Ukraine: Evangelisch-Lutherischer Bischof: Täter und Opfer nicht auf eine Ebene stellen

Im Krieg in der Ukraine müssen die Dinge gerade angesichts des russischen Propagandadrucks beim rechten Namen genannt werden. Denn in diesem Konflikt sei klar, „wer der Aggressor und wer das Opfer ist“. Das betonte Bischof Pawlo Shwarts von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) im Kathpress-Interview. Er hielt sich für zwei Tage zu Gesprächen in Wien auf. Der Bischof kritisierte, dass auch viele kirchliche Organisationen nicht klar benennen würden, wer Täter und wer Opfer sei. Wenn man beispielsweise sage, man bete für die Ukraine und für Russland, „dann werden Opfer und Täter auf eine Ebene gestellt“, so der Bischof.

Der 39-jährige evangelische Geistliche ist nicht nur Bischof, sondern auch Pfarrer in Charkiv, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Diese stehe weiter unter heftigem russischem Beschuss. Vor allem der Norden der Stadt sei kaum mehr bewohnbar, die Hälfte der ursprünglich 1,5 Millionen Einwohner zählenden Stadt habe diese verlassen. Dennoch lebten einzelne Menschen auch noch im Norden in Kellern oder Häusern, obwohl der Beschuss durch Artillerie und Raketen auf die Wohnblocks weitergehe. „Menschen, die noch hier sind, haben seit 2014 die Erfahrung gemacht, man kann vielleicht bleiben und überleben“, erklärte der Bischof. Doch jetzt sei die Situation eine andere: „Dieser Krieg ist viel gefährlicher, viel aggressiver.“

In den südlicheren Teilen der Stadt funktioniere die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Gas und Strom trotz des Krieges „eigentlich ganz gut“. Auch die Müllentsorgung sei noch intakt und auch Krankenhäuser in Betrieb. Benzin werde jedoch knapp. Und zu den anfänglichen humanitären Schwierigkeiten kämen nun vermehrt psychische Probleme: „Viele Menschen leben hier bereits seit über zwei Monaten in Kellern oder U-Bahn-Stationen“, so Bischof Shwarts.

Die Mehrheit der Familien mit Kindern habe die Stadt verlassen, und auch Shwarts zeigte sich erleichtert, dass er seine Familie über die Zentralukraine nach Polen in Sicherheit bringen konnte. Trotzdem seien immer noch Familien mit Kindern vor Ort.

Bei der Hilfe für die Menschen würden die Kirchen in Charkiv eng zusammenarbeiten. Kirchliche Mitarbeiter „bringen etwa Lebensmittel direkt zu Menschen in die U-Bahn-Stationen oder versuchen Leute aus der Stadt zu evakuieren“. Der Bischof berichtete auch von zwei Essensausgabestellen der Griechisch-katholischen Kirche in Charkiv. Auch Gottesdienste finden noch statt, allerdings „manchmal in improvisierten Räumen, in Kellern oder U-Bahn-Stationen“. Der Bedarf an Seelsorge werde immer größer, doch es fehlten die Menschen, die professionelle Hilfe leisten könnten.

Die Seelsorge für die rund 1000 evangelischen Christen seiner Diözese, die sich auf 24 Gemeinden aufteilen, sei auch schon zu Friedenszeiten eine Herausforderung, berichtete der Bischof, dem zehn Pfarrer zur Verfügung stehen. Mit vielen Gemeinden versuche er per Telefon oder Mail Kontakt zu halten. Das sei aber vor allem mit jenen, die nun in Gebieten unter russischer Okkupation stehen, kaum mehr möglich. Zu diesen habe er auch keinen physischen Zugang mehr.

Hilfe aus dem Ausland sei als finanzielle Unterstützung am effizientesten, so der Bischof weiter, denn: „Derzeit kann man noch die meisten Dinge in der Ukraine kaufen.“ Die ukrainische Wirtschaft habe sich an den Krieg angepasst, „wenn die Hilfsgüter vor Ort gekauft werden, stärkt das auch die ukrainische Wirtschaft“.

Bei seinem Wien-Besuch ist der Bischof u.a. mit dem Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Mario Fischer, dem evangelisch-lutherischen Bischof Michael Chalupka und Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser zusammengetroffen. (Quelle: Katholische Presseagentur Kathpress, www.kathpress.at)

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