Gay Poland-Wettbewerbs am 10. August in Poznań, der als Drag-Queen auf der Bühne einer Puppe mit dem Konterfei von Erzbischof Jędraszewski die Kehle durchschnitt. Als die Lokalmedien darüber berichteten, entschuldigten sich die Organisatoren für den Auftritt. Auch die Drag Queen selbst entschuldigte sich später in ihrem Facebook-Profil: „Die Emotionen, die mich nach der Aussage von Erzbischof Jędraszewski hinrissen, habe ich in einer Weise dargestellt, die ich bereue. Die in der Performance verwendete Puppe war keine Metapher für die Person des Erzbischofs, sondern der Aussagen, die er in der letzten Zeit gemacht hat. Nichtsdestotrotz verstehe ich, dass die Gestalt meines Auftritts die Grenzen der Ausdrucksfreiheit überschritt.“

Der Sprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Paweł Rytel-Andrianik, verurteilte den Vorfall und erinnerte daran, dass Aufrufe zu Hass und Gewaltakten gegenüber einen Menschen, unbesehen seiner Position in der Gesellschaft, nicht zu den Regeln der europäischen Zivilisation gehörten. Dabei verglich er den Fall, der die Würde des Menschen verletze, mit dem Karfreitagsbrauch der Verbrennung einer Judas-Puppe, die im April 2019 im polnischen Dorf Pruchnik wiederaufgenommen und vom World Jewish Congress kritisiert worden war. Die Bischofskonferenz hatte diesen Vorfall und die Verachtung des jüdischen Volks ebenfalls verurteilt.

In Reaktion auf die öffentliche Debatte veröffentlichte auch der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki von Poznań, eine „Erklärung bezüglich LGBT+“. Darin führt er die gesellschaftliche Auseinandersetzung auf die zunehmende Zahl an „Gleichstellungsmärschen“, aber auch auf die Einführung neuer, der „LGBT-Ideologie“ entsprechenden Zugänge zum Sexualkundeunterricht in Schulprogrammen einiger Gemeinden zurück. Mit Berufung auf Papst Franziskus betonte er, dass die Achtung konkreter Personen nicht zur Akzeptanz einer Ideologie führen könne, „die sich zum Ziel setzt, eine Revolution im Bereich der gesellschaftlichen Sitten und zwischenmenschlichen Beziehungen durchzuführen“ – und dies unter dem vermeintlichen „Banner der Freiheit“. Daher appelliere er an Gemeinderegierungen, keine Entscheidungen zu treffen, die unter dem Deckmantel der Nichtdiskriminierung den natürlichen Unterschied und die Komplementarität der Geschlechter aufheben, und an die Parlamentarier, keine „Homosexuellen-Ehe“ oder die Möglichkeit der Adoption von Kindern durch Homosexuelle in das polnische Recht einzuführen. Die Kritikwelle gegenüber dem Krakauer Erzbischof zeuge erneut vom weltanschaulichen Totalitarismus gewisser Kreise. Das Prinzip der Nichtdiskriminierung müsse auch gegenüber den Gegnern der LGBT-Ideologie gelten. Dieser Erklärung schlossen sich auch der tschechische Primas, Erzbischof von Prag Kardinal Dominik Duka, der Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislav Zvolenský, und Bischof András Veres von Győr, Vorsitzender der ungarischen Bischofskonferenz, mit öffentlichen Briefen an.

Am 18. August veröffentlichte die Polnische Bischofskonferenz außerdem den Text einer Predigt von Erzbischof Gądecki im Sportstadion anlässlich des 100-jährigen Bestehens der katholischen Kirchgemeinde in Chojna zum Thema „Ausdauer“, die im Zusammenhang mit der aktuellen Auseinandersetzung stehen dürfte. Mit Bezug auf den Propheten Jeremia (und den 1984 vom polnischen Staatssicherheitsdienst ermordeten katholischen Priester Jerzy Popiełuszko), sagte Gądecki: „Heute werden Propheten ebenfalls mit Dreck beworfen, wenn sie es nur wagen die Wahrheit auszusprechen, die zu Bekehrung und Wandel verpflichtet, sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Leben.“

Der Vorsitzende der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jarosław Kaczyński, dankte Erzbischof Jędraszewski am gleichen Tag bei einem Familienpicknick dafür, dass dieser das sehr wichtige Problem für Polen klar und deutlich angesprochen habe, das die polnischen Familien, Schulen und überhaupt die polnische Kultur und die Kirche bedrohe. Der Kampf gegen die LGBT-Bewegung spielt im Wahlkampf der PiS eine zentrale Rolle.

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