Treffen der „Pro Oriente“-Kommission für orthodox-katholischen Dialog

Als überaus produktiv hat sich das 2. Treffen des „Pro Oriente Steering Commitee for Orthodox-Catholic Dialogue“ („Pro Oriente“-Kommission für orthodox-katholischen Dialog) Anfang November in Wien erwiesen. „Pro Oriente“-Generalsekretär Bernd Mussinghoff stellte fest, dass die Kommissionssitzung von einer „hervorragenden Atmosphäre respektvoller Zusammenarbeit und des Aufeinander Hörens gekennzeichnet“ war: „So kann der inoffizielle ökumenische Dialog Schritt für Schritt weiterkommen, wie es der Tradition von ‚Pro Oriente‘ entspricht“. Die Arbeitsgruppe „Heilung der Erinnerung“, die sich mit den besonders heiklen Themen der Aufarbeitung der historischen Belastungen des Verhältnisses von Orthodoxen und Katholiken auseinandersetzt, wird ab 2021 in drei Jahresschritten die spezifischen Situationen im Nahen Osten, auf dem Balkan und in Osteuropa behandeln. Die Arbeitsgruppe „Vernetzung der verschiedenen Dialoginitiativen“ setzt auf das Internet. Geplant ist der Aufbau einer Datenbank, die in vier „westlichen“ und in vier „östlichen“ Sprachen alle wichtigen Dialogpapiere des Fortschritts der ökumenischen Annäherung von Katholiken und Orthodoxen in Europa, im Nahen Osten und den Amerikas dokumentieren soll (einschließlich des entsprechenden Bildmaterials). Die besondere Funktion des Kirchenrechts spielte in den Überlegungen der Arbeitsgruppe „Rezeption und Inspiration“ eine große Rolle, die neue Formate für die Vermittlung der erreichten Dialogergebnisse in die kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit entwickeln wird.

Das 3. Treffen der „Pro Oriente“-Kommission für orthodox-katholischen Dialog wird im November 2020 in Wien stattfinden. In der Zwischenzeit werden die an der Kommission beteiligten Theologinnen und Theologen sich intensiv um Verwirklichung der Vorhaben der drei Arbeitsgruppen bemühen. Beim aktuellen Treffen herrschte Übereinstimmung, dass es gut wäre, wenn die ersten Ergebnisse dieses neuen inoffiziellen Dialogs in die Feierlichkeiten zum 1.700-Jubiläum des Konzils von Nizäa (heute auf türkisch: Iznik) einfließen. Das Konzil von Nizäa war im Jahr 325 von Kaiser Konstantin dem Großen einberufen worden.

Das Treffen in Wien begann mit einem Bericht von der offiziellen internationalen gemeinsamen orthodox-katholischen Dialog-Kommission. In diesem Bericht wurde deutlich, dass in Zeiten angespannter inter-orthodoxer Beziehungen inoffizielle Formate für orthodox-katholischen Dialog, wie dasjenige von „Pro Oriente“, für die Fortführung und Vertiefung des Dialogs mehr denn je an Bedeutung gewinnen.

Nach diesem Bericht wurden die Kommissionsmitglieder über die Aktivitäten der anderen Dialogkommissionen von “Pro Oriente” informiert, die sich um den Dialog mit den Orientalischen Kirchen und den Kirchen der syrischen Tradition bemühen. Anschließend informierten die Sprecherinnen und Sprecher der drei Arbeitsgruppen über deren jeweilige Aktivitäten seit dem ersten Treffen der Gruppe im Jahr 2018.

Erzpriester Vladimir Khulap (Russisch-Orthodoxe Kirche) führte aus, wie aus seiner Sicht die zahlreichen orthodox-katholischen Dialoge in verschiedenen Ländern und Regionen besser miteinander zu verbinden seien. Dr. Katerina K. Bauer (Orthodoxe Kirche Tschechiens und der Slowakei) präsentierte eine theologische Reflexion über “Rezeption und Inspiration”, in der sie die Notwendigkeit ständiger Reflexion über die in den verschiedenen ökumenischen Dialogformaten bereits verabschiedeten Konvergenzerklärungen unterstrich.

Prof. Dr. Myriam Wijlens, die aufgrund eines Forschungsfreisemesters nicht an dem Treffen in Wien teilnehmen konnte, präsentierte online die aktuelle Arbeit der Kommission für “Glaube und Kirchenverfassung“ des Ökumenischen Rats der Kirchen über „Moralische Urteilsfindung in den Kirchen“. Sie betonte, dass Themen der Individualmoral, wie der Bereich menschlicher Sexualität, und die verschiedenen Zugänge zur Urteilsfindung in diesen Bereichen, ein großes Konfliktpotential auch in den einzelnen Kirchen in sich bergen. Sie stellte heraus, dass entsprechende Spannungen nicht automatisch zu tiefen Trennungen innerhalb der verschiedenen Kirchen führen und daher nicht als kirchentrennend angesehen werden können.

