In memoriam Patriarch Irinej (Gavrilović)

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADer serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej (Gavrilović) ist am 20. November in einem Militärkrankenhaus in Belgrad an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben. Der 90-jährige war am 4. November 2020 positiv auf Covid-19 getestet geworden, danach hatte sich sein Gesundheitszustand rasch verschlechtert. Damit hat die Serbische Orthodoxe Kirche (SOK) nach Bischof Milutin (Knežević) von Valjevo und Metropolit Amfilohije (Radović) von Montenegro bereits den dritten höhen Würdenträger verloren, der am Coronavirus erkrankt war.

Beisetzung in der Sveti Sava-Kathedrale
Als erster Patriarch wurde Irinej am 22. November 2020 in der Krypta der fast fertig gestellten Sveti Sava-Kathedrale in Belgrad beigesetzt. Anders als bei der Bestattung von Metropolit Amfilohije, der Anfang November in Podgorica beigesetzt worden war, appellierte die SOK wiederholt, die von staatlicher Seite verordneten Hygienevorschriften gegen die Pandemie strikt zu beachten. Die mehreren tausend Gläubigen konnten die Begräbnisliturgie außerhalb der Kathedrale auf Videobildschirmen verfolgen. Geleitet wurde die Begräbniszeremonie von Metropolit Hrizostom (Jević) von Dabar-Bosnien, der vom Hl. Synod bis zur Wahl eines neuen Patriarchen zum locum tenens (Thronverweser) bestimmt worden ist. Konzelebranten waren Metropolit Ilarion (Alfejev) von Volokolamsk, der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, und Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Borispol, der Kanzler der Ukrainischen Orthodoxen Kirche. An der Liturgie nahmen zahlreiche Bischöfe aus Serbien und den benachbarten Ländern teil. Auch Vertreter anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften, darunter der römisch-katholische Erzbischof von Belgrad, Stanislav Hočevar, und der Belgrader Mufti Mustafa Jusufspahić waren anwesend.

Die orthodoxen Kirchen brachten in Kondolenzschreiben ihre Betroffenheit zum Ausdruck und würdigten die Verdienste des verstorbenen Patriarchen für die Einheit der Orthodoxie. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios schrieb, die Serben könnten stolz auf das sein, was ihr Patriarch für die Kirche geleistet habe. Anteilnahme erfuhr die SOK auch aus der Ökumene. So schrieb der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing: „Ökumenische Offenheit zeichnete sein Denken und Handeln aus. So führte er die engen Beziehungen, die seit langer Zeit zwischen der Serbischen Orthodoxen Kirche und der Deutschen Bischofskonferenz bestehen, engagiert weiter.“

Bei der Begräbniszeremonie sprachen sowohl kirchliche als auch politische Vertreter. Bischof Irinej (Bulović) von Bačka betonte in seiner Predigt das ökumenische Engagement des Patriarchen sowie seinen Respekt und seine Achtung gegenüber anderen Religionen und Konfessionen, und bezeichnete ihn als einen „Mann des Friedens“ in Anspielung auf seinen Namen (vom griechischen „Eirini“ = Frieden). Im Namen des russischen Patriarchen Kiril sprach Metropolit Ilarion über die Verdienste des serbischen Patriarchen „für die Bewahrung der Einheit der Orthodoxie und die kanonische Ordnung in der Orthodoxen Kirche“ sowie für seinen Einsatz für die „kanonische Orthodoxie in der Ukraine“. Zudem merkte er an: „Die Fertigstellung der Innenarbeiten in der Sveti Sava-Kathedrale […] wird als eine der größten Leistungen seines Dienstes als Patriarch in die Geschichte eingehen.“

Der serbische Vertreter des dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidiums, Milorad Dodik, sprach über das Engagement des Patriarchen für die Einheit zwischen den Serben in den jugoslawischen Nachfolgestaaten: „Er hat alle Grenzen zwischen uns aufgehoben, und das ist genau die Stärke unserer Kirche seit Jahrhunderten.“ Serbiens Präsident Aleksandar Vučić betonte ebenfalls die Verdienste des Patriarchen um die Sveti Sava-Kathedrale und erinnerte daran, wie dankbar der Verstorbene dem russischen Präsidenten Vladimir Putin für die finanzielle Unterstützung des Baus gewesen sei.

Vermittelnde Position
Miroslav Gavrilović, so der bürgerliche Name des verstorbenen Patriarchen, wurde 1930 im Dorf Vidova bei Čačak in damaligen Königsreich Jugoslawien geboren. Nach dem Gymnasium besuchte er zunächst die theologische Ausbildungsstätte in Prizren (Kosovo) und danach die Theologische Fakultät in Belgrad, die von den sozialistischen Machthabern aus der Universität ausgeschlossen worden war. Bevor er als Lehrer an der theologischen Ausbildungsstätte in Prizren tätig wurde, legte er 1959 die Mönchgelübde ab. Nach dem Postgraduiertenstudium in Athen wurde er zum Leiter der Ausbildungsstätten im Kloster Ostrog (Montenegro) und in Prizren. Nach seiner Zeit als Bischofsvikar des damaligen Patriarchen German (Đorić) wurde er 1975 zum Bischof von Niš, dem Geburtsort von Kaiser Konstantin dem Großen, gewählt. Am 22. Januar 2010 wurde er zum 45. Patriarchen der SOK mit dem offiziellen Titel „Metropolit von Belgrad und Karlovci, Erzbischof von Peć und serbisch-orthodoxer Patriarch“.

