Kroatien: Ivan Golub verstorben

Im Alter von 88 Jahren ist am 25. Oktober in Zagreb der Theologe und Dichter Ivan Golub verstorben. Mit ihm verliert die Theologie in Kroatien und darüber hinaus einen ihrer profiliertesten und originellsten Vertreter. Golub stammte aus einer kinderreichen Familie aus der Podravina, einer Region im Norden Kroatiens. Nach dem Theologiestudium in Zagreb wurde er 1957 zum Priester geweiht. Ab 1961 studierte er in Rom, wo er nicht nur in Dogmatik promovierte, sondern auch ein Lizenziat in biblischer Theologie erwarb. Nach seiner Rückkehr wurde er Dozent und später Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät in Zagreb, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 tätig war.

Bereits in seiner römischen Dissertation hat sich Golub mit Juraj Križanić beschäftigt, dem kroatischen Priester aus dem 17. Jahrhundert, der einer der Vorläufer und Wegbereiter des Panslawismus war. Ihm sollte Golub einen guten Teil seines wissenschaftlichen Werks widmen; er wurde zum weltweit führenden Križanić-Spezialisten. Golub gehörte auch zu den Wegbereitern der Ökumenischen Theologie in Kroatien. Lange Jahre stand er dem „Institut für Ökumenische Theologie und Dialog“ der Zagreber Fakultät vor. Diese Bezeichnung ist kein Zufall: Der „Dialog“ als Spezifikum des Menschen und als besondere Charakterisierung der menschlichen Gottesbeziehung stand ebenso wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen im Mittelpunkt seines theologischen Schaffens. Der Titel der zu seinem 60. Geburtstag herausgegebenen Festschrift „Homo Imago et Amicus Dei“ verdeutlicht diese Perspektive treffend.

Golub hat aber auch erheblich zur Positionierung der kroatischen katholischen Theologie beigetragen, insbesondere in den schwierigen Umständen des damaligen sozialistischen Jugoslawien, als die theologische Fakultät von der Universität ausgeschlossen war. Zwischen 1969 und 1972, in politisch schwieriger Zeit, war er Rektor des Zagreber Priesterseminars, dem er immer verbunden blieb. Er stand auch in engem Kontakt mit den führenden Theologen der Theologenvereinigung „Kršćanska Sadašnjost“ (Christliche Gegenwart), die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Beschlüsse und den Geist des II. Vatikanischen Konzils in der katholischen Kirche Kroatiens zu verbreiten.

Neben seiner theologischen Tätigkeit erlangte Golub ebenfalls Berühmtheit als Dichter. Er publizierte eine Reihe von Gedichtsammlungen, die er im kajkavischen Dialekt seiner Heimat sowie in hochkroatischer, lateinischer und italienischer Sprache verfasste. Er war Mitglied des P.E.N.-Zentrums, des Schriftstellerverbandes und zahlreicher anderer Vereinigungen. Manche seiner Gedichte und kurzen Poeme gehörten zur Schullektüre in Kroatien; viele wurden in zahlreiche andere Sprachen übersetzt. Seine literarischen Werke sind durchdrungen von der engen Bindung an seine nordkroatische Heimat und von seinem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Viele von ihnen nehmen auch religiöse Motive auf.

Golub wurden zahlreiche Ehrungen zuteil. Er war Mitglied mehrerer Akademien, erhielt kirchliche, kulturelle und staatliche Auszeichnungen. Als Gastdozent hat er an vielen Universitäten und Einrichtungen weltweit unterrichtet, und 1981 trug er als erster katholischer Priester an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Leningrad vor.

Mit Ivan Golub ist einer der letzten bedeutenden kroatischen Theologen von uns gegangen, der dazu beigetragen hat, die katholische Kirche des Landes und vor allem ihre Theologie in den schwierigen Jahrzehnten des Kommunismus und durch den Krieg der 1990er Jahre zu gestalten. Ihm und seiner Generation ist es vor allem zu verdanken, dass sie trotz aller objektiven Schwierigkeiten nicht isoliert blieb, sondern immer den Anschluss an internationale Entwicklungen gehalten hat. Golub, ein persönlich bescheidener und geradezu unauffälliger Mann, geprägt von der Liebe zu seiner Heimat und zu seiner Kirche, vor allem aber zu seinen Mitmenschen, wird einen Platz in der Geschichte der kroatischen Theologie haben. R.i.p.

Thomas Bremer, Professor für Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität.

Drucken