Belarus: Andrzej Poczobut zur Situation der katholischen Kirche im Land
In einem Interview mit der polnischen katholischen Presseagentur KAI hat der belarusische Journalist Andrzej Poczobut Stellung zur Situation der römisch-katholischen Kirche genommen. Die Kirche sei ein „Fremdkörper im belarusischen Regierungsgefüge“. Sie passe nicht zu Lukaschenkas mit Putin geteilter Überzeugung, dass Russen, Ukrainer und Belarusen ein einziges orthodoxes Volk darstellten.
Poczobut zufolge ist der Einfluss der katholischen Kirche in Belarus schwer abzuschätzen, weil nur 14,5 Prozent der belarusischen Bevölkerung katholisch sind, ihre Kirchenzugehörigkeit jedoch von größerer Verbindlichkeit geprägt sei als die oft deklarative Zugehörigkeit der Mehrheit der Belarusen zur Orthodoxie. Zudem sei die Autorität katholischer Priester bedeutend größer als diejenige eines orthodoxen Priesters.
Was die Zusammenarbeit der römisch-katholischen Kirche mit dem Staat betrifft, sei diese seit 2020 deutlich eingegrenzt worden. Vor 1990 waren katholische Gemeinden in Belarus Teil einer polnischen Diözese, seit 1991 gibt es in Belarus vier römisch-katholische Diözesen, was auch zur Folge hatte, dass auf Wunsch der Regierung die belarusische Identität und Sprache in der Kirche gefördert und die Anzahl der Messen in polnischer Sprache reduziert wurde. Poczobut zufolge hat dies jedoch zu keiner spürbaren Zunahme an Gläubigen geführt, sondern eher dazu, dass polnische Kinder zwar Polnisch sprechen, aber nicht mehr auf Polnisch beten können.
Auf die Ausweisung von katholischen Priestern nach Polen angesprochen, erklärte Poczobut, dass die Regierung dabei eigentlich konsequent vorgehe, insofern sie bereits 2007 angekündigt habe, ihr Ziel sei die Entfernung polnischer Priester aus Belarus. Als polnische Staatsbürger würden sie in Belarus nicht verhaftet, im Gegensatz zu Priestern mit belarusischer Staatsbürgerschaft. 2025 wurde Priester Okołotowicz zu elf Jahren Haft verurteilt, zurzeit läuft der Prozess gegen den vor sieben Monaten verhafteten Priester Anatol Parachniewicz, dem Staatsverrat vorgeworfen wird. Okołotowicz und der zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilte Priester Aleksander Juchniewicz sind aufgrund einer Intervention des Vatikans 2026 freigelassen, jedoch des Landes verwiesen worden.
Das Vorgehen der Regierung schwäche zwar die Kirche physisch, da nicht mehr alle Pfarreien einen Priester haben, doch gewinne die Botschaft der Kirche unter repressiven Bedingungen an Bedeutung. Für die Sicherheitsdienste steht die Kirche noch immer unter polnischem, und deshalb unkontrollierbarem Einfluss, vor allem von Priestern als unerwünschten „autonomen Elemente“, die in Polen ausgebildet wurden, nach Polen reisen und Zugang zu unabhängigen Informationen haben. Das gelte weniger für Priester, die am Priesterseminar in Grodno ausgebildet werden und Familien in Belarus haben.
Gute ökumenische Zusammenarbeit gehöre der Vergangenheit an, diese sei zwischen Bischof Aleksander Kaszkiewicz, dem emeritierten Erzbischof von Hrodna, und dem 2023 verstorbenen belarusisch-orthodoxen Bischof Artemij (Kischtschanka) von Hrodna und Volkovysk beispielhaft gewesen. Gegenwärtig gebe es unter orthodoxen Geistlichen nur noch Ausnahmefälle, die nicht unter dem Einfluss der „russischen Welt“ stünden.
Andrzej Poczobut wurde 1973 in Belarus geboren. Er agierte als Vertreter der polnischen Minderheit in Belarus und Kritiker von Präsident Alexander Lukaschenka. Für seine Tätigkeit wurde er mehrfach in Belarus verhaftet, zuletzt wurde er 2023 zu acht Jahren Strafkolonie verurteilt. Im Dezember 2025 nahm seine Tochter Jana Poczobut im Europäischen Parlament in Strassbourg den Sacharow-Preis für geistige Freiheit entgegen. Am 28. April 2026 wurde Poczobut zusammen mit vier weiteren politischen Gefangenen freigelassen. Andrzej Poczobut, der am 11. November 2025 mit dem Orden des Weißen Adlers ausgezeichnet wurde, nahm den Orden am 3. Mai 2026 aus den Händen von Präsident Karol Nawrocki entgegen. Im Mai 2026 wurde er in den Rat für die Polonia und die Polen im Ausland beim Präsidenten der Republik Polen berufen. Im September kehrte er nach Belarus zurück und will weiterhin an den Aktivitäten des „Bundes der Polen in Belarus“ teilnehmen, der noch immer aktiv ist und dessen Website 2024 als „extremistische Gruppe“ eingestuft wurde: „Ich möchte hier keine großen Worte machen, aber ich glaube, ich bin bereit: Wenn die Behörden der Meinung sind, dass diese Geschichte noch einmal wiederholt werden muss, dann bin ich bereit, sie noch einmal zu wiederholen. Man muss sich selbst treu bleiben.“
Regula M. Zwahlen

Das Monitoring trägt Fälle von Verfolgung auf religiöser Grundlage in Belarus im Kontext der gefälschten Präsidentenwahlen 2020 zusammen. Berücksichtigt sind auch Sanktionen innerhalb religiöser Gemeinschaften sowie die politische Verfolgung religiöser Personen.
Weiterlesen

Seit Beginn der politischen Krise in Belarus im August 2020 sind engagierte katholische Gläubige und Geistliche immer wieder Repressionen ausgesetzt. Natallia Vasilevich dokumentiert die staatlichen Maßnahmen gegen Gemeinden und Einzelpersonen.
Weiterlesen