Zum Hauptinhalt springen

Der ÖRK und Russlands Krieg: Komplizenschaft durch vorsätzliche Blindheit

02. Juli 2025

Cyril Hovorun

Dieser Beitrag geht auf den Krieg in der Ukraine aus einer Innenperspektive ein. Selbst diejenigen, die Empathie und Solidarität mit den Ukrainern zeigen, betrachten den Krieg jedoch von außen. Der Unterschied zwischen den beiden Perspektiven lässt sich mit der Maslowschen Bedürfnispyramide illustrieren: Die Menschen stehen zu Friedens- und Kriegszeiten auf verschiedenen Hierarchiestufen, was ihre bevorzugten Bedürfnisse angeht. Manchmal scheint es sogar, die Pyramide stehe zu Friedenszeiten auf dem Kopf.

Diese unterschiedlichen Sichtweisen machen es Ukrainern und Westeuropäern oft schwer, einander zu verstehen. So ist es für mich in Deutschland oft fast unmöglich zu erklären, warum wir in der Ukraine Waffen brauchen und nicht nur Dialog. Auch viele Amerikaner wenden sich vom Krieg in der Ukraine ab, da sie mit ihrem internen Kulturkampf um Selbstverwirklichung beschäftigt sind, der zur Grundlage der amerikanische Bedürfnispyramide geworden zu sein scheint.

Sowohl aus der Innen- als auch der Außenperspektive präsentieren sich die Kriegsziele des russischen Präsidenten Vladimir Putin folgendermaßen:

  1. Die Ukrainer zu zwingen, ihre Identität und Werte aufzugeben. Für Putin sind nur diejenigen Ukrainer, die sich selbst als Russen verstehen, echte Ukrainer. Alle anderen sind Russophobe, die entweder umerzogen oder eliminiert werden müssen.
  2. Zu zeigen, dass die liberale Demokratie schwach und die Autokratie stärker ist.
  3. Zu zeigen, dass der Westen korrupt und heuchlerisch ist und Komfort und Geld mehr liebt, als das, was er als seine Werte verkündet.
  4. Schließlich will Putin die ganze Welt, und vor allem den Westen, mit ukrainischem Blut besudeln.

Zumindest aus der Innenperspektive hat Putin die meisten dieser Ziele in unterschiedlichem Ausmaß erreicht.

Zwei Arten der Komplizenschaft
Unser Überleben als Volk hängt von den politischen Entwicklungen in anderen Ländern ab. Wir hassen das, aber wir sind machtlos, das zu ändern. Wir in der Ukraine beobachten mit Entsetzen, wie in unseren westlichen Nachbarländern, von denen unser Überleben abhängt, der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch ist. Dieser Populismus bedeutet für uns das, was ich als „Schakalentum“ bezeichnen würde. Rechtspopulistische Regierungen zeigen Instinkte, die eher an das Verhalten wilder Tiere als an die Sorge um das menschliche Gemeinwohl erinnern. Sie verhalten sich manchmal wie Schakale gegenüber einer geschwächten Beute. Wenn die Beute stark ist, nähern sich die Schakale nicht; wenn sie schwach ist und blutet, versuchen die Schakale, ein Stück Fleisch herauszureißen. Einige von ihnen versuchen nun Teile des ukrainischen Transkarpatiens, der Bukowina, Galiziens und so weiter von der Ukraine abzutrennen. Andere jagen unsere seltenen Erden. Das Schakalentum scheint derzeit ein globaler Trend und ein Symptom dafür zu sein, dass Solidarität durch Sozialdarwinismus als bestimmendes Merkmal der internationalen Beziehungen ersetzt wird.

Unsere wahren Verbündeten mögen den Sozialdarwinismus verabscheuen und verurteilen, aber mir scheint, es seien manchmal nicht alle von ihnen völlig dagegen, dass einer ihrer Kollegen Gedanken äußert, die sie selbst nicht zu äußern wagen. Ich glaube, dass beispielsweise der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán nicht nur seine eigenen Ansichten und die Meinungen seiner Wähler zum Ausdruck bringt; er vermittelt auch die am tiefsten verborgenen Ängste von einigen, die ihm innerhalb der EU lautstark widersprechen.

Ein Regierungschef eines EU-Landes – Robert Fico, Ministerpräsident der Slowakei – hat kürzlich der Militärparade in Moskau beigewohnt und den dortigen russischen Truppen zugejubelt, die ukrainisches Blut vergossen haben und weiter vergießen werden. Das war ein klarer Akt der Komplizenschaft mit Putins Kriegsverbrechen. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass ukrainisches Blut an den Händen derjenigen Politiker klebt, die Putin und seine Agenda innerhalb und außerhalb der EU unterstützen. Es klebt auch schon an den Händen des US-Präsidenten. Trump mag in seiner Selbstverliebtheit glauben, Putin hege für ihn dieselben Gefühle wie er für Putin. Aber Putin hasst Amerika und will ihm so viel Schaden wie möglich zufügen, indem er dort Chaos und Unruhe sät. Er hat in Trump dafür ein perfektes Werkzeug gefunden.

