Russland: Gedenken an 100. Jahrestag der Ermordung des letzten Zaren

Anlässlich des 100. Jahrestages der Ermordung des letzten russischen Zaren Nikolaj II. und seiner Familie haben zehntausende Gläubige am Gottesdienst vor der Kirche auf dem Blute in Jekaterinburg und der anschließenden Prozession teilgenommen. Die Kirche steht an der Stelle, an der vor 100 Jahren in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli die Zarenfamilie von den Bolschewiki erschossen wurde. Die Prozession führte zur 21 Kilometer entfernten Ganina Jama, eine zu einem ehemaligen Bergwerk gehörende Grube, in deren Nähe die Opfer vergraben wurden. Heute steht dort ein Kloster.

Patriarch Kirill hofft, dass das Gedenken an den Tod der Zarenfamilie zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte anrege und die Menschen vereine. Das „Überdenken der Geschichte“ solle zu mehr „Einigkeit und Versöhnung“ führen. Beim Gottesdienst sagte er, Russland müsse aus dieser historischen Erfahrung lernen und sich eine „standhafte Ablehnung“ gegenüber allen Ideen und Anführern aneignen, die durch die Zerstörung „unseres Volkslebens, unserer Traditionen und unseres Glaubens“ nach „irgendeiner neuen, unbekannten glücklichen Zukunft“ strebten.

Für die Feierlichkeiten reisten zahllose Gläubige nicht nur aus Russland, sondern auch aus dem Ausland an, ebenso viele Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) sowie Mitglieder der Familie Romanov, darunter Großfürstin Maria Romanova. Zudem nahmen zahlreiche Beamte teil, so der Bevollmächtigte Vertreter des Präsidenten für den Föderationskreis Ural, Nikolaj Zukanov, der Gouverneur der Oblast Sverdlovsk, Evgenij Kuivaschev, und der Vorsitzende des Duma-Komitees zur Entwicklung der Zivilgesellschaft und für Fragen gesellschaftlicher und religiöser Vereinigungen, Sergej Gavrilov, die sich aber nicht öffentlich zu den Ereignissen vor 100 Jahren äußerten.

Am 15. Juli besuchte Kirill die Stadt Alapaevsk und das dortige Männerkloster, wo er die Kirche der Fjodorovskaja-Ikone – die Hausikone der Familie Romanov – weihte. Danach besuchte er das nahegelegene Frauenkloster, das zu Ehren Großfürstin Jelisaveta Fjodorovna, der Schwester der letzten Zarin, errichtet worden war; ebenfalls um dort eine Kirche zu weihen. Die Großfürstin war einen Tag nach der Zarenfamilie in Alapaevsk mit einigen Getreuen von den Bolschewiki umgebracht worden. Einen Teil ihrer Reliquien hatte Kirill bei seiner Ankunft in Jekaterinburg am 13. Juli in die Kirche auf dem Blute gebracht.

Kurz vor dem Beginn der Gedenkfeierlichkeiten hatte die zuständige russische Untersuchungskommission verkündet, dass die neuesten genetischen Tests die Authentizität der Gebeine der Zarenfamilie bestätigten. Dies bewiesen unter anderem Vergleiche mit dem exhumierten Körper von Zar Alexander III, dem Vater von Nikolaj. 1991 waren in einem Massengrab Gebeine gefunden worden, die Zar Nikolaj, seiner Frau Alexandra von Hessen und ihren fünf Kindern zugeordnet wurden. Seither wurde in mehreren Untersuchungen versucht, ihre Echtheit zu beweisen. Die ROK „verfolgt aufmerksam die Neuigkeiten“, erklärte Vladimir Legojda, der Vorsitzende der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit der Kirche mit der Gesellschaft und den Medien. Die ROK werde die Ergebnisse dieser Untersuchungen und derjenigen, die laut dem Kommissionsstatement noch folgen sollen, studieren. Die ROK hat bisher die Echtheit der Überreste nicht anerkannt, weil sie einen Fehler befürchtet.

Zar Nikolaj II. hatte am 2. März 1917 abgedankt und so den Weg für ein neues Herrschaftssystem freigemacht, dennoch wurden er und seine Familie nach der Oktoberrevolution gefangen gehalten und schließlich 1918 in Jekaterinburg ermordet. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand eine Neubewertung des zuvor als Ausbeuter geltenden letzten Zaren statt. So wurden Nikolaj und seine Familie im Jahr 2000 von der ROK heiliggesprochen. (NÖK)

Drucken

renovabis