Ukraine: Ökumenisches Patriarchat ernennt zwei Exarchen für die Ukraine

Nach dem offenbar ergebnislosen Treffen zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und dem russischen Patriarchen Kirill Ende August hat das Ökumenische Patriarchat am 7. September die Entsendung von zwei Exarchen in die Ukraine bekannt gegeben: „Im Rahmen der Vorbereitungen für die Zuerkennung der Autokephalie an die orthodoxe Kirche in der Ukraine hat das Ökumenische Patriarchat als seine Exarchen in Kiew Erzbischof Daniel (Zelinskyj) von Pamphilos und Bischof Ilarion (Rudnyk) von Edmonton ernannt. Beide dienen den ukrainischen orthodoxen Gläubigen in den USA und Kanada unter dem Ökumenischen Patriarchat."

Die beiden zu Exarchen ernannten Bischöfe sind in der Westukraine aufgewachsen und haben schon bei den bisherigen Bemühungen Konstantinopels in der ukrainischen Kirchenfrage eine wichtige Rolle gespielt. So nahmen sie auch als Vertreter des Ökumenischen Patriarchats an den Feierlichkeiten zur 1030-jährigen Taufe der Rus’ in Kiew im Juli 2018 teil. Sie sollen den Dialog mit den drei getrennten orthodoxen Kirchen der Ukraine aufnehmen. Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris, der auch bei dem fast dreistündigen Gespräch zwischen Barthomaios und Kirill im Phanar am 31. August anwesend war, erklärte gegenüber der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR, die Hauptaufgabe der beiden Exarchen sei es, die Kontakte unter den Orthodoxen in der Ukraine zu erleichtern, Brücken zu bauen, den Dialog zu fördern und „schließlich zum Aufbau einer unabhängigen Ortskirche beizutragen“. Die Ernennung der beiden Exarchen bezeuge die „Entschlossenheit“ von Patriarch Bartholomaios, die Spaltung der ukrainischen Orthodoxen zu überwinden.

Der Geschäftsführer der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK–MP), Metropolit Antonij (Pakanytsch) kritisierte das Vorgehen des Ökumenischen Patriarchats und betonte, dass die die überwiegende Mehrheit der Gläubigen der UOK–MP die angestammte Kirche nicht verlassen werde. „Unsere Leute werden ihre Hirten nicht verraten, weil sie sie lieben und ihnen folgen“, so der Metropolit. Freilich werde es in den Familien Konflikte geben, Gotteshäuser könnten besetzt werden, Brüder würden sich gegen Brüder wenden, die Ereignisse der 1990er Jahre könnten sich wiederholen. Die eigensinnigen Versuche des Ökumenischen Patriarchats, das Schisma in der Ukraine durch die Verleihung der Autokephalie zu heilen, stellten keine „Medizin“, sondern ein „Gift“ für die kanonische orthodoxe Kirche in der Ukraine und für die ganze Orthodoxie dar. Metropolit Antonij sprach sich daher für die Einberufung eines panorthodoxen Konzils aus. In der Geschichte der Kirche habe sich immer gezeigt, dass es notwendig war, ein lokales oder ökumenisches Konzil einzuberufen, wenn ein Problem, eine Häresie oder ein Schisma auftauchte. Den Vorschlag eines panorthodoxen Konzils griff auch der stellvertretende Leiter des Außenamtes der UOK–MP, Erzpriester Mykola (Danylevytsch) auf.

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kiewer Patriarchat (UOK–KP) begrüßte dagegen die Entsendung der Exarchen und betonte, dass dies nicht die Gründung einer neuen kirchlichen Jurisdiktion in Form eines Exarchats bedeute, sondern ihre Funktionen mit denjenigen bevollmächtigter Sonderbotschafter zu vergleichen sei. Das Oberhaupt der UOK–KP, Patriarch Filaret (Denisenko), betonte in einem Interview am 17. September, dass alle Erzhierarchen der UOK–MP in der neuen autokephalen Ukrainischen Orthodoxen Kirche willkommen seien. Er gehe davon aus, dass die Synode des Ökumenischen Patriarchats, die vom 9. bis 11. Oktober stattfinden soll, den Tomos über die Autokephalie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche beschließen werde. Erst danach könne ein ukrainisches Konzil zur Vereinigung der UOK–KP, der UOK–MP und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (UAOK) stattfinden und ein Patriarch gewählt werden. In diesem Prozess werde die UOK–KP eine führende Rolle spielen.

Am 17. September trafen die beiden Exarchen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zusammen und überreichten ihm einen offiziellen Brief von Patriarch Bartholomaios, in dem dieser seinen Wunsch bekräftigt, den begonnenen Prozess der Verleihung der Autokephalie an die ukrainische Kirche zu Ende zu führen. Große Beachtung fanden die Worte von Poroschenko in einem TV-Interview vom 8. September, dass man keine der bestehenden Kirchen in der Ukraine in die „Autokephale Ukrainische Kirche“ umwandeln, sondern diese schaffen, respektive nach 300 Jahren restaurieren werde.

Laut einer gemeinsam durchgeführten Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts der Soziologie, des Razumkov-Zentrums und dem Zentrum Socis vom 30. August bis 9. September 2018 gehören 45,2 Prozent der Ukrainer der UOK–KP, 16,9 Prozent der UOK–MP und 2,1 Prozent der UAOK an. 33,9 Prozent bezeichnen sich als „einfach orthodox ohne kirchliche Zugehörigkeit“, 1,9 Prozent wissen nicht, welcher Kirche sie angehören. 68,8 Prozent der Gesamtbevölkerung bekennen sich zur Orthodoxie. Gemäß einer weiteren Umfrage des Razumkov-Zentrums vom 16. bis 22. August begrüßen 35 Prozent der Ukrainer die Schaffung einer autokephalen Ukrainischen Orthodoxen Kirche, 19 Prozent lehnen dies ab, 33,5 Prozent interessiert das Thema nicht und 12 Prozent taten sich mit einer Antwort schwer. Die größte Zustimmung findet das Vorhaben unter Kirchengliedern der UOK–KP (61% dafür, 11% dagegen) und der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (40% dafür, 19% dagegen), eher ablehnend sind Kirchenglieder der UOK–MP (27% dafür, 41% dagegen). (mit Material von Kathpress)

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