Es gibt zwei Arten von Komplizenschaft: durch Beteiligung und durch Unterlassen oder Untätigkeit. Zur ersten gehören Beihilfe, Mittäterschaft (die Verantwortung einer Person, die wissentlich einem Haupttäter hilft oder ihn ermutigt) sowie Verschwörung (eine Vereinbarung zwischen zwei Parteien, eine Straftat zu begehen). Einige Länder wie Iran und Nordkorea unterstützen und begünstigen die Verbrechen von Putins Russland. Orbáns Ungarn und Ficos Slowakei nähern sich der Mittäterschaft. Was Verschwörung betrifft, so glaube ich, dass eine solche zwischen Putin und Trump existiert.

Komplizenschaft durch Unterlassung oder Untätigkeit gilt für eine größere Bandbreite von Ländern und Institutionen. Kirchen und ökumenische Plattformen haben in großem Umfang eine sog. „vorsätzliche Blindheit“ gezeigt – ein Begriff aus dem Gewohnheitsrecht, der unter die Kategorie der Komplizenschaft durch Unterlassung fällt. Eine große Mehrheit der lokalen orthodoxen Kirchen verschließt systematisch und beharrlich die Augen vor dem Krieg in der Ukraine. Sie sind schnell bereit, ihre Empörung zum Ausdruck zu bringen, wenn das Eigentum eines Klosters bedroht ist oder ein Fanatiker eine Kirche in die Luft sprengt, aber sie versäumen es in der Regel, die täglichen Verluste an Menschenleben und die Zerstörung von Kirchen in der Ukraine anzuerkennen. Und das, obwohl selbst russische Regierungsvertreter zugeben, dass der Krieg, den sie führen, zwischen zwei orthodoxen Ländern stattfindet. So äußerte sich beispielsweise der russische Außenminister Lavrov in einem Kommentar, als er das Angebot des Hl. Stuhls ablehnte, russisch-ukrainische Friedensverhandlungen auszurichten.

Vorsätzliche Blindheit des Ökumenischen Rats der Kirchen
Besonders enttäuschend ist der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der Gerechtigkeit als einen seiner zentralen Werten beansprucht. In Bezug auf den Krieg in der Ukraine verrät er diesen Wert jedoch systematisch. Erst zwei Jahre nach Beginn der russischen Großinvasion – zehn Jahre nach Beginn des Kriegs 2014 – nannte diese Organisation den Aggressor beim Namen. Zuvor stellte der ÖRK Russland und die Ukraine in seinen Erklärungen auf eine Stufe – ganz im Stil von Trump. Damit zeigte er die eingangs erwähnte „vorsätzliche Blindheit“. Bei seiner jüngsten Tagung in Südafrika hat der ÖRK-Zentralausschuss in seiner „Erklärung zu Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit für die Menschen: Eine Kairos-Moment für gerechten Frieden“ einerseits anerkannt, dass die „fast täglichen, verstärkten russischen Raketenangriffe auf zivile Gemeinschaften und Infrastruktur […] die Verfehlungen der russischen Behörden bei ihrer anhaltenden Invasion und ihrem Krieg gegen das ukrainische Volk noch verschlimmern“. Die Erklärung betont auch die Notwendigkeit eines „gerechten Friedens, der den Aggressor nicht für seine Verbrechen belohnt“. Dies sind hilfreiche Äußerungen. Andererseits gibt der ÖRK weiterhin den Topoi der russischen Propaganda nach, wann immer dies möglich ist. So nimmt dieselbe Erklärung „mit Besorgnis Berichte über Angriffe auf Personenzüge in den Regionen Brjansk und Kursk in Russland Ende Mai und Anfang Juni 2025 zur Kenntnis, die der Ukraine zugeschrieben werden“. Als ob die ukrainische Seite russische Zivilisten auf die gleiche Weise töten würde wie die Russen ukrainische Zivilisten. Das ist jedoch eine Verzerrung der Realität: Die Brücken in Brjansk und Kursk wurden zum Transport von Munition und Nachschub für die russische Armee genutzt. Die Brücke in der Region von Brjansk, die gerade renoviert wurde, stürzte ein, bevor ein mit Zivilisten besetzter Zug in die Trümmer raste und Opfer forderte. Dies geschah aufgrund der Fahrlässigkeit der russischen Behörden, die den Verkehr nicht stoppten und das Zugpersonal nicht warnten. Nichtsdestotrotz wies der ÖRK im Einklang mit der russischen Propaganda und ohne Zögern alle Verantwortung der Ukraine zu und setzte so die angeblichen ukrainischen „Verbrechen“ mit den russischen gleich.

Der Zentralausschuss rief die israelische Regierung auf, die „Angriffe und ihre Verstöße gegen das Völkerrecht im Iran, in Gaza und in den besetzten palästinensischen Gebieten einzustellen“. Gleichzeitig richtet er keine entsprechenden Aufforderungen an die russische Regierung oder die Russische Orthodoxe Kirche, die Moskaus Aggression gegen die Ukraine uneingeschränkt unterstützt. Zudem erwähnte die Erklärung die von der Hamas verübten Gräueltaten nicht.