Wichtige Ereignisse seiner Amtszeit waren die Feierlichkeiten anlässlich des 1700-Jahr-Jubiläums des Toleranzedikts von Mailand 2013 sowie die Feierlichkeiten anlässlich des 800. Jahrestags seit dem Erhalt der Autokephalie im Jahr 1219. Gerne hätte der Patriarch auch den damaligen Papst Benedikt XVI. zum Jubiläum des Toleranzedikts nach Niš eingeladen: „Der Papst sollte nach Serbien kommen, das ist meine persönliche Meinung. Auch wenn es Gründe für einen Aufschub seines Besuchs gibt, wäre sein Kommen gut für ein Treffen und einen Dialog zwischen den beiden Kirchen.“ Die Einladung scheiterte letztlich jedoch am Widerstand des serbischen Episkopats.

Nach internen Debatten nahm die SOK unter Führung des Patriarchen auch an der Heiligen und Großen Synode von Kreta 2016 teil. Zuvor war viel spekuliert worden, ob sich die serbische Delegation auf eine Seite der Konfliktparteien stellt und ob sie überhaupt teilnimmt. Doch im Nachhinein wurde die Position der SOK innerhalb der Orthodoxie sowohl vom Moskauer Patriarchat als auch vom Ökumenischen Patriarchen als eine vermittelnde wahrgenommen.

Drei Charakteristika seiner Amtszeit
Es lassen sich drei zentrale Charakteristika von Irinejs Amtszeit ausmachen: (1) das Bemühen um die Einheit der Serben und das Eintreten für deren Rechte auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, (2) die Nähe zur Russischen Orthodoxen Kirche und Russland sowie (3) ein Nahverhältnis zu den staatlichen Akteuren.

Das Bemühen um die „gesegnete Einheit“ der Serben zeigte sich in seinem Engagement für die Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina, der auch sein erster Auslandsbesuch galt. Regelmäßig feierte er die kirchlichen Patronenfeste der Republika Srpska und pflegte Kontakte zu Dodik. Wiederholt betonte Irinej die Wichtigkeit eines Erhalts der Republika Srpska, „denn nur auf diesem Wege kann sich das serbische Volk auf diesem Gebiet mit seinem Namen und Kultur erhalten.“

Auch Kosovo war ein zentrales Anliegen des Patriarchen, das sich in regelmäßigen Besuchen, durch die Eröffnung der Bischofsversammlungen in Peć, statt in Belgrad und dem Einsatz vor internationalen Gremien wie der UN widerspiegelte. Seine Haltung zum Kosovo erklärte Irinej in einem Interview wie folgt: „Jegliche, auch eine größtmögliche Autonomie von Kosovo und Metohija ist akzeptabel, aber eine de facto-Anerkennung der selbsternannten Staatlichkeit und Unabhängigkeit der Provinz nicht. Langfristig gesehen ist es für die Stabilität und sogar das Überleben des Staates wichtiger als jede Position, einschließlich der SOK, dass die Lösung des Kosovo-Metohija-Problems auf der Verfassung basiert. Wir dürfen unsere eigene Verfassung nicht verletzen. Die Regierung hat unsere uneingeschränkte Unterstützung, um unter Einhaltung des höchsten Rechtsakts den besten Weg für ein gemeinsames Leben von Serben und Albanern in Kosovo und Metohija zu finden.“

Regelmäßig erinnerte Patriarch Irinej auch an die Vertreibung der serbischen Bevölkerung aus Kroatien während der postjugoslawischen Kriege und beklagte das Schweigen der römisch-katholischen Kirche in Kroatien darüber. Gleichzeitig kommunizierte er jedoch Versöhnungsbotschaften, wie etwa in seinem Aufruf an Serben und Kroaten wieder Geschwister zu sein.

Das zweite Merkmal, die Nähe zur ROK und Russland, spiegelte sich in zahlreichen gegenseitigen Besuchen von kirchlichen und politischen Vertretern sowie in der finanziellen Unterstützung Russlands für den Bau der Sveti Sava-Kathedrale wider. Bereits 2011 verlieh der Patriarch Präsident Putin den höchsten Orden der SOK.

Das dritte Merkmal von Irinejs Amtszeit ist sein außerordentlich gutes Verhältnis zu staatlichen Akteuren. Der Patriarch selbst bewertete das Verhältnis zum Staat positiv: „Die Beziehungen der SOK zum Staat sind korrekt, und wir erkennen das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat an, aber die Kirche leistet einen Beitrag zur Geschichte, und es liegt im Interesse unseres Volkes, weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis des Verständnisses und der gegenseitigen Hilfe aufrechtzuerhalten.“ Dabei wurde insbesondere über die Kosovo-Frage intensiv mit staatlichen Akteuren beraten, aber auch über die aktuellen Ereignisse in Montenegro.

Irena Zeltner Pavlović, Dr., Akademische Rätin an der Abteilung für Christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Bild: Patriarch Irinej 2012 (© Υπουργείο Εξωτερικών, CC BY-SA 2.0)

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