Ukraine: Nationalpantheon auf dem Gelände des Kyjiwer Höhlenklosters geplant
Das ukrainische Ministerkabinett hat am 1. Juli den Bau eines Nationalpantheons auf dem Gelände des Kyjiwer Höhlenklosters beschlossen. Darin sollen nach dem Vorbild des Pariser Pantheons Individuen geehrt werden, die „einen außergewöhnlichen Beitrag zum Unabhängigkeitskampf, der Staatsbildung und der Entwicklung von Armee, Wissenschaft, Kultur und anderen Bereichen öffentlichen Lebens der Ukraine geleistet“ haben.
Das Kulturministerium wird in der Resolution, die Präsident Volodymyr Zelenskyj am 28. Juni dem Parlament übergeben hat, angewiesen, einen geeigneten Ort festzulegen, wobei die Regelungen des Denkmalschutzes und andere internationale Verpflichtungen eingehalten werden sollen, Zudem soll das Kulturministerium einen Architekturwettbewerb auszuschreiben. Mit der Konzeptentwicklung wurde das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken betraut.
Das Kyjiwer Höhlenkloster zählt zu den bedeutendsten orthodoxen Stätten in der Ukraine. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni wurde das Kloster von massiven russischen Angriffen getroffen, wobei die Hauptkirche, die Maria-Entschlafens-Kathedrale in Brand geriet.
Die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK), deren langjähriger Pachtvertrag zur Nutzung der Klosteranlagen, die dem Staat gehören, 2023 nicht mehr verlängert worden war, kommentierte den Regierungsentscheid auf ihrer Website mit den Worten, dass das Höhlenkloster „seit fast tausend Jahren ein Ort des unaufhörlichen Gebets, der klösterlichen Tugenden und der letzten Ruhestätte heiliger Gottgefälliger“ gewesen sei. Deshalb habe die Entscheidung, auf ihrem Gelände eine staatliche Gedenkstätte zu errichten, eine breite öffentliche Resonanz und Debatte ausgelöst.
Insbesondere trägt der Entscheid zu verstärkten Spannungen in der diplomatischen Krise zwischen Polen und der Ukraine bei: Präsident Zelenskyj hatte im Mai eine Spezialeinheit der Armee nach der Ukrainischen Unabhängigkeitsarmee (UPA) benannt und eine Umbettung des Leichnams von Andrii Melnyk, dem Leiter der Organisation der ukrainischen Nationalisten OUN-M (1939–1964) von Luxemburg nach Kyjiw angeordnet. Die UPA ist für die Ermordung von Zehntausenden Polen in den sog. Wolhynien-Massakern von 1943 verantwortlich, während polnische Verbände in geringerem Maße Vergeltungsakte gegen ukrainische Zivilisten verübten. Der jahrelange Streit um die Erlaubnis polnischer Exhumierungsarbeiten auf ukrainischem Gebiet war im Frühling 2025 beigelegt und die Arbeiten wiederaufgenommen worden.
In der ukrainischen Gesellschaft stoßen die geplanten Ehrungen Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2014 auf weitgehende Zustimmung, für Kontroversen sorgen jedoch zum einen die Situierung des Pantheons auf dem Gelände des Kyjiwer Höhlenklosters, und zum anderen die potentielle Ehrung umstrittener, nationalistischer Figuren des ukrainischen Widerstands gegen die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg.
Am 3. Juli reiste der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha mit Vorschlägen zu „Antikrisen-Schritten“ zum polnischen Außenminister Radosław Sikorski, die vor allem die historische Aufarbeitung und die Unterstützung von religiösen Oberhäuptern beim bilateralen Dialog beinhalten. Der polnische Präsident Karol Nawrocki hatte Zelenskyj am 19. Juni aufgrund der Ehrung der UPA den polnischen Orden des Weißen Adlers entzogen, was Außenminister Sikorski als unangemessen, und Ministerpräsident Donald Tusk als strategischen Fehler bezeichneten.
Regula M. Zwahlen