Der „ökumenische Dialog und die Fundamentalisten“

Besonderes Interesse lösten bei allen Teilnehmenden die Ausführungen des Direktors der Theologischen Akademie im griechischen Volos, Pantelis Kalaitzidis, zur Frage „Wie verhält man sich im ökumenischen Dialog zu Fundamentalisten?“ Die zentralen Fragen in diesem Zusammenhang lauteten: „Wie weit kann der Dialog mit Leuten gehen, die den Dialog verweigern?“, und: „Welche Antwort kann man auf den Anspruch einiger Fundamentalisten geben, dass Dialog kein Dialog sei, wenn sie nicht einbezogen sind, und wenn man nicht wage, ihre Kritik und sogar ihre Opposition gegen den Ökumenismus zu diskutieren“. Fundamentalisten und religiöse Extremisten, so Kalaitzidis, verließen sich auf Pluralismus und Diversität, um beide zu bekämpfen. Im Grund gehe es um eine ähnliche Fragestellung wie in der Politik, wo die Feinde der Demokratie und der Menschenrechte sich der modernen Kommunikationsmittel bedienen, um gegen die Moderne zu kämpfen“, betonte der griechische Theologe. Die Moderne - mit Menschenrechten, Toleranz und Akzeptanz von Diversität – könne als ein von fundamentalistisch gesonnenen Orthodoxen abgelehntes Element des Ökumenismus angesehen werden.

Der Direktor der Akademie von Volos unterstrich seine persönliche Überzeugung, dass es keinen Dialog ohne Regeln und ohne Voraussetzungen geben könne. Eine grundsätzliche Regel des ökumenischen Dialogs sei es, den „Anderen“ in seiner Würde und christlichen Identität zu respektieren. Eine Voraussetzung sei aber auch die Akzeptanz des Kircheseins der anderen Kirchen. Hier müsse man sich die Frage stellen, ob Fundamentalisten bereit sind, andere Christen als Christen zu akzeptieren oder ob sie sie als „Häretiker, Verräter oder Apostaten“ betrachten.

Pantelis Kalaitzidis entwickelte auf diesem Hintergrund ein Mehrpunkte-Programm sowohl für den Dialog als auch die Konfrontation mit Fundamentalisten, zu dem folgende Punkte gehören:
+ Durch Verweis auf die Treue zum dialogischen Ethos des Christentums lasse sich die radikal antichristliche Mentalität der Gegner des Ökumenismus entlarven.

+ Die Missverständnisse und Fehlinterpretationen der theologischen, spirituellen und kanonischen Traditionen durch Fundamentalisten seien aufzuzeigen, die dabei historische Traumata instrumentalisieren. Eine „Dekonstruktion“ des fundamentalistischen „Narrativs“ sei notwendig, die auf biblischen, patristischen, liturgischen, spirituellen und kanonischen Traditionen des Ökumenismus basiere.

+ Die bei den ökumenischen Dialogen erzielten wichtigen Schritte müssten in der kirchlichen Öffentlichkeit besser dargelegt werden.

+ Kontakt und Austausch zwischen östlichen und westlichen Fakultäten, Seminaren, Diözesen, Klöstern und Gruppen von Gläubigen sollten intensiviert werden.

+ Jede „Doppelzüngigkeit“ ist zu vermeiden, die zu einer ökumenischen „ad extra“-Kommunikation und zu einer „ad intra“-Kommunikation führe, die anti-ökumenisch oder zumindest nichtökumenisch sei. Im Zusammenhang damit seien auch alle Denkmodelle zu überwinden, die sich weigern, den „heterodoxen“ kirchlichen Gemeinschaften jeglichen Grad von Kirchlichkeit zu verweigern, ob es um die Anerkennung der Taufe oder gemischtkonfessionelle Eheschließungen geht.

Abschließend trat der griechische Theologe für einen Prozess der „Heilung der Erinnerungen“ und die Überwindung der „Last von Geschichte und Psychologie“ durch die Theologie und einen „wahrhaft ökumenischen Geist“ ein. Man müsse die Rolle der Geschichte als trennenden Faktor und zugleich die Möglichkeiten des gemeinsamen ökumenischen Blicks auf die historische Vergangenheit als „einigenden Faktor“ sehen. Buße und Selbstkritik sollten als zentrale Faktoren auf dem Weg zur christlichen Einheit und zur Versöhnung gesehen werden.

Die Mitglieder der “Pro Oriente” Kommission sind (in alphabetischer Reihenfolge): Dr. Katerina K. Bauer, P. Hyacinthe Destivelle OP, Dr. Regina Elsner, Dipl.-Theol. Christian Föller, Director Dr. Pantelis Kalaitzidis, Prof. Dr. Assaad E. Kattan, Archpriest Vladimir Khulap, Ass.-Prof. P. Dr. Ioan Moga, Director Dr. Johannes Oeldemann, Ekaterini Pekridou MA, Prof. Dr. Rudolf Prokschi, M. theol. Georgios Vlantis, Prof. Dr. Myriam Wijlens, P. Dr. Milan Zust.

Erich Leitenberger, Pro Oriente

Drucken