Der Zentralausschuss veröffentlichte zudem eine spezielle „Erklärung zur Verhütung von Gräueltaten“. Es handelt sich um ein wichtiges Dokument, in dem Gräueltaten und Genozide, einschließlich an den Armeniern, syrischen Christen (Sayfo) und Pontus-Griechen, anerkannt werden. Die Reihe der erwähnten Gräueltaten reicht vom Völkermord an den Herero und Nama 1904–1908 bis zum aktuellen Krieg Israels in Gaza. Die genozidalen Handlungen der Russen gegen Ukrainer werden jedoch mit keinem Wort erwähnt. Das Dokument des Zentralausschusses wirft dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) „eine relative Seltenheit von Verfahren gegen Anführer aus dem Globalen Norden im Vergleich zu denen aus dem Globalen Süden“ vor. Gleichzeitig zeigt der ÖRK die gleiche oder sogar noch schlimmere Voreingenommenheit, indem er sich weigert, das Verbrechen anzuerkennen, aufgrund dessen Vladimir Putin vom IStGH verfolgt wird – die Entführung ukrainischer Kinder.

Tausende von ihnen wurden gewaltsam nach Russland verschleppt, von denen ca. 20.000 Fälle bestätigt wurden. Die russischen Behörden behaupten, dass seit Beginn der Großinvasion 700.000 ukrainische Kinder nach Russland umgesiedelt wurden. Viele dieser Kinder wurden in speziellen Lagern untergebracht, von denen einige von einer Delegation des ÖRK und des ACT (Action by Churches Together) im Mai 2022 besucht wurden. Die Russische Orthodoxe Kirche nutzte diese Delegation aus, um die nicht-einvernehmliche Umsiedlung und Umerziehung von ukrainischen Kindern zu rechtfertigen. Die ÖRK-ACT-Delegation hatte dies vermutet und sogar darum gebeten, die Lager zu besuchen, die nicht im russischen Programm enthalten waren und in denen ukrainische Kriegsgefangene festgehalten wurden. Die russische Seite lehnte ihre Bitte ab, doch die WCC-ACT-Delegation entschied sich, das russische Programm ohne Abweichungen zu befolgen Der Besuch sollte in erster Linie die Partnerschaft mit der Russischen Orthodoxen Kirche bekräftigen. Aus ukrainischer Perspektive stellt dies nichts anderes als eine Komplizenschaft dar – eine rechtliche Verantwortung von jemandem, der wissentlich einem Haupttäter hilft oder ihn ermutigt. Ich hoffe, dass die Verantwortung vom IStGH und dem jüngst eingerichteten Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine untersucht wird.

Kampf für Freiheit und Würde
Ich bin den Kirchen und ökumenischen Plattformen dankbar, die sich lautstark gegen die russischen Verbrechen aussprechen und diejenigen herausfordern, die „vorsätzliche Blindheit“ an den Tag legen, darunter auch den ÖRK. Dies ist eine gute Gelegenheit, dem Nationalen Rat der Kirchen in Dänemark und persönlich seinem Generalsekretär Emil Hilton Saggau meinen tief empfundenen Dank für ihr unermüdliches Engagement für die Ukraine auszusprechen. Ich danke Emil und dem Rat wirklich von ganzem Herzen. Seit der beschämenden Episode zwischen Trump und Zelenskyj im Oval Office danken wir immer unseren Partnern. Wenn man jedoch die Wahl hat, zu danken oder zu sterben, ist Dankbarkeit nicht sehr aufrichtig. In diesem Fall bin ich jedoch vollkommen aufrichtig.

Putin hat alle seine Ziele mehr oder weniger erreicht – bis auf eines: die Ukrainer zur Kapitulation zu zwingen und aufzugeben, was uns wirklich wichtig ist. Es geht nicht nur um unsere Identität, obwohl diese natürlich von Bedeutung ist. Es geht auch um Freiheit und Würde, die Putin nicht nur uns, sondern der ganzen Welt nehmen will. Wir beobachten, wie Länder, die einst als Bastionen der Freiheit und Würde galten, diese Werte preisgeben. Auch sie wollen, dass wir unseren Kampf für diese Werte aufgeben. Wenn beispielsweise Trump uns dazu auffordert, das Kämpfen zu beenden, dann deshalb, weil wir für etwas eintreten, was ihm zuwider ist.

Wir werden weiterkämpfen, koste es, was es wolle, auch wenn andere aufgeben. Wir glauben, dass dies der einzige Weg ist, um zu verhindern, dass die Welt in Chaos und Autoritarismus versinkt.

Cyril Hovorun, Professor für Ekklesiologie, internationale Beziehungen und Ökumene am Sankt Ignatios College des University College Stockholm und Direktor des Huffington Ecumenical Institute an der Loyola Marymount University in Los Angeles.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger, Stefan Kube.

Bild: Die Maslowsche Bedürfnispyramide (Foto: Wikimedia Commons).