Russland: Moskauer Patriarchat publiziert Hilfsmittel für Umgang mit Kriegsveteranen
Die „Humanitäre Mission“ des Moskauer Patriarchats hat ein Buch veröffentlicht, das Geistliche und kirchliche Mitarbeiter bei der Begleitung von Kriegsveteranen und deren Familien unterstützen soll. Das am 16. Juni präsentierte Buch „Rückkehr. Geistliche und praktische Aspekte der Unterstützung von Teilnehmenden an der militärischen Spezialoperation und ihrer Familien. Hilfsmittel für Geistliche der Russischen Orthodoxen Kirche“ wurde von Diakon Igor Kulikov, dem Direktor der „Humanitären Mission“ auf der Basis verschiedener Materialien und im Austausch mit Geistlichen verfasst, die Kriegsveteranen und deren Familien betreuen.
Kulikov betont in der Einführung die außergewöhnliche Lage der gegenwärtigen Kriegsrückkehrer, die sich von denjenigen des Afghanistan- und der Tschetschenienkriegen unterscheide: „Andere historische Bedingungen, die Intensität, die Dauer und Methoden der Kriegsführung führen zu einem neuen, höheren Grad der – unter anderem psychologischen – Traumatisierung und zu anderen Folgen für den Menschen.“ Von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) seien etwa 15 Prozent betroffen, in der Mehrheit der Fälle gehe es jedoch um „einzelne Symptome posttraumatischer Reaktionen“. Kulikov nennt die offizielle Zahl von bisher 1,1 Mio. Kriegsteilnehmern, was 0,7 Prozent der Bevölkerung entspreche. Ihm zufolge leben in jedem Ort mit mehr als 500 Einwohnern 3-4 betroffene Familien, die geistliche Begleitung benötigten, „um Missverständnisse, Kränkungen und Konflikte zu vermeiden“.
Fragen zum Umgang mit Soldaten vor der Mobilisierung und an der Front selbst sowie Fragen zum christlichen Verhältnis zur Teilnahme an Kriegshandlungen adressiert das Buch explizit nicht. Hinzu kommt eine Bemerkung, dass es zwar um Teilnehmende der Spezialoperation in der Ukraine gehe, dennoch ab und zu das Wort „Krieg“ verwendet werde, „jedoch nicht in seiner formal-juristischen Bedeutung, sondern im breiteren Sinne als sozial-psychologische Erscheinung“ (S. 8). Die Spezialoperation als „Krieg“ zu bezeichnen, ist in Russland strafrechtlich verboten.
Das Buch enthält neun Kapitel. Das erste Kapitel „Mensch und Krieg“ spricht über die psychotraumatischen und physischen Kriegsfolgen und differenziert mehrere Kategorien von Kriegsteilnehmenden (z.B. Freiwillige oder unfreiwillig Mobilisierte, ehemalige Gefangene oder solche, die durch Kriegsdienst viel Geld verdienen wollten), auf die unterschiedlich eingegangen werden müsse. Im zweiten Kapitel „Rückkehr in das friedliche Leben“ werden Probleme der Wiederanpassung angesprochen, und wie man gefährliche Symptome und PTBS erkennen kann. Im dritten Kapitel geht es um die „Besonderheiten der geistlichen Betreuung“ für die Rückkehrer, Formen der Gesprächsführung und „schwierige Fragen der Beichte“. Das fünfte Kapitel bietet praktische Unterstützungsideen zur „Erlangung neuen Sinns im friedlichen Leben“ (Gemeindearbeit, Hilfsdienste für Bedürftige, Jugendarbeit, Wiederaufbau von Häusern im Donbas). Das sechste Kapitel widmet sich der „Hilfe für Familien“ und Kinder, auch für diejenigen, deren Väter und Brüder verschwunden oder in Kriegsgefangenschaft sind. Im sechsten Kapitel „Über den Kummer hinauswachsen“ werden allgemeine pastorale Prinzipien im Umgang mit Schock, Negation, Schmerz, Zorn, Wut und Depression angesprochen, das siebte Kapitel geht auf Besonderheiten der Seelsorge des „Geistlichen im Spital“ ein. Das achte Kapitel behandelt die „soziale und materielle Hilfe“, die von der Kirche geleistet werden kann und soll. Das neunte Kapitel nennt Stiftungen und Organisationen, die unterstützend zur Seite stehen können.
Die Kapitel sind mit Zeichnungen illustriert, die wenig mit den üblichen heroischen Kriegsdarstellungen zu tun haben – vielmehr zeigen sie etwa einen verzweifelten Soldaten im Schützengraben, der den Kopf in den Händen vergräbt, einen Familienvater am Küchentisch, der die Gedanken an die Front nicht loswird, einen Trost spendenden Priester. Zwei optimistische Bilder zeigen drei ehemalige Soldaten, darunter einen mit zentralasiatischen Gesichtszügen, vor einer Holzkirche oder einen beim Lagerfeuer mit Jugendlichen.
Anton Lisjanskij von der unabhängigen Medienplattform Sotavision empfiehlt das Buch nicht nur Geistlichen, sondern auch all jenen, die sich freiwillig vertraglich für den Kriegsdienst verpflichten, weil darin im Gegensatz zu den heroischen Versprechungen der Z-Propagandisten die realen Kriegsfolgen nicht nur zwischen den Zeilen schonungslos dargestellt würden: der Krieg zerstöre den Menschen physisch und mental. Lisjanskij zitiert: „Auf dem Schlachtfeld muss der Mensch ständig eine Wahl treffen, und zwar meistens keine Wahl zwischen Böse und Gut, sondern zwischen Schlecht und Sehr schlecht“ (S. 13). Angesprochen werde auch, dass die Soldaten oft angeben, „für unseren Glauben“ kämpfen, jedoch sehr wenig über diesen Glauben wissen. Sei kein Schuldbewusstsein und keine Bereitschaft zur Buße vorhanden, werde der Veteran den grausamen Kriegsgesetzen auch im normalen Alltag folgen. Deshalb sei der Vorschlag des Buches, die Veteranen in der Jugendarbeit einzusetzen, die „furchterregendste“. Lisjanskij lobt vor allem die nachdrückliche Empfehlung, traumatisierte Menschen an Ärzte und Psychiater zu überweisen und betroffene Familien vor Aggressionen zu schützen.
Die „Humanitäre Mission“ des Moskauer Patriarchats wurde im August 2023 mit dem Ziel gegründet, die humanitäre Hilfe der ROK auf dem Gebiet der von Russland beanspruchten Territorien der „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk sowie der Regionen Zaporozhzhja und Cherson zu koordinieren.
Regula M. Zwahlen