Orthodoxe und Lutheraner diskutieren über Sterben, Tod und Trauer

Immer häufiger gibt es Feuerbestattungen und anonyme Bestattungen, immer öfter werden möglichst kurze Urnenbeisetzungen ohne eigentliche Trauerfeier gewünscht. Und immer mehr findet der Abschied „in aller Stille“ in kleinstem Kreise statt, angeblich auf Wunsch der Verstorbenen. Kein Zweifel: die christliche Trauerkultur ist in einem tiefgreifenden Wandel bis hin zu einem radikalen Traditionsabbruch begriffen, der sich auch auf die Sterbebegleitung auswirkt. Umso wichtiger ist es, dass sich Christen, Theologen und Seelsorger verschiedener Kirchen auf Gemeinsames besinnen und auch die Traditionen der jeweils anderen Kirchen kennen.

Unter dem Titel „‘... damit ihr nicht traurig seid‘ - Christlicher Umgang mit Sterben und Tod“ haben die EKD und die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland/OBKD dazu 2018 eine gemeinsame Handreichung veröffentlicht. Im Rahmen eines „Ökumenischen Studientags“ in Nürnberg thematisierten jüngst die Rumänische Orthodoxe Metropolie von Deutschland, Zentral und Nordeuropa und die ökumenische Vereinigung „Ex fide lux – Deutsch-Rumänisches Institut für Theologie, Wissenschaft, Kultur und Dialog e. V.“ diese Handreichung zu Sterbebegleitung und Trauerkultur. Mit Professor Dr. Klaus Raschzok von der Augustana-Hochschule Neuendettelsau und dem rumänischen orthodoxen Metropoliten Serafim äußerten sich ein Autor und einer der Herausgeber des Dokuments bei dem Treffen in der orthodoxen Kathedrale in Nürnberg, an dem über 30 Theologen, Professoren, Pfarrer und Mitarbeitende in der Sterbebegleitung aus Bayern teilnahmen.

Der rumänische orthodoxe Metropolit Serafim machte dabei deutlich: „Es gibt heute viele Mischehen. Wenn Menschen an ihr Lebensende gelangen, dann betrifft das die ganze Familie, auch in konfessionsverschiedenen Ehen. Auch der Umgang mit dem Tod und die Trauer danach berühren die ganze Familie unabhängig von der kirchlichen Zugehörigkeit.“ Die theologische Sicht der Orthodoxie fasste der Metropolit mit den Worten zusammen: „Durch die Loslösung der Seele vom Leib wird das Leben des Menschen nicht ausgelöscht und seine Existenz endet nicht, sondern geht auf einer anderen Ebene weiter, die nicht unserer Erfahrung unterworfen ist. Der Glaube an Jesus Christus hebt den physischen Tod nicht auf, sondern verwandelt diesen in eine Passage zum ewigen Leben.“

Das Oberhaupt der rumänischen orthodoxen Christen in Deutschland und Österreich berichtete von den Sterbe- und Trauerriten seiner Kirche. So ist in Rumänien bis heute die zweitägige Totenwache üblich. Eine wichtige Rolle spielen in der Orthodoxie außerdem die Gebete für Verstorbene und das Totengedächtnis, das in liturgischer Form gefeiert wird. „Dieses Gedächtnis ist mit mildtätigem Handeln verbunden“, so der Metropolit.

Der evangelische Theologe Klaus Raschzok stellte Entstehung, Ziele und Inhalte der Handreichung vor, die er selbst mit verfasst hat: „Die gemeinsame Arbeit daran hat eine erstaunliche theologische Nähe zwischen unseren Kirchen bei diesem Thema gezeigt. Dieses Dokument ist ein Beitrag zum Dialog der Liebe in Ergänzung zum Dialog der Wahrheit über Lehrfragen.“ Die Notwendigkeit der Handreichung steht für Raschzok außer Zweifel: „In Deutschland leben Millionen Orthodoxe. Das ist auch eine praktische Herausforderung für die Seelsorge an konfessionell gemischten Familien. Das Dokument beschreibt die Praxis in beiden Kirchen und bietet wichtige Texte von Gebeten und Chorälen bis zu liturgischen Texten. Die Handreichung plädiert für Kooperation und interkulturelle Kompetenz und achtet gleichzeitig die Eigenart des Partners.“

Der Entstehungsprozess der Handreichung führte nach Raschzok zu wichtigen theologischen Erkenntnissen auf beiden Seiten. „Das rituelle und liturgische Handeln wurde auch von evangelischer Seiter neu als spiritueller Dienst und Weg der Sterbe- und Trauerbegleitung erkannt und ausdrücklich auch das Gebet für Verstorbene wiederentdeckt.“ Auch schwierige Fragen wie den Umgang mit Suizid, Hirntod und Organspenden würden in dem Papier aufgegriffen.

Auch die Orthodoxie sieht sich einer sich wandelnden Traditionen gegenüber. So kam auch die Feuerbestattung zur Sprache. „Wir Orthodoxe achten den Leib als Schöpfung Gottes auch über den Tod hinaus. Deshalb können wir der Feuerbestattung nicht grundsätzlich zustimmen“, hielt Metropolit Serafim fest. Seine Kirche entwickle derzeit Formen, um auch diese Frage pastoral und theologisch verantwortlich zu lösen. Neben den beiden instruktiven Vorträgen aus evangelischer und orthodoxer Sicht wurde in der von Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, dem Herausgeber der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek, moderierten Veranstaltung auch ausgiebig diskutiert.

Der Vorsitzende der 2016 ins Leben gerufenen ökumenischen Vereinigung „Ex fidel lux“, Hermann Schoenauer, würdigte die Handreichung mit den Worten: „In unserer Zeit und Gesellschaft, in der evangelische, katholische und orthodoxe Christen zusammenleben und auch in karitativen Einrichtungen gemeinsam wohnen oder arbeiten, ist gemeinsames seelsorgerliches Handeln angezeigt.  Die Handreichung richtet sich an Sterbende und ihre Angehörigen sowie an all diejenigen, die diese begleiten. Die Handreichung ist darüber hinaus eine Ermutigung zu wachsender Gemeinschaft von Christen verschiedener Konfessionen, ein gutes und wichtiges ökumenisches Zeichen.“

Jürgen Henkel

Die Handreichung ist bei der EKD erhältlich: Evangelische Kirche in Deutschland, Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover; Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel. 0800/50 40 602.

Außerdem ist sie neben orthodoxen und evangelischen Beiträgen zum Thema vollständig auf Deutsch und Rumänisch veröffentlicht in dem Buch: Mathias Hartmann/Vasile Stanciu (Hg.), Das Leben als Geschenk Gottes –Christliche Verantwortung im Angesicht des Todes (zweisprachig), Schiller Verlag Bonn/Hermannstadt 2018, ISBN 978-3-946954-38-5 (=Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek, Bd. 9, 16,20 €

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