Griechenland: Zurückhaltung in der Namensfrage und beginnende Staat-Kirche-Debatte

Auf den Kompromiss in der Namensfrage zwischen Griechenland und Makedonien hat die Griechische Orthodoxe Kirche ungewohnt zurückhaltend reagiert. So äußerten sich weder Erzbischof Hieronymus (Liapis) noch die Kirchenführung zur Unterzeichnung des Vertrags von Prespa, der vorsieht, dass das nördliche Nachbarland Griechenlands künftig Nord-Makedonien heißen soll. An den Demonstrationen gegen die Unterzeichnung des Vertrags nahmen nur vier Bischöfe aus Nordgriechenland teil.

Am 17. Juni hatten die Ministerpräsidenten beider Länder, Alexis Tsipras und Zoran Zaev, den Vertrag von Prespa unterzeichnet und damit in einem „historischen Kompromiss“ den 25 Jahre währenden Streit um den Landesnamen „Makedonien“ beigelegt. Makedonien, dessen internationale offizielle Bezeichnung bisher „Former Yugoslav Republic of Macedonia“ lautet und in Griechenland nur mit dem Akronym FYROM oder als „Ta Skopia“ (nach der Hauptstadt Skopje) bezeichnet wird, soll künftig Nord-Makedonien (Severna Makedonija) heißen. Dieser Kompromiss hat bei nationalistischen Hardlinern in beiden Ländern zu heftigen Protesten geführt.

Die jetzige Zurückhaltung der Kirchenführung lässt sich jedoch auch damit erklären, dass die Position der Kirche in der makedonischen Namensfrage seit Jahren unverändert ist. Als sich Anfang Januar ein Durchbruch im Namensstreit abzeichnete, hat die Hl. Synode noch einmal die Position der Griechischen Orthodoxen Kirche deutlich gemacht. So befürchtet die Hl. Synode, dass ein offizieller Landesname „Makedonien“ bzw. als Bestandteil eines Landesnamens den Anspruch der unkanonischen Makedonischen Orthodoxen Kirche auf diesen Namen stützen könnte. An Massendemonstrationen in Thessaloniki und Athen im Januar und Februar nahmen daher auch viele Geistliche teil.

Man beobachte die Entwicklungen sehr genau, lässt sich ein Mitglied der Kirchenführung in der griechischen Tageszeitung Kathimerini zitieren, zuständig für Entscheidungen sei aber das Parlament. Die Zeitung vermutet, dass die leisen Töne, die die Kirche in der Namensfrage anschlägt, von einer Art „Realpolitik“ herrühren. Im Gegenteil habe die Kirche sogar wenig Grund, sich mit der derzeitigen Syriza-Regierung anzulegen, solange diese nicht aufhöre, die kirchlichen Wünsche zu erfüllen.

Dies erscheint jedoch zunehmend fraglich, denn nach dem Makedonien-Kompromiss wagt sich der griechische Ministerpräsident Tsipras an ein weiteres heißes Eisen: Er will die Trennung von Kirche und Staat herbeiführen. Die Frage ist eingebettet in das Thema einer generellen Verfassungsrevision, bei der es auch um die Frage eines Verfassungsgerichts und die direkte Wahl des Präsidenten durch das Volk gehen soll. Hinsichtlich des Verhältnisses von Kirche und Staat geht aus einem im vergangenen Jahr erstellten Dokument hervor, dass die Unterscheidbarkeit von Kirche und Staat noch stärker herausgehoben wird, unter Würdigung der Orthodoxen Kirche und ihrer historischen Rolle. Zudem soll es künftig eine eindeutige Garantie der religiösen Neutralität des Staates geben (wiederum unter Anerkennung der Orthodoxie als historisch vorherrschende Religion). Drittens sollen künftig Politiker, Richter und andere Beamte nur noch einen politischen Eid leisten müssen. Bei der Vereidigung ihrer Regierung in Anwesenheit von Bischöfen im Januar 2016 hatten sich die Syriza-Minister einschließlich des Ministerpräsidenten geweigert, auf die Bibel zu schwören.

Tsipras sei sich bewusst, dass das Vorhaben Widerstand seitens der Kirche hervorrufen werde, halte dies aber für kontrollierbar, so die Kathimerini. Sie verweist dabei auf die „guten persönlichen Beziehungen“, die Tsipras zum Erzbischof habe sowie „funktionale“ Beziehungen mit wichtigen Kirchenvertretern. Weitere Details sind bisher nicht bekannt. Doch haben sich bereits in den letzten Tagen viele Bischöfe zu Wort gemeldet. Dabei geht es auch um die Frage von Besitztümern und der Besoldung der rund 10.000 Geistlichen und ihrer Familien, zu der der Staat laut einem Vertrag von 1952 verpflichtet ist. Bei den Debatten um die Finanzierung der Kirche verweist diese darauf, dass sie nur noch vier Prozent ihres ursprünglichen Vermögens besitze, da sie im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Boden und Weideland an den Staat habe abtreten müssen. „Sie sollen uns unseren Besitz zurückgeben und uns in Ruhe lassen. Jedes Mal, wenn eine Regierung Probleme hat, bringen sie die Kirche ins Spiel“, so Metropolit Chrysostomos (Synetos) von Dodonis gegenüber dem TV-Sender SKAI. „Das ist eine Desorientierung und das wird nicht durchgehen, denn so eine Verfassungsrevision braucht auch die Zustimmung des Volkes.“

Ähnlich äußerte sich auch Metropolit Anthimos (Roussas) von Thessaloniki gegenüber Radio Thema 104,6: „Jetzt haben sie das Thema wieder aufs Tapet gebracht. Ich war in allen Fällen dagegen, ich verstehe den Grund nicht. Wir sind keine Angestellten, wir sind Eigentümer. Der Besitz der Kirche war immer in unserer Hand und unsere Väter haben ihn uns übergeben.“ Er gehe davon aus, dass sich die Frage niemals lösen lasse. Zugleich sagte er, dass die Kirche sich an die Europäische Union wenden werde: „Wir sind in der EU und wir werden ihre Institutionen anrufen. Wenn es um die Anerkennung von Besitztümern geht, ist die EU sehr vorsichtig.“ Zudem verwies er auf die „vielen Opfer zum Wohle Griechenlands“, die die Kirche erbracht habe.

Metropolit Serafim (Mentzelopoulos) von Piräus erklärte: „Es gibt einen Vorsatz, eine hartnäckige Idee, die sagt, dass der Glaube Privatsache sei, aber das kann in Griechenland nicht geschehen. Die Orthodoxie kann nicht […] von der griechischen Nation getrennt werden.“ Der Staat sei das eine, die Nation das andere. Die Diskussion über die Trennung von Kirche und Staat dürfte also gerade erst begonnen haben. Und anders als in der Makedonien-Frage wird die Stimme der Kirchenführung vernehmlicher sein.

Elena Panagiotidis, Redakteurin bei der Neuen Zürcher Zeitung.

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